Bundesliga-Kolumne - LIGAstheniker: Offener Brief an Bayern-Trainer Vincent Kompany - Bleiben Sie tollkühn!
Update 07/10/2024 um 12:02 GMT+2 Uhr
Drei Spiele ohne Sieg, fast ein Sakrileg beim FC Bayern München sollte man meinen - insbesondere zur Wiesn-Zeit. Doch der LIGAstheniker ist keiner jener Nörgler und Besserwisser, die jetzt Trainer Vincent Kompany und seinen "Hurra"-Fußball beim Rekordmeister aufgeregt auf vielen Kanälen anzweifeln: Er schreibt dem Belgier einfach direkt und offen einen Brief! Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath:
Kompany verteidigt Spielidee: "Werden so viele Spiele gewinnen"
Quelle: Perform
Lieber Vincent Kompany ,
wenn Sie gedacht haben sollten, ui, läuft ja alles supi, ach, wie einfach ist das denn, dieser scheinbare Mörderjob als Chefcoach an der Säbener ist ja gar kein Hexenwerk - dann kommt von irgendwo ein Marmoush, ein Duran oder ein Andrich daher und schon ist das alles passé und gar nicht mehr so supi.
Willkommen in der einzig wahren Wirklichkeit des FC Bayern München!
Die Aufgeregtheit des Vereins, die im Verein selbst angelegt ist (Stichwort: Uli Hoeneß), bedingt die Aufgeregtheit im Umfeld des Vereins, was Ihren Job immer wieder anstrengend bis unmöglich machen wird.
Nach neun Pflichtspielen unter Ihrer Verantwortung bekommen Sie davon jetzt einen Vorgeschmack. Die Trainerbank wird zur Anklagebank einer wendehals-geübten Öffentlichkeit, was gestern noch spektakulär war, ist heute einfach nur noch verrückt.
Was erlaubt sich dieser junge Trainer, die Bayern 2024 so offensiv in die Konter des Gegners laufen zu lassen? Lieber Vincent Kompany, strafen Sie dieses aufgeregte Dummdumm des Drumherums mit Nichtachtung und tun das, was sie bisher so überzeugend getan haben: Machen Sie weiter Ihr Ding!
Kompanys aufregender Pragmatismus
Und es sieht ja erstmal auch so aus, als bräuchten Sie gar keine Bestätigung von außen. Vor dem Eintracht-Spiel angesprochen auf Ihren "Spiel-Stil", erklärten Sie dem verdutzten Reporter, dass Sie den Begriff "Stil" so gar nicht verwenden würden, sondern sich aus dem vorhandenen Kader, ihren Spielern, ich paraphrasiere, ein "Pragmatismus" ableiten würde, der Ihnen gar keine andere Wahl ließe, die Kompany-Bayern so spielen zu lassen wie sie eben spielten.
Die philosophische Tradition des Pragmatismus geht davon aus, dass der Gehalt einer Idee oder eines Konzepts von deren praktischer Durchführung her bestimmt werden soll. Will also heißen: Wenn die Bayern dieses hohe Pressing spielen können, dann sollen sie es auch spielen. Keine andere Mannschaft in der Liga kann das so, davon sind Sie überzeugt. Vermutlich haben Sie recht. Um es mal mit einer Analogie zu versuchen: Ein Rennpferd wird nicht jedes Rennen gewinnen, es bleibt doch ein Rennpferd und wird kein Springpferd, wenn Sie verstehen, was ich meine.
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Vincent Kompany - Trainer FC Bayern München
Fotocredit: Imago
Bleibt es ruhig an der Säbener Straße?
Und doch hat die bayerische Geothermik an der Säbener Straße bereits wieder Schwingung angenommen. Mit der Ruhe ist es erstmal vorbei. Nach den schwärmerischen Tönen zu Saisonbeginn nagt schon wieder der Zweifel an jedem Kommentar. Sind Sie vielleicht doch nicht der Richtige für den Job? Das sagt (noch) keiner, aber es wird wieder gedacht.
Menschenskinder, lasst ihn doch einfach mal machen, möchte man dem Eberl Max zurufen. Und prompt sagt der Sportvorstand auch was ganz Vernünftiges. Man werde diese Spiele gegen Leverkusen, Aston Villa oder Frankfurt in Zukunft gewinnen, wenn man sie öfter spiele. Wie wahr! In allen drei Partien waren die Bayern das bessere, zum Teil deutlich bessere Team, das nur seine Vorteile, seine Chancen nicht nutzen konnte. Auf lange Sicht aber würde sich das auszahlen. Wer oft genug aufs Tor schießt, der trifft auch irgendwann. Das ist nicht nur pragmatisch, sondern sogar Physik.
Schlimm wäre nur, wenn der Sportvorstand hier eine Geduld und eine Zeit signalisieren würde, die Sie, lieber Vincent Kompany, am Ende gar nicht bekommen werden. Einfach, weil in der jüngsten Vergangenheit kein Bayern-Trainer mehr die Zeit bekam, seine Mannschaft entwickeln zu können. Pragmatismus hin oder her!
Was ist so falsch am "Hurra"-Fußball?
Ich persönlich finde Ihren Ansatz hochinteressant, gerade weil der positive Pragmatismus im Fußball gerne belächelt wird. Ein Pragmatismus, der an die eigenen Stärken glaubt. Stattdessen heißt es: Meisterschaften werden mit einer guten Defensive gewonnen. Im modernen Profifußball herrscht das Diktat der Vorsicht und der Absicherung.
Wagemut, Tollkühnheit, den sogenannten "Hurra"-Fußball könne man sich nicht mehr leisten. Das ist das konservative Denken derer, die alles dem Erfolg unterordnen. Negativer Pragmatismus, wenn man so will. Auf den ersten Blick ist der sogar widersinnig. Ziel des Spiels ist es ja ein Tor zu erzielen, mindestens ein Tor mehr als der Gegner, um das Spiel zu gewinnen. Und wer viele Spiele gewinnt, gewinnt die Meisterschaft.
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Spieler des FC Bayern feiern das Tor von Minjae Kim
Fotocredit: Getty Images
Leider hat sich in der Güterabwägung des gelderhitzten Profifußballs der negative Pragmatismus durchgesetzt: Sicherheit vor Wagemut, Defensive vor Offensive. Schon wahr: Frankfurt schießt viermal aufs Tor und erzielt drei Treffer. Deutscher Meister aber wird man so nicht!
Barca wie Bayern: Nichts ist falsch am "Hurra"-Fußball!
Erinnern wir uns: Als Hansi Flick 2019 die Bayern übernahm, ließ er sie auf einem Risikoniveau spielen wie heute Sie, lieber Vincent Kompany. Das Gegenpressing begann am gegnerischen Strafraum, die letzte Abwehrkette stand an der Mittellinie.
Die Flick-Bayern holten sechs Titel in einem Jahr, darunter die Champions League, darunter das historische 8:2 gegen Barcelona. Heute ist Flick selbst Barca-Trainer und allem Anschein nach hat er nichts von seiner Spielidee des positiven Pragmatismus aufgegeben: 28 Tore in neun Spielen, aktuell souveräner Tabellenführer in der Primera División.
Am 23. Oktober treffen die Kompany-Bayern und das Flick-Barcelona in der Champions League wieder aufeinander - auf soviel kompromisslosen Pragmatismus dürfen wir uns alle schon jetzt freuen!
Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Kompany verteidigt Spielidee: "Werden so viele Spiele gewinnen"
Quelle: Perform
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