Ottmar Hitzfeld exklusiv: "Ich bewundere Arsène Wenger"
Ottmar Hitzfeld, Trainer-Legende von Borussia Dortmund und Bayern München, verrät im exklusiven Interview mit Eurosport.de, dass er Thomas Tuchel eine "Weltkarriere" zutraut. Zudem spricht Hitzfeld über seine Überraschung bei Philipp Lahm, SMS-Austausch mit Bastian Schweinsteiger und Kandidaten für Bayerns Kapitänsamt - und warum er Arsenals Arsène Wenger den Champions-League-Sieg gönnt.
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Herr Hitzfeld, erinnern Sie sich noch an den 13. November 2002?
Ottmar Hitzfeld: Wenn Sie so fragen, war das wahrscheinlich das erste Spiel von Philipp Lahm. Da habe ich ihn seine ersten zwei, drei Profiminuten spielen lassen.
Richtig! Wissen Sie noch, wie Sie damals über ihn gedacht haben?
Hitzfeld: Das war mein Zeichen an einen jungen Spieler, dass er zur ersten Mannschaft gehört. Ich ahnte damals schon, dass er eine große Karriere vor sich haben könnte. Sein Potenzial war erstaunlich. In kritischen Situationen blieb er ruhig, hatte immer die richtige Lösung parat. Spielintelligenz hat man oder hat man nicht. Er hatte sie.
Vergangene Woche hat Lahm mit seiner Rücktrittsankündigung für Aufsehen gesorgt. Auch bei Ihnen?
Hitzfeld: Ich bin davon ausgegangen, dass er noch ein Jahr weiterspielt und dann eine Rolle im Management übernimmt. Dass nun gar nichts daraus wird, hat mich überrascht.
Lothar Matthäus hat dazu gesagt: 'Ein Angebot des FC Bayern lehnt man nicht ab.'
Hitzfeld: Da hat er nicht ganz Unrecht. Aber die Türen beim FC Bayern stehen Lahm ja weiterhin offen. Er muss nun Abstand gewinnen, sich dem Alltagsgeschäft Bundesliga fürs Erste entziehen - dann wird er sich irgendwann schon daran erinnern, welch Ehre es war, für den FC Bayern tätig zu sein.
Wobei auch Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge eine gewisse Zeit weg vom Klub brauchten, ehe sie in verantwortlichen Rollen zurückkehrten. Ein Modell, das auch für Lahm Sinn macht?
Hitzfeld: Auf jeden Fall. Für mich ist es ohnehin schwer vorstellbar, dass jemand zwei Wochen nach Ende der Profi-Karriere schon in Transfer- oder Vertragsverhandlungen einsteigt. Das wäre auch zu viel verlangt. Ich bin überzeugt, dass er Thema für die Führungsetage des FC Bayern bleiben wird. Wann, vermag ich nicht zu sagen. Ich gehe davon aus, dass Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge noch viele Jahre die Vereinsspitze bilden werden. Die nächsten fünf Jahre wird sich daran nichts ändern.
Ein Tipp vom Privatier Hitzfeld: Was soll Lahm ab Sommer mit seiner Zeit anfangen?
Hitzfeld: Wichtig ist erst mal abzuschalten, schätzen zu lernen, dass es noch ein anderes schönes Leben gibt. Er ist jung, hat eigene Unternehmen und Stiftungen, in denen er Erfahrungen sammeln und Verbindungen knüpfen kann. Ein gutes Netzwerk ist sehr wichtig, wenn man später mal bei Bayern tätig sein will.
Wer könnte sein Nachfolger als Kapitän bei Bayern werden?
Hitzfeld: Für mich ist Thomas Müller prädestiniert für das Kapitänsamt. Er ist eine Identifikationsfigur, ein Bayer durch und durch. Er könnte diese Rolle hervorragend umsetzen. Er gibt gute Interviews, stellt sich oft vor die eigene Mannschaft, hat intern großen Einfluss.
Gibt es weitere Kandidaten?
Hitzfeld: Sonst kommen für mich noch Manuel Neuer oder Jérôme Boateng in Frage. Auch Mats Hummels, der beim BVB schon Kapitän war. Ich weiß aber nicht, wie groß sein Einfluss bei Bayern schon ist. Ich bin mir sicher, dass Carlo Ancelotti die richtige Entscheidung treffen wird. Wenn jemand die richtigen Antennen dafür hat, dann er.
Im Achtelfinale der Champions League trifft Bayern auf den FC Arsenal. Wie sehen Sie die Chancen?
Hitzfeld: Der Abstand ist kleiner geworden, wenngleich der FC Bayern für mich immer noch Favorit ist, weil er mehr spielerische Substanz hat, die besseren Joker. Aber Arsenal ist stabiler geworden. Bayern sollte zuhause kein Tor kassieren, was gegen die schnellen Spieler von Arsenal sehr schwierig ist. Deren Umschaltspiel ist brandgefährlich.
Zuletzt gab es intern wie extern Kritik an den Auftritten der Bayern. Woran hakt es?
