FC Bayern München: Manuel Neuer gerät zunehmend in die Kritik - was ist dran an den Vorwürfen?
Eurosport bei GoogleManuel Neuer gehört mit 38 Jahren zu den renommiertesten Torhütern im europäischen Fußball - aber ist er auch noch einer der besten? An dieser Frage scheiden sich die Geister, die 1:4-Pleite der Bayern in Barcelona befeuert die Debatte neu. "Manuel Neuer ist gerade nicht Manuel Neuer", sagte Lothar Matthäus der "Bild". Er halte keine "unhaltbaren Bälle" mehr. Nur: Ist die Kritik wirklich legitim?
Neuer außer Form? Das sagen Kompany und Freund
Quelle: Perform
Gehaltene Bälle, Paradenquote, Noten in der Fachpresse, Zu-null-Spiele - Torhüter werden anhand diverser Parameter eingeschätzt und bewertet. Wenn es wirklich so einfach wäre, ein realistisches Bild zu zeichnen, müsste man einräumen: Ja, Manuel Neuer ist nicht (mehr) auf der Höhe seines Schaffens.
Der Weltmeister von 2014 kommt in der Bundesliga auf nur 46,2 Prozent abgewehrter Bälle, was ihm bei 23 eingesetzten Keepern Platz 20 (!) beschert. Dort rangiert Neuer auch im Hinblick auf die Zahl der gehaltenen Torschüsse (7).
Klassenbester ist in diesen Statistiken Peter Gulacsi, der 27 Schüsse abwehrte und auf eine Paradenquote von 92,6 % kommt. Der Leipziger Schlussmann spielte sechs Mal zu null (Topwert), Neuer nur zweimal.
Sind diese Erhebungen geeignet, um die Leistung des Bayern-Stars fair einzuschätzen? Bedingt, denn natürlich gibt es da noch die weichen, nicht messbaren Faktoren.
Neuer hält nicht mehr die Unhaltbaren
Womit wir wieder bei Lothar Matthäus sind. Neuer halte keine der sogenannten "unhaltbaren Bälle, sein Torwartspiel hat sich verändert", bemängelte der Rekord-Nationalspieler. "Wenn er früher, wie in Frankfurt, drei Bälle aufs Tor bekam, hat er einen oder zwei gehalten", nahm Matthäus Bezug auf das 3:3 der Bayern bei Eintracht Frankfurt.
Omar Marmoush und Hugo Ekitiké kamen bei ihren drei Treffern jeweils frei zum Schuss. Neuer unterlief dabei zwar kein Fehler - eine jener Wahnsinnsparaden, mit der er früher häufig Bayern-Siege absicherte, war nicht dabei. Das allerdings ist der Maßstab, der an den fünfmaligen Welttorhüter gemeinhin angelegt wird.
Wasser auf den Mühlen der Kritiker sind überdies Szenen wie in Barcelona. In der ersten Halbzeit ging Neuer allzu sorglos mit dem Ball am Fuß um, Barça-Youngster Lamine Yamal attackierte und hätte fast ein kurioses Tor erzielt. Später sorgte der 38-Jährige mit einem Fehlpass unnötig für Gefahr. Verwunderlich, gilt Neuer doch als einer der besten Fußballspieler unter den Keepern.
Matthäus moniert: "Keine Sicherheit" durch Neuer
Obendrein sieht es nicht gut aus, wenn der Gegner bei vier Torschüssen ebensoviele Treffer erzielt und der Torwart im gesamten Spiel nicht eine Parade vorzuweisen hat. "Exemplarisch ist das 1:2. Manuel zögert, geht dann doch aus dem Tor und kann beim Gegentreffer dann nichts ausrichten", kritisierte Matthäus. Neuer verleihe der FCB-Defensive "keine Sicherheit".
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Manuel Neuer (FC Bayern) im Spiel gegen den FC Barcelona
Fotocredit: Getty Images
Was auffällt: Bereits am zweiten Spieltag der Champions League gab das Stellungsspiel von Neuer bei der 0:1-Niederlage bei Aston Villa Anlass zur Kritik. Nach einem langen Zuspiel auf Jhon Durán, der sogar von Dayot Upamecano noch bedrängt wurde, stand er viel zu weit vor dem Tor und wurde vom Villa-Angreifer überlupft.
Ein Patzer, den Neuer nicht so recht einsehen wollte. "Wer unsere Spiele sieht, weiß, dass ich generell weit vor dem Tor stehe. Das ist unser Spiel und wird auch vom Trainer so gefordert. Das werden wir jetzt auch nicht umstellen", betonte der Bayern-Profi. Es habe sich um einen Treffer gehandelt, "der zum kalkulierten Risiko" dazugehöre. Die Kollegen scheinen es ähnlich zu sehen. "Wir profitieren sehr oft davon, dass Manu so hoch steht, dementsprechend machen wir ihm keinen Vorwurf", versicherte Joshua Kimmich.
Weidenfeller gibt Neuer Rückendeckung
Von außen muss sich Neuer indes einiges an Kritik gefallen lassen. Trainer-Legende Fabio Capello legte dem Bayern-Kapitän nach dem 1:4 in Barcelona einen besonders harten Schnitt nahe. "Wenn manche Torhüter ein gewisses Alter erreichen, sollten sie den Mut haben, zurückzutreten", sagte der Italiener bei "Sky Sports".
Rückendeckung bekommt Neuer derweil vom ehemaligen BVB-Keeper Roman Weidenfeller, der sich im "Sky"-Gespräch "irritiert über die Kritik" zeigte. "Es ist logisch, dass die Reaktionsfähigkeit und vielleicht auch das Leistungsvermögen ein bisschen abnimmt, aber da reden wir immer noch über einen international total erfahrenen Weltklasse-Torwart", unterstrich der 44-Jährige.
Man ist geneigt, Weidenfeller zuzustimmen - zumal Neuer es nach seinem Skiunfall nebst Unterschenkelbruch im Dezember 2022 geschafft hat, sich im fortgeschrittenen Profialter und nach langer Pause zurückzukämpfen. Die sachliche Kritik an den Leistungen der vergangenen Wochen mag berechtigt sein, für das Festhalten der Bayern an der Torhüter-Ikone gibt es aber immer noch genug Argumente.
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