FC Bayern München: Ist Flicks Team besser als die Sieger von 2013?

Im Jahr 2013 bescherte Jupp Heynckes dem FC Bayern das einzige Triple der 120-jährigen Vereinsgeschichte. Sieben Jahre später hat Hansi Flick die Chance, dieses Kunststück zu wiederholen. Der 55-Jährige hat dafür einen durchgehend hochkarätig besetzten Kader zur Verfügung, den viele für den besten Bayern-Kader aller Zeiten halten. Aber ist die Mannschaft wirklich besser als 2013?

Eurosport

Fotocredit: Eurosport

2013 spielte der FC Bayern die erfolgreichste Saison seiner Geschichte. Auf dem Rathausbalkon präsentierte der Rekordmeister seinen Fans nach getaner Arbeit drei Titel: die Meisterschale, den DFB-Pokal und den großen, silbernen Henkelpott.
Sieben Jahre später haben die Münchner die Chance, dieses Kunststück zu wiederholen. In Lissabon trifft der Meister und Pokal-Sieger 2020 auf Thomas Tuchel und Paris Saint-Germain (Sonntag ab 21:00 Uhr im Liveticker bei Eurosport).
Mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, David Alaba, Javi Martínez und Thomas Müller stehen heute noch fünf Triple-Sieger von 2013 im Kader. Vier von ihnen werden voraussichtlich auch gegen PSG in der Startelf stehen und darum kämpfen, den zweiten Titel-Hattrick der Vereinsgeschichte perfekt zu machen.
Doch unabhängig vom letztendlichen Ergebnis: Kann der Kader von 2020 überhaupt mit der legendären Heynckes-Truppe, die in der Bundesliga 92 Punkte holte (Bundesliga-Rekord), in der kompletten Saison nur 18 Gegentore kassierte und zwischenzeitlich 21 Spiele ohne Gegentor blieb, mithalten?
Wir machen den Vergleich.

Torhüter: Neuer bleibt Neuer

Im Tor hat sich in den vergangenen sieben Jahren nicht wirklich viel getan. Manuel Neuer ist nach wie vor die erste Wahl zwischen den Pfosten. Ob sein heutiger Vertreter, Sven Ulreich, qualitativ besser ist als die damalige Nummer zwei, Tom Starke, ist müßig zu bewerten. Beide waren stets verlässliche Alternativen, wenn sie denn zum Einsatz kamen.
Wenn man so will, kann man Ulreich vorne sehen, schlicht weil er aufgrund von Neuers Verletzungen zu mehr Einsätzen für den Rekordmeister kam. Wir belassen es jedoch bei einem Unentschieden.

Verteidigung: Rekordabwehr vs. Defensiv-Neubau

Die 2013er Abwehrreihe stellte auf dem Weg zum Triple gleich mehrere Rekorde auf. In der Bundesliga kassierte der FC Bayern nur 18 Gegentore, blieb zwischenzeitlich 21 Spiele in Serie ohne Niederlage. Jérôme Boateng gehörte damals zu den besten Innenverteidigern der Welt, hatte mit Daniel van Buyten und Dante zwei erfahrene Spieler neben sich. Philipp Lahm (rechts) und David Alaba (links) zählten zum Besten, was es auf den Außenverteidigerpositionen zu finden gab.
picture

Fotocredit: Getty Images

Unter Flick bilden Boateng und Alaba ein herausragendes Innenverteidiger-Duo, auch wenn der Weltmeister von 2014 etwas an Tempo verloren hat und der Österreicher erst etwas mehr als eine Halbserie in der Abwehrzentrale zuhause ist. Die Viererkette komplettieren Alphonso Davies (links) und Joshua Kimmich bzw. Benjamin Pavard (rechts). Eine Kombination, die in der Champions League bis zum Finale in zehn Spielen nur acht Gegentore hinnehmen musste. Genau wie 2013, damals musste Neuer ebenfalls nur acht Mal hinter sich greifen, allerdings in zwölf Spielen.
Eurosport-Einschätzung: Flick musste aufgrund von Verletzungen in der Viererkette einige Male umbauen. Der eigentliche Abwehrchef Niklas Süle sowie 80-Millionen-Neuzugang Lucas Hernández fehlten über weite Strecken der Saison. Dafür bekamen Boateng und vor allem Davies größere Rollen - und nutzten diese. Dass Süle und Hernández beide fit mit nach Lissabon reisten, gibt Flick Sicherheit und Möglichkeiten, auf Verletzungen zu reagieren. Bei 100 Prozent kann jedoch vor allem Süle nach einer langwierigen Kreuzbandverletzung noch nicht sein. Diesen Vergleich gewinnt die Abwehrreihe von Heynckes, die statistisch herausragend und zudem sensationell eingespielt war.