Hitzfeld: Bayern spielt nach wie vor gut, man sollte nicht das Haar in der Suppe suchen. Was fehlt, ist ein klarer Sieg. Das hängt vielleicht auch mit den fehlenden Toren von Thomas Müller zusammen, der regelmäßig wichtige Treffer erzielt hat. Wenn bei ihm der Knoten platzt, dann werden wir auch wieder einen anderen FC Bayern sehen.
Andererseits: Während die Spieler bei Pep Guardiola sich teilweise schon im Herbst fragten, was sie nun noch verbessern sollen, ist das Potential diese Saison noch längst nicht erschöpft. Schlägt jetzt Ancelottis große Stunde?
Hitzfeld: Ancelotti ist absolut alles zuzutrauen. Ich glaube schon, dass Bayern dieses Jahr voll da ist, wenn es im April und Mai darauf ankommt. Ancelotti ist ja bekannt dafür, dass seine Mannschaften zum Ende hin noch zulegen können. Dafür schafft er mit seiner Rotation und der richtigen Dosierung die perfekten Voraussetzungen.
Bei Arsenal steht Arsène Wenger vermutlich vor dem Rücktritt im Sommer. Wie sehen Sie ihn in seiner vermeintlich letzten Saison?
Hitzfeld: Ich bewundere Arsène Wenger. Ein Trainer, der sich lange bei einem einzigen Spitzenklub diesem Druck aussetzt und die Mannschaft immer wieder von neuem aufsetzt, hat nichts anderes als meinen allergrößten Respekt verdient. Ich kann mir übrigens vorstellen, dass er noch weitermacht. Er brennt immer noch. Sein großes Ziel ist es nach wie vor, die Champions League zu gewinnen. Und es wäre ihm zu gönnen.
Thomas Tuchel wird als sein Nachfolger gehandelt. Wie beurteilen Sie sein Wirken in Dortmund, das durchaus kritisch gesehen wird?
Hitzfeld: Darmstadt war ein Rückschlag, keine Frage. Dennoch macht der BVB für mich in der Rückrunde einen stabileren Eindruck. Die Kaderplanung zeugt für mich von einem gewissen Weitblick. Was man nicht vergessen darf: In der Champions League haben sie in der Gruppe sogar den Titelverteidiger hinter sich gelassen.
Und gegen Real Madrid zwei wirklich astreine Spiele abgeliefert.
Hitzfeld: In diesen Spielen hat mich Tuchel mit seiner Taktik total überzeugt. Insbesondere das Rückspiel war eine Augenweide. Damit hat er sich in Europa einen Namen gemacht. Für mich hat er das Zeug, eine Weltkarriere als Trainer hinzulegen. Ich wünsche ihm aber, dass er noch mehrere Jahre in Dortmund bleibt.
Können Sie verstehen, dass er dennoch kritisch gesehen wird?
Hitzfeld: Er ist forsch, das belebt das Bundesliga-Geschäft. Aber es ist nicht immer zum Vorteil seiner Arbeit. Irgendwann muss er sich die Hörner abstoßen. Über das Innenverhältnis in Dortmund kann ich nichts sagen. Was ich sagen kann: Er lässt einen mutigen Fußball spielen. Und seine Philosophie spiegelt gut seinen Charakter wider.
An der Personalie Mario Götze scheiden sich die Geister. Wie sehen Sie seine Situation?
Hitzfeld: Auch in Dortmund ist es nicht leicht zu entscheiden, wer auf der Bank sitzt. Dass es Mario Götze noch nicht wieder dauerhaft ins Team geschafft hat, erleichtert Tuchels Arbeit nicht. Es geht wie immer um die Details, die man von außen schlecht beurteilen kann. Ein Trainer sieht dafür genau: Wie reagiert ein Spieler, wenn er nicht berücksichtigt wird - ist er beleidigt oder gibt er Gas im Training? Bietet er sich an?
Als dritte deutsche Mannschaft ist Bayer Leverkusen gegen Atlético Madrid gefordert. Für Bayer ist da mehr drin als man vielleicht denkt, oder?
Hitzfeld: Atlético ist nicht mehr so stabil wie in den letzten Jahren. Die zwei Endspiel-Niederlagen haben unglaublich viel Kraft gekostet. Kapitän Gabi hat kürzlich auch zum Ausdruck gebracht, dass die Mannschaft verunsichert ist, mental ein bisschen ausgelaugt - die ideale Gelegenheit für Leverkusen, gegen Atlético für eine Überraschung zu sorgen.
Am besagten 13. November 2002 verhalfen Sie damals auch Bastian Schweinsteiger zum Champions-League-Debüt. Wie sehen Sie ihn auf der Zielgeraden seiner Karriere?
Hitzfeld: Ihm hat man damals schon seine Spielmacherqualitäten angesehen, sein gepflegtes Passspiel. Er war damals schon ein kleiner Stratege. Heute schreibe ich ihm noch ab und zu eine SMS. Seine Situation in Manchester ist nicht leicht. Aber er liebt den Fußball, weiß, was der Fußball ihm geschenkt hat. Entsprechend würdevoll verhält er sich. Mehr als Charakter zu beweisen und die richtige Einstellung zu zeigen, kann er nicht machen. Und das ist bewundernswert.
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