Borussia Dortmund im Taktik-Check: So viel Nuri Sahin steckt schon im BVB - und was zum Spitzenteam aktuell noch fehlt
VonLuca Baier
Update 02/09/2024 um 19:43 GMT+2 Uhr
Ein überzeugender 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt, danach ein müdes 0:0-Unentschieden bei Werder Bremen: Borussia Dortmund zeigte zum Saisonstart zwei Gesichter in der Bundesliga. Der neue Trainer Nuri Sahin fordert den Spielern mit seiner Spielidee so einiges ab. Eurosport.de erklärt im Taktik-Check, wie der BVB-Fußball der Zukunft aussehen soll und wo bei den Westfalen Luft nach oben ist.
An Beier "hat es nicht gelegen": Sahin verteidigt Newcomer
Quelle: Perform
Dortmund agierte im Auswärtsspiel bei Werder Bremen wie schon im ersten Spiel gegen Eintracht Frankfurt quasi in zwei Systemen: In Ballbesitz spielt der BVB ein 3-4-3, bei gegnerischem Ballbesitz ein 4-2-3-1.
Nico Schlotterbeck baut in Ballbesitz gemeinsam mit Niklas Süle und Waldemar Anton auf, gegen den Ball hingegen verteidigt er links in der Viererkette.
Diese wird von Julian Ryerson komplettiert, der in Ballbesitz eine hohe Position einnimmt.
Die Idee dahinter: Sowohl Marcel Sabitzer als auch Julian Brandt können offensiv im Bereich zwischen den Linien agieren. Hinter dieser Doppelzehn sichert die Doppelsechs mit Emre Can und Pascal Groß nicht nur ab, sondern übernimmt wichtige gestalterische Aufgaben.
Groß sofort Chef, Guirassy schmerzlich vermisst
Neuzugang Groß ist vom ersten Tag an der Taktgeber schlechthin im Spiel der Schwarz-Gelben. Immer wieder bietet er sich in den kleinsten Lücken hinter der ersten gegnerischen Pressinglinie an und verliert auch unter Druck nicht die Ruhe. Lahmt das Aufbauspiel aus der Dreierkette, lässt sich der EM-Teilnehmer hin und wieder weiter zurückfallen. Gegen Werder zog er so mehrfach einen gegnerischen Mittelfeldspieler heraus - und war damit maßgeblich an den wenigen gefährlichen Szenen des BVB beteiligt.
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Pascal Groß von Borussia Dortmund
Fotocredit: Getty Images
Gegen Werders guten Mix aus kompaktem Mittelfeldpressing und einzelnen Nadelstichen durch hohes Anlaufen fand Dortmund am Samstag nur selten den Moment für einen Tempowechsel und erspielte folglich kaum klare Chancen. Vor allem das Fehlen eines echten Mittelstürmers machte sich bemerkbar, oftmals kam man in aussichtsreiche Flankenpositionen, vermisste dann aber einen Zielspieler.
Dieser fehlt in Person von Serhou Guirassy noch verletzt. Neben seiner Präsenz in der Box wird der Neuzugang aus Stuttgart dem BVB auch im Aufbau unter Druck helfen: Presste Werder hoch und riskant Mann gegen Mann, fehlte die Notfall-Option in vorderste Linie. Die Fähigkeiten von Guirassy beim Festmachen von Bällen sucht ligaweit seines gleichen, Maximilian Beier wirkte bei dieser Aufgabe überfordert und fühlt sich in Laufduellen in die Tiefe sichtlich wohler.
BVB zwischen Chance UND Risiko
Neben dem geduldigen Aufbauspiel, bei dem das Team mit vielen Pässen gemeinsam nach vorne kommt, ist die Absicherung ein wesentlicher Punkt in Sahins Spielidee. Greift Dortmund an, schieben die Innenverteidiger extrem weit mit nach vorne. Dies hat zwei Gründe: Sowohl Anton halbrechts als auch Schlotterbeck halblinks haben große Stärken im Andribbeln von freien Räumen, können also gegen einen tief stehenden Gegner Druck aufbauen und Bälle vors oder sogar aufs Tor bringen.
Der zweite Aspekt greift nach Ballverlusten: Durch die hohe Position der Verteidiger sind diese schon nah an den gegnerischen Konterspielern. Innerhalb der ersten Sekunden nach Ballverlust sollen sie im Gegenpressing helfen, den Ball sofort zurückzugewinnen.
Hier fehlt es offensichtlich noch an Feintuning. Zwar haben alle Dortmunder Defensivspieler diese Idee verinnerlicht, führen sie jedoch teilweise zu aggressiv aus. Da kommt es schon mal vor, dass ein Spieler zu gierig ist und ins Leere läuft oder zum Foul greifen muss - bezeichnend dafür die vielen Gelben Karten gegen Werder.
Sahin beweist Anpassungsfähigkeit
Weil der Gastgeber aus Bremen am Samstag in Ballbesitz mutig auftrat und Dortmunds Viererkette immer wieder mit drei Stürmern und den beiden offensiven Außenverteidigern unter Druck setzte, reagierte Sahin: Nach einer knappen Stunde ließ er auch gegen den Ball mit drei Innenverteidigern spielen. Dortmund blieb also sowohl in Ballbesitz als auch in der Abwehrarbeit in der gleichen Formation.
Ein weiterer Vorteil: Das System der Bremer wurde gespiegelt, was wiederum für viele direkte Duelle sorgte - diese konnte der BVB in der Phase mit dem individuell stärkeren Personal für sich entscheiden. Schlotterbeck grätschte mit seinem Foul zum Platzverweis jedoch buchstäblich in diesen Plan hinein, die Borussia verteidigte anschließend souverän in Unterzahl und nahm den Punkt mit.
Eurosport-Check: Dass Sahin Zeit für Entwicklung braucht, betonte er zuletzt mehrfach - und das zurecht. Vieles im BVB-Spiel ist neu und benötigt schlichtweg Training und Pflichtspielpraxis. Angesichts der vielen Nationalspieler im Kader wird die Länderspielpause den BVB nicht nach vorne katapultieren. Vielmehr werden es die vier Partien innerhalb von zwei Wochen nach der Länderspielpause sein, die weitere Sicherheit und Automatismen bringen. Mit den verbesserten Abläufen sollte das Spieltempo steigen, mit der Rückkehr beziehungsweise dem BVB-Debüt von Guirassy wird im Sturmzentrum die Lücke geschlossen. Bis dahin ist der Start mit vier Punkten zu verkraften.
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Quelle: Perform
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