FC Bayern trennt sich von Thomas Tuchel nach Saisonende: Fünf Fragen und Antworten zum Trainer-Beben
Der FC Bayern München und Thomas Tuchel gehen ab Sommer getrennte Wege. Die Münchner reagieren damit mit Verzögerungszünder auf die sportliche Talfahrt. Während sich die Bayern damit für die Suche nach einem Nachfolger Zeit verschaffen, gehen sie sportlich für die nächsten Wochen aber auch ein gehöriges Risiko ein. Fünf Fragen und Antworten zum Tuchel-Beben an der Säbener Straße.
FC Bayern trennt sich von Trainer Tuchel: Aus zum Saisonende
Quelle: Perform
Paukenschlag in München.
Der FC Bayern und sein Trainer Thomas Tuchel trennen sich nach Ablauf der laufenden Saison nach nicht einmal eineinhalb Jahren. "Wir sind in einem offenen, guten Gespräch zu dem Entschluss gekommen, unsere Zusammenarbeit zum Sommer einvernehmlich zu beenden", wird Jan-Christian Dreesen, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, in einer Pressemitteilung vom Mittwoch zitiert: "Unser Ziel ist es, mit der Saison 2024/25 eine sportliche Neuausrichtung mit einem neuen Trainer vorzunehmen."
Nach Hansi Flick im Juni 2021 (605 Tage Amtszeit), Julian Nagelsmann im März 2023 (631 Tage Amtszeit) wird Tuchel - dann nur 464 Tage im Amt - der dritte renommierte Trainer in den vergangenen drei Jahren sein, der den deutschen Rekordmeister nach weniger als zwei Spielzeiten verlässt bzw. verlassen muss.
Stellt sich die Frage: Warum entscheiden die Münchner ausgerechnet jetzt, Mitte Februar, so, wie sie entschieden haben - und wer soll diese Bayern überhaupt trainieren?
Fünf Fragen zum Tuchel-Beben an der Säbener Straße.
1.) Warum ausgerechnet jetzt?
Der FC Bayern strebt einen Neuanfang zur Saison 2024/25 an. Mit Sport-Vorstand Max Eberl soll bereits ab 1. März ein neuer starker Mann in der Führungsetage etabliert werden, dem im Sommer der richtige Trainer beiseitegestellt werden soll. Durch die frühzeitige Bekanntmachung erkaufen sich die Verantwortlichen Zeit für die Suche nach einem geeigneten Nachfolger - ganz ohne Versteckspiel in der Öffentlichkeit.
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Thomas Tuchel (Trainer FC Bayern München)
Fotocredit: Twitter
Für ihren Top-Kandidaten, so denn gefunden, rollen sie bereits jetzt den roten Teppich aus. Immerhin hat der FC Bayern jede Menge zu bieten. Der Klub gehört zu den absoluten Topadressen in Europa und bietet Trainern einen Kader, der nationale Erfolge (in der Regel) garantiert und in der Champions League jederzeit um den Titel mitspielen kann. Nicht die schlechtesten Aussichten für den künftigen Übungsleiter.
Zudem könnte die Trennung von Tuchel auch noch einen angenehmen Nebeneffekt in Sachen Meisterschaftskampf haben. Xabi Alonso, Trainer des Tabellenführers Bayer Leverkusen, gehört jedenfalls zu den Wunschlösungen der Münchner für die Position des Cheftrainers. Zwischen 2014 und 2017 lief der Baske selbst 117 Mal für die Münchner auf und könnte bei einer Anfrage aus dem Süden durchaus ins Grübeln kommen. Für die Bayern könnte Unruhe bei der Werkself der letzte Strohhalm sein, an den man sich in Sachen zwölfte Meisterschaft in Folge noch klammert.
2.) Welche Risiken birgt die jetzige Konstellation?
Als "lame duck" bezeichnet man im politischen Kontext einen Politiker, der sich zwar noch im Amt befindet, zu einer Wiederwahl aber nicht mehr antritt oder eine Wahl bereits verloren hat. Eine solche Person gilt besonders innenpolitisch als handlungsunfähig. Nun sind Fußballtrainer in der täglichen Arbeit mit ihren Mannschaften in besonderem Maße innenpolitisch gefordert - Handlungsunfähigkeit auf dieser Position ist für jeden Klub gefährlich.
Während sich die Bosse einen positiven Effekt auf die Mannschaft erhoffen, kann der Schuss also auch nach hinten losgehen. Was, wenn die Münchner jetzt auch gegen RB Leipzig verlieren und in der Champions League nach dem 0:1 im Achtelfinal-Hinspiel bei Lazio Rom ebenfalls die Segel streichen? Würde man dann trotzdem bis zum Saisonende an Tuchel festhalten oder müsste man sich einen weiteren Fehler eingestehen, der auch die letzte Titelchance 2023/24 gekostet hat?
