Der Fall Nick "Wolte-Money": Wie das viele Geld die jungen Talente frisst - Bundesliga-Kolumne "Der LIGAstheniker"
Update 01/09/2025 um 19:51 GMT+2 Uhr
"Money." Es ist das Wort, welches den Irrsinn des aktuellen Transferfensters am besten beschreibt. Mittendrin: Der Wechsel des 23-jährigen Nick Woltemade nach (nur) einer guten Halbserie zu Newcastle. Für 90 Millionen Euro. Der LIGAstheniker ordnet den Fall "Wolte-Money" mit einer Prise Zynismus ein und erklärt, warum der FC Bayern alles richtig gemacht hat. Eine Glosse von Thilo Komma-Pöllath.
Nick Woltemade wechslet für 90 Millionen Euro nach Newcastle
Fotocredit: Getty Images
Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
Die Erregung über einen 23-jährigen jungen Fußballspieler, noch ganz grün hinter den Ohren und offenbar ohne Friseur, war und ist das große Liga-Thema. Es ist eine Geschichte von Aufstieg und Erfolg, von Sehnsucht, Ruhm und Geld - ganz viel Geld. Und immer da, wo viel Geld im Spiel ist, da mangelt es – offenbar auch kausal - an Hirn und Haltung.
Kaum ein Fußballtalk kam am Wochenende ohne das Thema dieses Transfers aus und ganz oft kam das Totschlag-Alibi: naja, bei soviel Geld, das muss er ja machen, da könne man gar nicht nein sagen, der wäre ja blöd, wenn er nicht gegangen wäre.
Da bin ich als Beobachter schon froh, dass ihn nur die Saudis aus Newcastle angerufen haben und nicht, sagen wir mal, der Cheftrainer der Söldnertruppe von "Blackwater". Die könnten einen treffsicheren Schützen sicher auch gut gebrauchen und sehr, sehr gut bezahlen.
Ich weiß natürlich, dass das total zynisch ist. Aber warum darf der Fußball eigentlich zynisch sein und ich soll immer schön den Ball flach halten?
Merke: Woltemade ist noch lange kein Haaland
Vielleicht holen wir die Kirche mal zurück ins Dorf, was ist denn schon passiert? Der junge Fußballstürmer Nick Woltemade wechselte im Sommer 2024 von Werder Bremen zum VfB Stuttgart. Im Jahr davor spielte er zweite Liga.
In der zweiten Saisonhälfte fing Woltemade beim VfB erst so richtig mit dem Toreschießen an. 12 waren es am Ende, das ist gut, aber eben nur eine halbe Saison. Das ist noch lange kein Erling Haaland.
Trotzdem rotierte das Transferkarussell zur neuen Spielzeit um ihn herum mit neuer Spitzengeschwindigkeit. Der Transfermarkt beim Fußball funktioniert dabei ähnlich wie das Spanferkelgrillen beim Oktoberfest: Rotation von immer mehr Frischfleisch.
Wahnsinn Woltemade: Der Kronprinz will unseren Nick!
Das liegt vor allem auch daran, dass die Saudis heute Big Business machen und auf Öl, Gas, Immobilien und Fußballer setzen. So hat der Staatsfonds Public Investment Fund vor einigen Jahren den englischen Fußballklub Newcastle United übernommen. Mit mehreren hundert Millionen Euro will "PIF" aus dem verstaubten Newcastle einen Champions League-Sieger machen.
Was in Paris geht, geht auch im englischen Norden. Über die Verteilung der Gelder entscheidet, wie zu lesen ist, Kronprinz Mohammed bin Salman persönlich. Will heißen: Der Kronprinz persönlich hat unseren Nick Woltemade ausgewählt. Wir könnten auch mal ein bisschen stolz sein, oder?
Es gibt nämlich auch Menschen, die der Kronprinz nicht so mag, Regimekritiker zum Beispiel, die verschwinden dann schon mal in einer Botschaft und werden nie wieder gesehen.
Nick wollte Money: 90 Millionen für eine neue Familie
Zurück zu Nick: Das Dumme war jetzt nur, dass dieser junge Fußballstürmer, von Beruf "Hängende Spitze", von der großen Weltfußball- und Finanzpolitik völlig überrumpelt wurde. Nick wollte zum FC Bayern, das ließ er alle wissen, auch öffentlich. Die Bayern, ja, das sei sein Traum, einmal in Rot auflaufen der Wahnsinn, der FCB sein Wallfahrts- und Sehnsuchtsort.
Dumm nur, dass die Bayern bei 60 Millionen meinten, mehr sei dieser talentierte Halbsaisonstürmer nun mal nicht wert. Und jetzt begann das Saudi-Dilemma: Mohammed bin Salman war der Meinung, die Bayern hätten ja gar keine Ahnung und legte 90 Millionen auf den Tisch. Nicht 61 Millionen, nicht 75, nein es mussten 90 sein.
Und was machten Woltemade und sein Berater? Sie wechselten mal kurz ihre Träume aus, ihren Wallfahrts- und Sehnsuchtsort, englische Industriebrache gegen bayerisches Schickimicki, statt bayernrot nun – Achtung Metapher - schwarz-weiß!
Als Woltemade kaum in Newcastle angekommen war, gab er dem vereinseigenen Sender ein Interview und sprach von seiner neuen "Familie". Mein Gott, man wird doch noch mal seine Meinung ändern dürfen!
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Mega-Transfer Nick Woltemade: Zuschauer beim Ligaspiel zwischen Newcastle United und Leeds United
Fotocredit: Getty Images
Die Bayern haben es richtig gemacht!
Und die Liga? Prompt hieß es, dass die Bayern eine "Blamage" erlitten hätten, die Liga einen Rückschlag. Und dann das ewige Genörgel, mit der Premier League sponsored by Saudi könne man eh nicht mithalten. Aber stimmt das überhaupt?
Und Achtung, jetzt kommt die Moralkeule: Wenn schon ganz junge Talente vor allem dem Geld folgen und nicht auch die eigene sportliche Karriere im Blick haben, die persönliche Weiterentwicklung, Titel und Meisterschaften, was wird dann aus ihnen? Was kann man dann noch von Ihnen erwarten?
Mit Newcastle wird der gute Nick jedenfalls bis auf Weiteres kein englischer Meister und Champions-League-Sieger. Oliver Kahn hat ein ganzes Buch über die Kraft der intrinsischen Motivation für eine Großkarriere geschrieben. Das Geld war bei ihm der Puderzucker auf dem Schweiße seines Angesichts. Woltemades zuckersüße Karriere könnte sich im Schnelltempo pulverisieren.
Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform
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