Bundesliga-Kolumne LIGAstheniker: Einspruch, Uli Hoeneß - die Meisterschaft für den FC Bayern ist noch nicht sicher
Update 25/11/2024 um 12:04 GMT+1 Uhr
Uli Hoeneß hat kürzlich das Meisterrennen in der Bundesliga für beendet erklärt - natürlich zu Gunsten seines FC Bayern. Ist das nach gerade einmal elf Spieltagen und bei sechs Punkten Vorsprung nicht ein wenig verfrüht? Der LIGAstheniker sagt: ja. Und wirft dem Ehrenpräsidenten des Rekordmeisters in einem offenen Brief eine geschäftsschädigende Hybris vor. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.
Meisterschaft schon sicher? "Vielleicht weiß Hoeneß es besser"
Quelle: Perform
Sehr geehrter Herr Hoeneß,
"was ich Ihnen zusagen kann, ist die Deutsche Meisterschaft" - sagen wir, die deutsche Poltergeist-Meisterschaft, in der Sie schon immer eine Klasse für sich waren und die Sie jetzt noch einmal auf ein neues Niveau gehoben haben.
Einen "Arroganzanfall" der "Abteilung Attacke" nennt es die "Bild"-Zeitung, mit der Sie gewöhnlich ganz gut können. Und obwohl ich mit der gewöhnlich nicht so gut kann, kann ich in diesem Fall nur zustimmen. Da sind gerade einmal zehn, elf Spieltage absolviert von insgesamt 34 und Sie erklären den aktuellen Ligawettbewerb für entschieden und beendet.
Das ist bemerkenswert kühn, vor allem ist es wenig clever und am Ende: produktschädigend. Just am heutigen Montag beginnt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) mit einer neuen Versteigerungsrunde der TV- und Streamingrechte für die nächsten vier Spielzeiten der Bundesliga. Mindestens 1,6 Milliarden Euro statt bisher 1,1 Milliarden ist das anvisierte Ziel.
Wäre ich Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Oligarch oder Tech-Milliardär und würde mir eine kleine Sportplattform leisten, würde ich die DFL heute vielleicht mal kurz anrufen, ob das nicht ein bisschen viel ist für eine Liga, die schon nach zehn Spieltagen entschieden ist. War das so gedacht, Herr Hoeneß?
Uli Hoeneß – Das Orakel von Rüschlikon
Keiner hat den Fußball hierzulande so erfolgreich zum Geschäft gemacht wie Sie. Keiner hat die DFL jahrelang so unter Druck gesetzt, sie geradezu erpresst, immer noch mehr TV-Gelder aus dem System zu drücken wie Sie und Ihre Bayern.
Ihre Drohkulisse vom Ausstieg aus der Zentralvermarktung, das hohe Lied auf die Erlöse der Premier League, und jetzt das? Mangelnde Impulskontrolle? Hybris? Oder die Eitelkeit immer schon alles besser gewusst zu haben als nun wirklich jeder andere? Für uns Beobachter sind Sie als "Orakel von Rüschlikon" natürlich super.
Dann können wir darüber schreiben und uns erregen. Aber was ist der Sinn des Ganzen? Ihr "Die Meisterschaft ist sicher" erinnert tonal und im Gültigkeitsanspruch an "Die Rente ist sicher" von Norbert Blüm, unserem langjährigen Arbeitsminister aus den 1980er- und 90er- Jahren. Blüm wurde damit unsterblich, gerade weil es nicht stimmte.
Aber unsterblich, das sind Sie ja schon als Erfinder des Rekordmeisters. Und Götter erzählen eben gerne mal Götterspeise.
Saison 24/25: Noch sind 69 Punkte zu vergeben
Schauen wir also noch einmal zur eigenen Sicherheit auf die Tabelle: Ihre Bayern führen nach elf Spieltagen mit sechs Punkten Vorsprung vor Frankfurt. Sechs Punkte sind zwei Niederlagen, wie sie Ihre Bayern etwa in der Champions League gegen Aston Villa und Barcelona schon erlebt haben.
Frankfurt ist für Sie aber eher kein "richtiger Konkurrent", so muss man ihre Schweizer Poetik-Vorlesung bei Zürich auf Einladung der Zeitung "Finanz und Wirtschaft" wohl verstehen. Dazu zählen Sie nur Leipzig und Leverkusen, die liegen mit acht bzw. neun Punkten weit dahinter.
Der ganze Rest, Frankfurt, Dortmund, Heidenheim & Co. "Normalo-Gegner", eine Begrifflichkeit, die ihr Sportvorstand Max Eberl geprägt hat, der sich in der Kürze seines Wirkens an der Säbener Straße Ihrem hybriden Tonfall (also Tonfall mit Hybris) erstaunlich homogen angenähert hat.
Nur: Was sind schon acht oder neun Punkte Rückstand, wenn noch, lassen Sie mich kurz nachrechnen … ah ja, noch 69 Punkte zu vergeben sind? Peanuts, richtig.
Sind die Bayern so stabil wie Hoeneß glaubt?
Das Wesen des Sports, das Glücksversprechen einer großen Liga wie der Bundesliga für ihre Millionenanhängerschaft liegt genau darin, dass man am zehnten Spieltag eben nicht wissen kann, was am Ende des 34. dabei herauskommen wird. Kein Mensch kann sagen (Götter vielleicht schon, wer weiß?), ob Frankfurt in dieser Saison nicht das Leverkusen aus der letzten sein kann.
Für mich zum Beispiel bietet das größere Spektakel derzeit die Eintracht mit ihrem Überflieger Marmoush. Egal wie gut die Bayern national auftreten, so gut, so stabil wie Sie, lieber Uli Hoeneß, sie sehen, sind sie nicht wie die Niederlagen gegen etwas stärkere Gegner in der Champions League belegen.
Und so kann schon in einer Woche nach den Spielen gegen Paris (Dienstag, ab 21:00 Uhr im Liveticker), am Samstag in Dortmund (18:30 Uhr im Liveticker) und am nächsten Dienstag gegen Leverkusen im DFB-Pokal alles wieder anders sein. Von der Hoeneß-Hybris zur Kompany-Krise innerhalb einer Woche - auch das wäre so wohl nur in München möglich.
Deshalb mein Vorschlag, lieber Herr Hoeneß: Lassen Sie uns die Spiele doch erst mal spielen!
Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform
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