Im April 2011 musste man bei Louis van Gaal ebenfalls vorzeitig die Reißleine ziehen, obwohl man sich bereits auf eine Trennung nach der Saison geeinigt hatte. Andries Jonker rettete den Münchnern schließlich die Champions-League-Qualifikation und ermöglichte so das "Finale dahoam" ein Jahr darauf. Brisant: Auch im kommenden Jahr 2025 findet das Finale der Königsklasse in München statt - die Qualifikation ist angesichts von zehn Punkten Vorsprung auf Rang fünf allerdings trotz der aktuellen Krise nicht gefährdet.
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Louis van Gaal (r.) und Andries Jonker
Fotocredit: Getty Images
Als Positivbeispiel dient hingegen das Jahr 2013, als man frühzeitig bekannt gab, den am Saisonende auslaufenden Vertrag von Jupp Heynckes nicht zu verlängern und stattdessen auf Pep Guardiola zu setzen. Heynckes holte zum Abschied das erste Triple der Vereinsgeschichte - ein Märchen, das Tuchel angesichts von acht Punkten Rückstand in der Liga auf Spitzenreiter Bayer Leverkusen und dem Aus in der zweiten Runde des DFB-Pokals längst nicht mehr schreiben kann.
Tuchel selbst sagte am Mittwoch: "Wir haben vereinbart, dass wir unsere Zusammenarbeit nach dieser Saison beenden. Bis dahin werde ich mit meinem Trainerteam selbstverständlich weiter alles für den maximalen Erfolg geben."
3.) Was bedeutet das Tuchel-Aus für die Bayern-Profis?
Gleichzeitig ist die Entscheidung gegen Tuchel aber auch als Warnsignal an die Mannschaft zu verstehen. Die Botschaft: 'Jetzt liegt es an Euch - der Verein hat alles getan.' Es wird gezielt Druck auf die Spieler ausgeübt, die sich nun in gewisser Weise schon dem neuen Trainer präsentieren können.
Spieler wie Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Serge Gnabry oder Matthijs de Ligt, die unter Tuchel nicht den leichtesten Stand hatten, dürfen in gewisser Weise auf ein Ende des "Horrorfilms" (Zitat: Goretzka nach dem 2:3 in Bochum) hoffen.
Neuzugänge wie Bryan Zaragoza, Eric Dier oder Sacha Boey hingegen müssen nun hoffen, auch in die Überlegungen des neuen Trainers zu passen.
4.) Wie läuft die Nachfolger-Suche?
Bayern will sich Zeit lassen, den Markt in Ruhe sondieren. Im Sommer dreht sich das Trainerkarussell bei den Topklubs ohnehin schon gewaltig. Jürgen Klopp hört in Liverpool auf, Xavi beendet seine Amtszeit in Barcelona - was mit Xabi Alonso in Leverkusen passiert, steht ebenfalls in den Sternen. Zudem sind Toptrainer wie Antonio Conte oder Zinédine Zidane aktuell vereinslos.
Es ist davon auszugehen, dass man Eberl nach seinem Amtsantritt (voraussichtlich am 1. März) voll in die Trainersuche mit einspannen und daher nichts überstürzen will. Im Verein dürfte jedem in der Führungsetage die Brisanz der Aufgabe bewusst sein: Der nächste Schuss muss sitzen.
5.) Was wird aus Tuchel?
Tuchel ist ein renommierter Name im Weltfußball. Er genießt sowohl in Frankreich, wo er PSG 2020 in sein erstes Champions-League-Endspiel führte, als auch in England, wo er den Henkelpott 2021 mit dem FC Chelsea sogar gewann, einen hervorragenden Ruf. West Ham United beschäftigt sich angeblich bereits mit einer Anfrage an den 50-Jährigen, "Sky" mutmaßt zudem bereits über einen Blitzwechsel zum FC Barcelona.
Es habe zwar noch keinen Kontakt zwischen Tuchel und den Katalanen gegeben, allerdings hielten sich schon vor Bekanntwerden von Tuchels Abschied aus München hartnäckige Gerüchte über einen Wechsel in die Gaudí-Stadt. Inwieweit die internen Differenzen und der sportliche Misserfolg der vergangenen Wochen den FC Barcelona abgeschreckt haben, bleibt abzuwarten.
Tuchel plant jedenfalls keine Auszeit, steht voll im Saft und ist bereit für einen neuen Job im Sommer. Vielleicht ja auch erneut als Nachfolger von Klopp, dem er schon nach sieben Jahren in Dortmund nachfolgte.
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Tuchel erklärt: "Titelfantasien sind unangebracht"
Quelle: Perform
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