FC Bayern und der nötige Umbruch im Sommer: Max Eberl in München auf Trainer-, Spieler- und Hoffnungssuche

Der FC Bayern leckt nach einer titellosen Saison seine Wunden. Die Vorbereitungen auf die neue Spielzeit laufen im Hintergrund zwar auf Hochtouren, etwas Spruchreifes gibt es aber weder von der Trainer- noch von der Neuzugang-Front zu verkünden. Ein Umstand, der Neu-Sportvorstand Max Eberl gründlich nervt. Zurecht, angesichts des nötigen Groß-Umbruchs beim deutschen Rekordmeister.

Tuchel erklärt: Darum bin ich nicht zu den Fans in die Kurve gegangen

Quelle: Perform

Manch einer dürfte nicht schlecht gestaunt haben, als die beiden sicheren Abgänge Eric Maxim Choupo-Moting (fehlte krankheitsbedingt) und Bouna Sarr (bekam Blumen) am Sonntagabend im Vorfeld des letzten Heimspiels der Saison in der Allianz Arena offiziell verabschiedet wurden, der scheidende Trainer Thomas Tuchel und dessen Team aber noch nicht.
Stadionsprecher Stephan Lehmann begründete das Ganze damit, dass die Spielzeit ja noch nicht vorbei sei, immerhin stehe am kommenden Samstag noch ein Spiel bei der TSG Hoffenheim an. Etwas sonderbar mutete es trotzdem an.
Laufen etwa im Hintergrund doch noch wilde Planspiele, die Zusammenarbeit mit Tuchel fortzuführen? Laut eines "Bild"-Berichts von Montagabend ist eine Weiterbeschäftigung von Tuchel offenbar wieder ein Thema.
Es wäre zwar die Kirsche auf einer gleichermaßen titellosen wie verrückten Saisontorte, sollte Tuchel sein eigener Nachfolger werden. Sein frühzeitig feststehender Abgang sollte eigentlich der Start eines großen Umbruchs darstellen. Eigentlich. Denn seither gab es beim deutschen Rekordmeister nichts Spruchreifes zu verkünden. Stattdessen handelte sich Neu-Sportvorstand Max Eberl Absage um Absage ein.
Wie geht es in München jetzt personell weiter?

Der Trainer

Max Eberl ist mittlerweile mächtig genervt. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass er noch immer keinen neuen Trainer gefunden hat, obwohl er eigentlich im April für Klarheit sorgen wollte.
"Jetzt sind wir Mitte Mai und das ärgert uns natürlich auch, dass es noch nicht funktioniert hat, so wie wir uns das vorgestellt haben", sagte er nach dem 2:0 über die Wölfe am Sonntag. Auch dass während der zähen Suche, die mittlerweile gepflastert ist von Absagen, regelmäßig Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, irritiert den 50-Jährigen.
"Es wird ja sehr viel begleitet, nicht nur von den Medien, sondern auch von Protagonisten selber. Gerade unsere Gegenpartei hat sich da manchmal sehr offensiv präsentiert", haderte Eberl. Er kenne das "ein bisschen anders. Normal spricht man hinter verschlossenen Türen. Man einigt sich oder man einigt sich nicht - und dann geht man auseinander."
Dass viele Dinge öffentlich diskutiert würden, mache "alles nicht leichter", sagte Eberl weiter: "Jetzt ist es immer noch so, dass wir versuchen müssen, den Besten zu finden." Den Besten aus den Kandidaten-Resten, sollte es vielleicht eher heißen. Konkret wurde Eberl bei seiner Kritik nicht, das Buhlen um Leverkusens Erfolgscoach Xabi Alonso als auch das Bemühen um Julian Nagelsmann und Ralf Rangnick ist allerdings verbrieft.
picture