Defensives Mittelfeld: Zweikampfmaschine vs. feine Klinge

Javi Martínez gehörte 2013 zu den Garanten für den Erfolg in der Champions League. Als klassische Zweikampfmaschine (Spitzname: "Maschinez") vor der Abwehr war er der zentrale Baustein in Heynckes’ Team. Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos waren neben ihm die spielerischen Gegenparts, die sich mit der eher feinen Klinge um den Spielaufbau kümmerten. Es ist auffällig, dass die Münchener anno 2013 mit Luiz Gustavo und Anatoliy Tymoshchuk noch zwei weitere Sechser des Typs Martínez im Team hatten, unter Flick sind diese Spieler eher weniger gefragt.
In der Mittelfeldzentrale lässt der 55-Jährige meist mit Kimmich und Leon Groetzka oder Thiago spielen. Rückt Kimmich wie zuletzt nach Pavards Verletzung auf die rechte Verteidigerposition, teilen sich mit Thiago und Goretzka ein Ballstreichler und ein robuster, aber dennoch filigraner Fußballer die Zentrale. Einen wirklichen Abräumer à la Martínez gibt es im Kader nur noch ein Mal: Martínez selbst. Der Spanier wird jedoch eher wenig Chancen auf einen Einsatz haben und den FC Bayern vermutlich zur kommenden Saison verlassen.
Eurosport-Einschätzung: Die Zweikampfstärke und Abräumerqualitäten wie sie Heynckes im Jahr 2013 im Kader hatte, gehen Flick heute ab. Der spielerische Klasse von Thiago, Kimmich oder Goretzka stellen die Münchner von vor sieben Jahren Schweinsteiger und Kroos entgegen. Es ist schwer zu sagen, welcher Jahrgang hier die Nase vorn hat. Unentschieden.

Offensives Mittelfeld: "Robbery" vs. Power von der Bank

Na klar, nichts geht über die Bayern-Legenden Franck Ribéry und Arjen Robben in ihrer Glanzzeit. Der Franzose und der Niederländer prägten eine Dekade beim Rekordmeister, waren Publikumslieblinge und Identifikationsfiguren. Selbstverständlich gehörten sie auch rein sportlich zur Crème de la Crème des Weltfußballs.
Das Triple machte Robben letztlich mit seinem Treffer zum 2:1 gegen den BVB perfekt. Der damals wohl größte Offensivstar war jedoch Thomas Müller. 40 Scorerpunkte in 47 Spielen legte er in der Saison 2012/13 auf (13 Tore, 13 Assists in der Bundesliga; 8 Tore, 2 Assists in der Champions League). Der damals 20-jährige Xherdan Shaqiri kam in der K.o.-Phase der Königsklasse nur noch sporadisch zu Einsätzen, war kein gleichwertiger Ersatz.
Flick ist heute auf der offensiven Mittelfeldposition breiter aufgestellt. Die offensive Dreierreihe hinter Robert Lewandowski stellt sich aktuell aus Serge Gnabry, Müller und Ivan Perisic zusammen. Von der Bank kann Flick zudem Weltstar Philippe Coutinho und Kingsley Coman nachschieben - Möglichkeiten, die Heynckes vor sieben Jahren nicht hatte.
Eurosport-Einschätzung: 2013 wäre eine Verletzung von Müller, Robben oder Ribéry kaum zu kompensieren gewesen, heute können die Münchner ob der Auswechselbank etwas beruhigter sein. Wer Corentin Tolisso, Coutinho oder Coman von der Bank bringen kann, dem muss es gut gehen. Team 2020 holt den Punkt.

Sturm: Der Über-Lewandowski

Jupp Heynckes ging mit drei Mittelstürmern ins Finale. Mario Mandzukic startete und wurde in der letzten Minute für Mario Gomez ausgewechselt. Flick tritt gegen PSG lediglich mit dem jungen Joshua Zirkzee als Backup für Robert Lewandowski an. Heynckes war 2013 in der Tiefe besser besetzt, doch Flick hat den besten Lewandowski der Geschichte in seinen Reihen. Der 32-Jährige erzielte in der abgelaufenen Bundesligasaison 34 Tore in 31 Spielen, steht in der Champions League bei sensationellen 15 Treffern in neun Spielen und greift damit trotz coronabedingt zweier Spiele weniger noch nach dem Rekord von Cristiano Ronaldo (17 Tore).
Eurosport-Einschätzung: Ja, Tiefe auf jeder Position ist wichtig. Wenn du aber einen Stürmer in deinen Reihen hast, der wie Lewandowski fast nie ausfällt und Tore am Fließband garantiert, kann man über die eine oder andere fehlende Alternative hinwegsehen. Klarer Punktsieg für Team 2020.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung