Thomas Tuchel fremdelt mit dem FC Bayern München: Geschichte wiederholt sich bereits nach zehn Monaten
VonThomas Gaber
Publiziert 31/01/2024 um 12:10 GMT+1 Uhr
Durch die knappen Siege in der Bundesliga gegen Union Berlin (1:0) und beim FC Augsburg (3:2) ist beim FC Bayern vorerst Ruhe eingekehrt. Doch hinter den Kulissen brodelt es beim deutschen Rekordmeister. Zwischen Thomas Tuchel und der Mannschaft soll es atmosphärische Störungen geben. Zudem ist der Trainer offenbar mit anderen Erwartungen nach München gekommen. Wie lange kann das noch gutgehen?
Tuchel zufrieden: "Extrem wichtige drei Punkte"
Quelle: Perform
Thomas Tuchel fiel ein großer Stein vom Herzen. "Das waren extrem wichtige drei Punkte", sagte der Trainer des FC Bayern nach dem turbulenten 3:2-Sieg in Augsburg.
Extrem wichtig in zweierlei Hinsicht: Der Rückstand auf Tabellenführer Bayer Leverkusen konnte im Laufe des Tages bis auf zwei Punkte reduziert werden. Zudem trägt jeder Sieg dazu bei, das für gewöhnlich aufgeheizte Umfeld in München etwas zu beruhigen.
Für einen echten Stimmungsaufheller hat es allerdings nicht gereicht. Es brodelt beim FC Bayern und Tuchel steht dabei im Mittelpunkt. Bereits nach der blamablen 0:1-Niederlage gegen Werder Bremen hatte die "Bild" über Probleme im Binnenklima zwischen dem Trainer und großen Teilen der Mannschaft berichtet.
Daran hätten auch Tuchels Maßnahmen zur Förderung des Teamgedankens im Kurztrainingslager im Portugal mit Tischtennis-, Darts- und Paddle-Tennis-Events nichts geändert.
Im Gegenteil: Spieler und Trainer fremdeln immer stärker. Nach Eurosport-Informationen herrscht derzeit eine eisige Atmosphäre im Team, bezogen auf das Verhältnis zum Coach.
Goretzka von Tuchel-Aussage verblüfft
Dazu passt, dass Tuchel laut der "Sportbild" seinen Frust über den schleppenden Start ins neue Jahr an den Spielern ausließ. "Ihr gebt mir keine Energie!", soll er der Mannschaft vorgeworfen und damit ein Problem offen angesprochen haben, das intern schon länger bekannt ist: Trainer und Spieler können zwischenmenschlich nicht miteinander.
Insbesondere zu Akteuren mit Leader-Potenzial wie Joshua Kimmich, Thomas Müller und Leon Goretzka soll Tuchel keinen guten Draht haben. Als Goretzka nach dem Sieg gegen Union im "Sky"-Interview erfuhr, dass er laut einer Tuchel-Aussage vor dem Spiel nur deshalb in der Startelf stand, weil Raphaël Guerreiro als Linksverteidiger gebraucht wurde, reagierte er verblüfft: "Ach so? Wenn der Trainer das gesagt hat, dann ist das wahrscheinlich so."
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Thomas Tuchel am Dienstag während des Trainings beim FC Bayern
Fotocredit: Getty Images
Später in der Mixed Zone antwortete Goretzka auf die Frage, wie er Tuchels Begründung aufgefasst habe, genervt: "Ich fühle mich ehrlich gesagt nicht wie ein Lückenbüßer. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
Schlechterer Punkteschnitt als Kovac und Nagelsmann
Schon bei seinen früheren Stationen in Dortmund, Paris und London wurde Tuchel ein distanzierter Umgang mit seinem Personal, gepaart mit eingeschränkter Empathie, unterstellt. Stets hieß es: Tuchel sei taktisch ein Genie mit außergewöhnlich hohem Know-how, hinsichtlich Menschenführung aber ein schwieriger Charakter.
Doch so rasant wie in München hat Tuchel die Vergangenheit noch nicht eingeholt. Nach gerade mal zehn Monaten wird die Geschichte neu aufgelegt. Tuchel gehen allmählich auch die Argumente aus.
Die Mannschaft liefert nur in Nuancen überzeugende Spiele ab, immer wieder reagiert der Coach in der Öffentlichkeit ratlos ob des enormen Leistungsgefälles.
Und im Vergleich mit seinen Vorgängern fällt Tuchels Punkteschnitt schlechter aus. Niko Kovac holte aus seinen ersten 40 Spielen 2,26 Punkte, Julian Nagelsmann 2,31. Tuchel kommt auf 2,15 Zähler - damit liegt er im Ranking der FCB-Trainer seit 2011 nur auf Rang acht.
Deutschland keine Wohlfühloase für Tuchel
Zudem erweckte Tuchel zuletzt nicht den Eindruck, sich in Deutschland pudelwohl zu fühlen. In einem Interview mit dem US-Portal "ESPN FC" sagte er Mitte Januar: "Ich glaube, dass wir in Deutschland sehr kritisch miteinander umgehen - besonders mit Spielern und Trainern, nicht nur mit mir. Ich habe mehr Wertschätzung in England gespürt, ja. Das ist ein Fakt." In Deutschland gäbe es laut Tuchel grundsätzlich von einer Person nur "ein Bild - und dieses Bild gilt grundsätzlich für mehrere Jahre".
Darüber hinaus soll er laut "Sportbild" mit anderen Erwartungen nach München gekommen sein. Ihn störe die fehlende Bereitschaft nach Veränderungen, er sehne sich nach den Verhältnissen in der Premier League. Daher habe er mit Nachdruck Verstärkungen aus England eingefordert, seine Wunschspieler Kyle Walker, Declan Rice und Moisés Caicedo fanden jedoch nicht den Weg zum FC Bayern.
Noch hat Tuchel Rückendeckung von den Klubchefs - zumindest wurde das Anfang der Woche nach außen hin demonstriert. Nach der harten Tuchel-Kritik von Didi Hamann sah sich der FC Bayern gezwungen, in Form einer Presseerklärung Tuchel zur Seite zu springen. Zu einem nachhaltigen Stimmungsaufheller hat aber auch diese Maßnahme nicht geführt.
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