Xabi Alonso führte Leverkusen zum Meistertitel

Fotocredit: Getty Images

Wer bleibt also noch übrig, nachdem Alsonso, Nagelsmann, Rangnick und weitere angebliche Kandidaten wie Unai Emery, Oliver Glasner und Julen Lopetegui abgewunken haben? In den vergangenen Tagen nahm eine Rückkehr des derzeit arbeitslosen Sextuple-Trainers Hansi Flick Formen an, das Interesse soll aber schon wieder abgeklungen sein.
Der Grund: In der FCB-Führungsetage soll es Zweifler geben, besonders eine Dokumentation von "Amazon Prime" über die verpatzte WM 2022 in Katar, in der Flick, damals Bundestrainer, kein gutes Bild abgegeben hatte, sei ein ausschlaggebender Punkt für die Bedenken.
Eberl selbst soll übereinstimmenden Medienberichten zufolge noch immer auf eine Verpflichtung von Roberto De Zerbi (Brighton and Hove Albion) hoffen. Allerdings hatte der Italiener schon vor Wochen erklärt, seinem aktuellen Arbeitgeber treubleiben zu wollen, zudem soll es im Kreise der Bosse auch in puncto De Zerbi Vorbehalte geben.
"Wir führen Gespräche und wollen versuchen, so schnell wie möglich einen neuen Trainer zu finden", gab Eberl am Sonntag zu Protokoll. Er wolle aber "bis die Tinte trocken ist" keinen einzigen Namen mehr kommentieren. Fest steht aber schon jetzt: Eberl hat sein erstes Ziel, frühzeitig einen Coach zu präsentieren, deutlich verfehlt - und diese Krux spiegelt sich auch in der Kaderplanung wider.

Die Neuzugänge

Wir sind in einer Saisonphase angekommen, in der sich normalerweise längst etliche Spekulationen um mögliche Neuzugänge beim FC Bayern überschlagen. Normalerweise sind die Bayern aber auch zu diesem Zeitpunkt Meister und wissen, wer in der kommenden Spielzeit auf der Trainerbank sitzt.
Das ist in diesem Jahr bekanntlich anders, dementsprechend diffizil gestaltet sich die Situation auch mit Blick auf neue Spieler. In den vergangenen Wochen tauchten immer mal wieder Meldungen über potenzielle Transfers auf, wirklich konkret wurde es bisher nicht.
Laut "Sky" soll Theo Hernández, der Bruder des ehemaligen Bayern-Verteidigers Lucas Hernández, das Interesse der Münchner auf sich gezogen haben. Demnach sei der Linksverteidiger der AC Mailand nicht abgeneigt, an die Isar zu wechseln. Die Rossoneri fordern aber mindestens 60 Millionen Euro für den Franzosen.
Ein weiterer Kandidat soll Leverkusens Abwehrchef Jonathan Tah sein. Der Innenverteidiger wäre aber ebenfalls nicht günstig, immerhin hat Bayer 04 keinerlei Bestrebungen, mit den Bayern einen direkten Konkurrenten zu stärken. Vielmehr hoffen die Rheinländer darauf, Tah, dessen Vertrag 2025 ausläuft, langfristig zu binden.
picture

Jonathan Tah (Bayer 04 Leverkusen)

Fotocredit: Getty Images

"Es ist auch keine Frage, dass er sich hier nicht wohlfühlt. Das ist unbestritten. Es ist natürlich nach einer gewissen Zeit normal, dass du in der Karriere mal überlegst - das ist verständlich und auch kein Problem", sagte Meister-Manager Simon Rolfes, der aber ein "gutes Gefül hat, dass Jonathan bei uns bleibt."
Einen Abgang gen München wird Leverkusen kaum verhindern können. Josip Stanisic soll nach einer extrem erfolgreichen Leihe bei der Werkself zurück in die bayrische Landeshauptstadt. "Ich bin im Moment nicht involviert, aber ich habe schon einige Gespräche geführt. Sie (die Bayern, d. Red.) haben gesagt, dass ich fester Bestandteil ihrer Planungen bin", sagte Stanisic unlängst bei "Sky".
Aktuell identifiziere er sich aber ganz klar mit dem neuen Meister, mit dem er im DFB-Pokal und in der Europa League noch Chancen auf zwei weitere Titel hat. Laut "Sport1" will Stanisic, der als rechter Innenverteidiger in einer Dreierkette und als Rechtsverteidiger agieren kann, in Leverkusen bleiben.
Wie groß seine Chancen in München auf einen Stammplatz wären, wird - wie so vieles - vom neuen Coach abhängen. Aktuell spielt Joshua Kimmich auf der rechten Abwehrseite. In der Abwehr sind die Bayern qualitativ und quantitativ ansprechend aufgestellt, die größte Baustelle befindet sich seit geraumer Zeit im Mittelfeld.
Tuchel forderte vehement eine Holding Six, bekam sie aber nie. In Eigengewächs Aleksandar Pavlovic und einem zwischenzeitlich wiedererstarkten Leon Goretzka schuf der Coach immerhin ein wenig Abhilfe. Für die kommende Saison dürfte ein neuer Sechser aber obligatorisch werden - vor allem, wenn man sich die Fragezeichen auf der Abgangliste zu Gemüte führt.

Die Abgänge

Wie groß der Umbruch letztlich ausfällt, steht in den Sternen, allerdings scheinen die Bayern auch vor dem Verkauf großer Namen nicht zurückzuschrecken. Mit Ausnahme nur weniger Akteure wie beispielsweise Manuel Neuer, Harry Kane oder Pavlovic stehen sämtliche Stars auf dem Prüfstand.
Alphonso Davies gilt seit Monaten als Wechselkandidat, dem Kanadier liegt laut Transferexperte Fabrizio Romano ein neuer unterschriftsreifer Vertrag vor, sonderlich optimistisch sollen die Verantwortlichen hinsichtlich einer Verlängerung aber nicht sein.
Davies' aktuelles Arbeitspapier ist noch bis 2025 gültig, im Sommer bestünde - im Falle einer Nicht-Verlängerung - die letzte Möglichkeit, eine Ablöse zu generieren. Als Abnehmer wird immer wieder Real Madrid gehandelt, die kolportierten 60 Millionen Euro sollen den Königlichen aber zu viel sein.
Wer könnte neben Davies und den eingangs aufgeführten Choupo-Moting und Sarr noch das Weite suchen? Serge Gnabry, in dieser Saison vom Verletzungspech verfolgt, könnte im Rückspiel bei Real Madrid der "Bild" zufolge sein letztes Spiel für die Bayern gemacht haben.
picture

Serge Gnabry

Fotocredit: Getty Images

Der Angreifer, der sich kürzlich im Bernabeu einen Muskelbündelriss zugezogen hatte und die Heim-EM in Deutschland verpassen dürfte, ist mittlerweile nicht mehr unumstritten. Sein hohes Gehalt von knapp 20 Millionen Euro pro Jahr und die unkonstanten Leistungen (die auch den Verletzungen geschuldet sind) machen Gnabry zu einem Verkaufskandidaten.
Auch die Zukunft zwei weiterer Säulen ist längst nicht gesichert. Kimmich soll zwar gehalten werden, der Nationalspieler macht einen Verbleib aber von der Besetzung des Trainerpostens abhängig.
Ein Gebaren, das bei Eberl auf wenig Gegenliebe stößt: "Natürlich sprechen wir mit den Spielern. Die Trainerwahl ist wichtig. Die Spieler können sich aber unabhängig vom neuen Trainer entscheiden, bei Bayern zu bleiben", sagte er der "Bild".
Eberl ergänzte: "Und wenn ein Spieler sagt: Ich will bei Bayern München bleiben und ich vertraue euch, wer Trainer wird, dann kann das ja auch ein Weg sein." Kimmich selbst hatte seine Zukunft in einem Interview mit der spanischen "As" offengelassen. Im Moment denke er nicht an einen Wechsel.
"Ich werde zunächst mit Bayern sprechen. Aber natürlich sind Real Madrid und Barcelona großartige Vereine mit einer erstaunlichen Geschichte", sagte er, als er mit einem möglichen Wechsel zu einem spanischen Schwergewicht konfrontiert wurde.
Kumpel Goretzka wurde Ende März von Eberl zwar gelobt, der Mittelfeldmann scheint aber nicht mehr unverkäuflich zu sein. "Ich schätze ihn extrem. Auch mit seiner Physis und seiner Art. Dementsprechend ist Leon ein wichtiger Bestandteil des FC Bayern. Die Trainerfrage entscheidet aber die Kaderplanung", sagte Eberl über Goretzkas Zukunft.
In der üppig besetzten Abwehr könnten ebenfalls Neuerungen bevorstehen. Sollte sich das Interesse an Tah manifestieren, müsste ein aktueller Innenverteidiger abgegeben werden. Zu den "Favoriten" zählen die fehleranfälligen Dayot Upamecano und der erst im vergangenen Sommer verpflichtete Min-Jae Kim.

