Der LIGAstheniker: FC Bayern beschwert sich zu Unrecht über Schiedsrichter Dingert - von Schwalben und Couch-Potatoes

Drei aberkannte Treffer, eine Rote und eine Gelb-Rote Karte für den FC Bayern: Schiedsrichter Christian Dingert war beim 1:1 des Spitzenreiters bei Bayer 04 Leverkusen der Hauptdarsteller -zumindest, wenn es nach Uli Hoeneß geht, der dem Unparteiischen die "schlechteste Leistung" attestierte, die er je gesehen habe. Der LIGAstheniker sieht das anders: Dingerts Entscheidungen stimmten allesamt.

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Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
Ich kann mir kaum vorstellen, dass heute noch irgendwer Profi-Schiedsrichter werden will. Ein Job, der Hirn, Haltung und mentale Resilienz verlangt, eine echte Entscheider-Persönlichkeit auf dem Feld erfordert und am Ende doch so ausgelegt ist, dass man nichts mehr zu sagen hat.
Weil der Videoschiedsrichter, wie früher die notorische Petze auf dem Schulhof, bei Schritt und Tritt auf deine Fehler wartet, die einem dann in aller Öffentlichkeit unter die Nase gerieben werden.
Dafür muss man sich als Schiedsrichter einem Millionenpublikum erklären und von Couch-Potatoes erklären lassen, dass man "der schlechteste Schiedsrichter aller Zeiten" sei.
Nur ein Masochist tut sich diesen Job noch an, möchte man denken; und damit zu Schiedsrichter Christian Dingert, dem ich an dieser Stelle explizit meinen Respekt aussprechen will.

Hoeneß' Kritik und die davon abweichenden Fakten

Wenn man sich faktisch-sachlich mit den Vorkommnissen bei Bayer gegen Bayern vom Wochenende auseinandersetzt, grätscht die Haudraufkritik aus München nämlich ziemlich ins Leere. Doch der Reihe nach.
Uli Hoeneß hat Schiedsrichter Christian Dingert scharf kritisiert

Uli Hoeneß hat Schiedsrichter Christian Dingert scharf kritisiert

Fotocredit: Getty Images

In der 6. Minute drückte Bayerns Abwehrspieler Jonathan Tah den Ball mit dem angelegten Arm über die Linie. Dingert guckte sich die VAR-Bilder an und nahm das Tor zurück, weil einer Torerzielung überhaupt kein Hand- oder Armkontakt vorausgehen darf - richtig entschieden.

Schiri Dingert: Gute Gründe für seine Pfiffe

Genauso die Rote Karte für Bayern-Stürmer Nicolas Jackson kurz vor der Halbzeit. Dingert zeigte erst Gelb, nach Ansicht der VAR-Bilder aber glatt Rot. Die Aktion des übermütigen Senegalesen galt allein dem Fuß seines Gegenspielers Martin Terrier. Rot war auch hier richtig.
Kurz nach der Halbzeit erkannte Dingert dann ein Tor von Harry Kane ab. In der Entstehung des Tores hatte Bayers Torwart Janis Blaswich Kane aus kurzer Distanz am Ellenbogen getroffen. Natürlich kein absichtliches Handspiel, aber die Bilder zeigen deutlich, dass Kanes Ellenbogen, wenngleich in der Drehung angelegt, dennoch vom Öberkörper leicht abstand und damit die Körperfläche vergrößerte.
Auch hier gab es also berechtigte Gründe für Dingert und den VAR, das Tor nicht zu geben. Ein Skandal? Mitnichten.

Luiz Díaz: Zeigen die Bilder doch eine Schwalbe?

Und dann war da noch die Szene, die die Couch-Potatoes am meisten erzürnte. 84. Minute, Bayern-Star Luiz Díaz stürmt in den Strafraum, es kommt zu einem Kontakt mit Blaswich, Díaz fällt, klarer Elfmeter. So zumindest die Sicht durch die Bayernbrille.
Guckt man sich aber die Zeitlupen genau an, ergibt sich ein anderes Bild: Díaz legte sich den Ball nämlich etwas zu weit vor, hob dann sichtlich ab, erst danach kam es zum Kontakt mit dem Bayer-Torwart.
Bayer-Keeper Janis Blaswich und Luís Diaz - eine Situation mit Folgen

Bayer-Keeper Janis Blaswich und Luís Diaz - eine Situation mit Folgen

Fotocredit: Getty Images

Von einem elfmeterwürdigen Foulspiel kann also überhaupt nicht die Rede sein.
Nimmt man die zeitliche Abfolge ernst - Abheben vor Berührung - ist auch Gelb für eine böswilligen Täuschungsversuch, sprich: Schwalbe, vertretbar.

Dingert stellt sich öffentlich

Das Schiedsrichterei aber nicht immer nur in Schwarz-Weiß-Maßstäben funktioniert und auch ein gewisses Fingerspitzengefühl vonnöten ist, wäre hier wahrscheinlich eine letzte Ermahnung des zuvor schon Gelb verwarnten und auch in einer weiteren Szene auffällig gewordenen Kolumbianers die bessere Lösung gewesen.
So sah es auch Dingert ein, der sich nach dem Spiel bemerkenswerte Weise öffentlich stellte, sich selbstkritisch gab und seine eigene Entscheidung einen Fehler nannte ("Gelb-Rot ist sehr hart, das würde ich jetzt nicht mehr so geben").
Die Crux bei aller Kritik am VAR-System: Diese Szene konnte sich der 45-Jährige eben nicht nochmal am Bildschirm ansehen, weil Gelb-Rote Karten, so mag es das eigenwillige Regelwerk, nicht überprüft werden dürfen.
Um es klar zu sagen: Christian Dingert hat dieses Spiel keineswegs kaputt gepfiffen, auch wenn das offenbar viele Bayern, unterstützt vom Posaunenchor vom Tegernsee, so glauben. Im Gegenteil: Seine offene, selbstkritische Kommunikation nach dem Spiel verdient Respekt.

Seit VAR: Vertrauensverlust für alle Schiedsrichter

Dass man den Schiedsrichter nach einem solchen Spektakel in der Öffentlichkeit als Alleinschuldigen hinstellen kann, hat im Übrigen viel mit dem allgemeinen Vertrauensverlust in unsere Unparteiischen zu tun, die mit jeder VAR-Korrektur weiter zunehmen wird.
Das Absurde an der Aufregung um Dingert ist, dass in diesem Spiel die Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichter und VAR wie im Lehrbuch funktionierte. Der VAR ergänzte und korrigierte den Schiedsrichter in den kritischen Situationen und sorgte so für mehr Spielgerechtigkeit.
Aber gerade wenn der VAR öfter korrigieren muss, ist der Schiedsrichter selbst keine Instanz mehr. Die kalibrierte Erwartungshaltung, die uns Couch-Potatos mit jedem neuen Spieltag infiltriert, macht das Spiel zunehmend unmöglich.

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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Quelle: Perform


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