Dieser RB Leizig soll deutscher Fußball-Meister werden? Bundesliga-Kolumne "Der LIGAstheniker"

Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Allen Widerständen zum Trotz zerlegt der FC Bayern Konkurrent RB Leipzig zum Bundesligastart in seine Einzelteile und demonstriert der Liga eindrucksvoll seine Stärke. Der LIGAstheniker blickt mit einem zwinkernden Auge auf den ersten Spieltag und erklärt, warum die Bundesliga-Demoskopen in der in einer tiefen Krise stecken. Eine Glosse von Thilo Komma-Pöllath.

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Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
dass man sich über das Bundesligagetöse auch mal lustig machen muss, das wissen alle diejenigen, die hier schon öfter mal mitgelesen haben. Ich übertreibe gerne, mache mich lustig, schieße über das Ziel hinaus, bin auch mal ätzend. Ich bin eine Kolumnist gewordene Mischung aus Thomas Müller und Gianni Infantino, die in ihrem Persönlichkeits- und Ideenspektrum sonst sicher niemand so einfach zusammenbasteln würde.
Als wöchentlich schreibender Besserwisser sehe ich mich in der Rolle des Spötters oder eben, darauf will ich hinaus, des Glossisten. Ich mache das nicht, weil ich mich für einen unverbesserlichen Spaßvogel halte, weil ich Verwirrung stiften will, ganz im Gegenteil, ich will der Vernunft in der Betrachtung des Spiels wieder zu seinem Recht verhelfen. Ausgerechnet ich, werden Sie sagen, ausgerechnet der Vernunft - ja, ausgerechnet ich. Denn, und das hat der erste Spieltag gezeigt:
Diejenigen, die das Spiel mit Expertise und Distanz begleiten und einordnen sollten, die Bundesliga-Demoskopen stecken in einer tiefen Krise. Das ist vielleicht schon die erste Erkenntnis dieses ersten Spieltags. Und damit ein herzliches Willkommen zur neuen Saison! 

Dieses Leipzig soll Meister werden?

Nehmen wir also mal das Eröffnungsspiel vom Freitag, die Bayern gegen RB Leipzig. Was hatte ich davor nicht alles zu den beiden Klubs gelesen. Haushaltskrise bei den Bayern, Knatsch zwischen Ulrich Hoeneß und Sportvorstand Max Eberl, der kleinste Kader in der Geschichte der Bayern, mit dem man keine Titel gewinnen könne. Das war der Tenor. Und zum Rasendosenklub: Da wusste der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung Guido Schäfer im Fever Pit'ch-Podcast des Kollegen Pit Gottschalk vor dem allerersten gespielten Ball bereits wer Deutscher Meister wird. "Nicht die Bayern - Meine Roten Bullen", sagte Schäfer. Meine Roten Bullen!

Natürlich kann Leipzig noch Meister werden!

Gut, möchte man sagen, das erste Spiel hat nun eher keine Indizien dafür geliefert, dass das auch so kommen könnte. Eher würde man vermuten, dieser RB wird um den Klassenerhalt bangen müssen oder seine Spiellizenz zurückgeben. Und trotzdem gilt nach einem von insgesamt 34 Spieltagen: Rein theoretisch kann Leipzig natürlich immer noch Meister werden, müssen sie halt drei Punkte und sechs Tore aufholen.
Aber warum sprechen die Bundesliga-Demoskopen vor dem ersten Spieltag eigentlich immer und schon traditionell von der Meisterschaft? Das muss zwangsläufig in Wahrsagerei und Hokuspokus enden, denn wer weiß, außer der Leipziger Volkszeitung, heute schon, was im Mai 2026 Wirklichkeit sein wird? Wir könnten ja auch mal darüber reden, was am Freitagabend auf dem Platz wirklich passiert ist?
Also in etwa die Frage erörtern, wie man sich den ganzen Sommer über als Fußballprofi auf diesen Ligaauftakt, also dieses Spiel gegen die Bayern vorbereiten und fokussieren kann, um sich dann so gnadenlos den Hintern versohlen zu lassen. Wie geht das? Und was sagt eigentlich Red Bull-Fußballchef Jürgen Klopp zur sadomasochistischen Performance seiner Vorzeigefranchise? 

Distanzlose Wahrsagerei

Die Krise der Bundesliga-Demoskopen beginnt schon damit, dass der Leipziger Chefreporter von "Meinen Roten Bullen" spricht. Es spricht also ein Fan, der sich als Reporter verkleidet. Früher, als ich damit mal anfing, also ungefähr nach dem Krieg, hätte mein Chef und ich von mir selbst noch ein Mindestmaß an Distanz eingefordert, so wie es journalistisch geboten ist, heute gibt man Podcasts und schwärmt ellenlang von seiner Liebe zu den Roten, weil der Aufstieg damals aus der dritten Liga die eigene "Heldenbrust" in Flammen gesetzt habe.
So ähnlich erzählt es Schäfer. Das ist entweder total Gaga oder ganz großer Romanstoff. Der Ex-Fußballer Christoph Kramer hat über seine Fußball-Liebe ein Buch geschrieben, dummerweise ist seine Heldenbrust eher ein Hühnerbrüstchen. Schäfer hätte narrativ deutlich mehr zu bieten.

Guter Erkenntnis-Spieltag zu Bayer & BVB

Die Fan-Demoskopen des Fußballs findet man übrigens auch in Dortmund, Köln, Freiburg, Hamburg, Frankfurt oder München. Lediglich in München ist das kein Problem. Wenn dort die üblichen Reporterverdächtigen erklärten, dass die Bayern wieder Meister werden, dann stimmt das in der Regel auch. Insofern tut sich zwischen Wahrheit und Wahrsagerei selten eine Lücke auf.
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Fotocredit: Getty Images

Will man aber selbst als Fan (nicht als Reporter) sichergehen, was denn stimmt, welche Mannschaft nun das Zeug für ganz vorne hat oder welche Mannschaft sich wohl hinten anstellen muss, für den war der gespielte erste Spieltag eine Goldgrube an Erkenntnis:
Bayer Leverkusen ist nach den Xabi Alonso-Jahren (vorerst) keine Spitzenmannschaft mehr; Eintracht Frankfurt will offenbar eine bleiben und der BVB lernt es in diesem Anthropozän offenbar nicht mehr. Und die Bayern sind selbst dann eine Klasse für sich, wenn der Vorstand sich öffentlich duelliert und Vincent Kompany hinter sich auf der Ersatzbank nur Twens vom eigenen Campus vorfindet. Wer Deutscher Meister wird? Ach, wer will das denn heute schon wissen…
Bis nächste Woche!

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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