Die Hoffnungsträger

Da noch kein neuer Trainer da ist und auch - wie skizziert - keine Neuzugänge im Anmarsch sind, dürfte sich die ganz große Vorfreude auf die neue Saison bei vielen Fans (noch) in Grenzen halten.
Die Hoffnungen ruhen freilich auch in der nächsten Saison auf der Treffsicherheit von Kane (44 Pflichtspieltore), aber auch einige Youngster haben, neben dem ohnehin schon geschliffenen Rohdiamanten Jamal Musiala, in dieser Spielzeit für Aufsehen gesorgt.
Mathys Tel avancierte in der Hinrunde zum Edeljoker und Publikumsliebling. Der Franzose, der unter Tuchel dennoch einen schweren Stand hatte, ist ein wichtiger Baustein - nicht nur für die kommende Spielzeit.
Ähnliches trifft auch auf Pavlovic zu. Der gebürtige Münchner "profitierte" vom ständigen Personalengpass im Münchner Mittelfeld und etablierte sich in rasender Geschwindigkeit in Bundesliga und Champions League. Die Belohnung kam vom Bundestrainer. Julian Nagelsmann nominierte den 19-Jährigen für die EM.
picture

Aleksandar Pavlovic vom FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

Geht es nach Dieter Hoeneß, dessen Berateragentur Pavlovic vertritt, soll Pavlovic in den kommenden Jahren eine tragende Rolle bei seinem Verein übernehmen. "Natürlich ist es sein Wunsch, diese Rolle auszufüllen. Er hat in vielen Spielen gezeigt, dass er das kann. Ich glaube sogar, dass er ganz gut zu diesem Neuaufbau passen würde."
Pavlovic fühle sich "pudelwohl" bei seinem Heimatverein. Pudelwohl fühlte sich auch Lovro Zvonarek bei seinem Startelfdebüt gegen Wolfsburg. Der 19 Jahre alte Kroate benötigte gerade einmal vier Minuten für seine Tor-Premiere in Deutschlands Beletage.
"Lovro ist ein guter Charakter. Sehr fleißig, er hat sich das mal verdient. Wir haben viele Verletzte. Es macht Spaß, wenn er im Training ist. So reinzukommen ist doch super", freute sich Tuchel bei "DAZN".
Tuchel hatte Zvonarek einfach ins kalte Wasser gestoßen - wie einst Pavlovic. Und das, obwohl Klub-Patron Uli Hoeneß dem ehemaligen Dortmunder im April vorgeworfen hatte, zu wenig auf junge Spieler zu bauen.
Genau dies erwarte Hoeneß aber, ein Coach solle "junge Spieler verbessern und auch mal in den Arm nehmen."
Ob der neue Trainer, der geheimnisvolle Mister X, mit derartigen Fähigkeiten aufwartet? Ratsam wäre es.
picture

Tuchel zieht Saisonfazit: "Diese Woche hat uns was gekostet"

Quelle: Perform


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung