Manchester City - Kevin De Bruynes steiniger Weg in den Fußball-Olymp: Vom Ungewollten zum Superstar

Kevin De Bruyne scheut das Rampenlicht, gilt neben dem Platz als schüchterner Charakter. Sobald der Schiedsrichter anpfeift, blüht der Belgier jedoch auf. Der jüngste Auftritt gegen Real Madrid bestätigte diejenigen, die in De Bruyne einen veritablen Ballon-d'Or-Kandidaten sehen. Doch der Weg in den Fußball-Olymp war steinig. Über einen einst Ungewollten, der es allen zeigte.

ManCity-Star Kevin De Bruyne

Fotocredit: Getty Images

Kevin De Bruyne gilt als schüchterner Charakter, mitunter als wortkarger Eigenbrötler. Das Reden überlässt er zumeist lieber den Kollegen, das Rampenlicht scheut der Belgier nur dann nicht, wenn es der Erhellung eines Fußballplatzes dient.
Doch sobald der Schiedsrichter anpfeift, De Bruyne seiner großen Leidenschaft nachgehen darf, zeichnet sich ein anderes Bild. Omnipräsent schwebt er über das Feld, fordert immer wieder den Ball. Wenn er ihn erhält, streichelt er ihn sanft, führt ihn in des Gegners Hälfte, passt ihn punktgenau zum Nebenmann oder schwört der Streicheleinheit binnen Millisekunden ab, um die Kugel mit Wucht gen Tor zu jagen.
Oder – und das hat Seltenheitswert – De Bruyne köpft den Ball schlicht in die Maschen. So geschehen am Dienstagabend im Duell zwischen seinem Klub Manchester City und Real Madrid. Bereits nach 93 Sekunden hatte der 30-Jährige Trainer Pep Guardiola in Ekstase versetzt, neun Minuten später legte er für Gabriel Jesus auf, der Brasilianer bedankte sich mit dem zwischenzeitlichen 2:0.
De Bruyne trat einmal mehr als Weichensteller in Erscheinung, war derjenige, bei dem die Fäden zusammenliefen, am Ende eines denkwürdigen Abends stand ein 4:3-Erfolg für die Skyblues zu Buche. De Bruynes Arbeitsnachweis neben Tor und Assist: Die meisten Torschüsse (3), die meisten Torschussvorlagen (3) und eine Passquote von knapp 90 Prozent (bei 51 Zuspielen).

De Bruynes Chancen auf den Ballon d'Or steigen

Die Werte eines Unterschiedsspielers, der neben anderen Größen des Weltfußballs stets ein wenig blass erscheint. Trotz der nicht vorhandenen Extravaganz und Dauerpräsenz in den Medien werden nicht erst seit dem Auftritt gegen Real Stimmen laut, die in De Bruyne einen veritablen Anwärter auf den prestigeträchtigen Ballon d'Or sehen.
Sollte ManCity es dieses Mal tatsächlich schaffen, den Henkelpott zu holen, dürften die Chancen deutlich steigen. Kevin De Bruyne im Fußball-Olymp? Eine Aussicht, mit der er selbst mutmaßlich niemals gerechnet haben dürfte, denn sein Weg in die Riege der ganz Großen war durchaus steinig.
picture

"Waren zu weich": Ancelotti nimmt Real nach Spektakel in die Pflicht

Quelle: Perform

Wie er 2019 selbst in einem emotionalen Beitrag im "Player's Tribune" schrieb, trug er seine Schüchternheit nicht bloß als unsichtbare Bürde, sie wäre ihm beinahe gar zum Verhängnis geworden: "Ich war schon immer sehr ruhig, extrem schüchtern. Ich hatte nicht viele enge Freunde", so De Bruyne. Er führte aus: "Die Art, wie ich mich ausgedrückt habe, war durch den Fußball – und ich war damit sehr zufrieden."
Der Mittelfeldmann ließ seine Vergangenheit Revue passieren: "Mit 14 habe ich eine Entscheidung getroffen, die mein Leben für immer verändert hat. Ich hatte die Möglichkeit, die Fußballakademie in Genk zu besuchen, also zog ich alleine von der einen Seite Belgiens auf die andere."

De Bruynes "einsamsten Jahre"

Er erinnerte sich weiter: "Das Problem war, dass ich in meiner Heimatstadt schon schüchtern war. Bei Genk war ich das neue Kind von der anderen Seite des Landes, das in einem lustigen Dialekt sprach. Meine ersten zwei Jahre an der Akademie waren wahrscheinlich die einsamsten Jahre, die ich je haben werde.“
Schilderungen, die nahelegen, wie sehr er seinerzeit zu kämpfen hatte. Er blieb standhaft, weil der Fußball sein "Leben" sei.
Er schilderte die Ereignisse, die sich im Anschluss zutrugen: "Im ersten Jahr lebte ich in einer Pension, wo ich dieses winzige Zimmer mit einem Bett, einem Schreibtisch und einem Waschbecken hatte. Im nächsten Jahr konnte ich bei einer Pflegefamilie leben, die der Klub bezahlt hatte. Das Jahr verging, in der Schule lief es gut, im Fußball auch. Am Ende des Jahres packte ich meine Koffer und verabschiedete mich von meiner Pflegefamilie. Sie sagten: ‘Wir sehen uns nach der Pause und wünschen dir einen schönen Sommer.‘“

"Sie wollen nicht, dass du zurückkommst"

Doch dann kam alles anders: "Als ich wieder im Haus meiner Eltern war, konnte ich sehen, dass meine Mutter weinte. Ich fragte: ‘Was ist los?‘ Und meine Mutter sagte die Worte, die wahrscheinlich mein ganzes Leben geprägt haben. ‘Sie wollen nicht, dass du zurückkommst. Die Pflegefamilie will dich nicht mehr dort.'"
Der Grund: "Weil du so bist, wie du bist. Sie sagten, du bist zu leise und dass du schwierig bist.“ Eigenen Angaben zufolge ein großer Schock für De Bruyne, der sich bei seinem Verein nicht mehr willkommen fühlte und sich selbst als Problem betrachtete. Doch er ging zurück, arbeitete, kämpfte, um seinen Traum zu verwirklichen.
picture

Kevin De Bruyne im Trikot des KRC Genk

Fotocredit: Getty Images

"Ich hatte so viel Feuer in mir", schrieb De Bruyne und schob mit Blick auf seinen ersten Einsatz in der zweiten Mannschaft Genks nach: "Ich erinnere mich an den genauen Moment, als sich alles veränderte. Es war Freitagabend. Ich saß auf der Bank. Als ich in der zweiten Halbzeit reinkam, drehte ich voll auf.“ De Bruyne machte am Ende fünf Tore. "Ich habe innerhalb von zwei Monaten einen Platz in der ersten Mannschaft bekommen."

De Bruyne: In Bremen erfolgreich, bei Chelsea nicht

Im Winter 2012 zahlte der FC Chelsea acht Millionen Euro für den damals 20-Jährigen, doch De Bruyne fasste bei den Blues niemals Fuß. Nur sechs Monate nach seiner Ankunft wurde er verliehen, dankbarer Abnehmer seinerzeit: Der Bundesligist Werder Bremen. Die Hanseaten zahlten eine Gebühr von 450.000 Euro für den Youngster, De Bruyne zahlte die Investition mit zehn Pflichtspieltoren und zehn Vorlagen zurück.
Zu Beginn der darauffolgenden Spielzeit sollte dann der große Durchbruch in England erfolgen, De Bruyne wurde zurückbeordert. Allerdings konnte José Mourinho, der in ebenjenem Sommer das Traineramt übernommen hatte, nur wenig mit dem Neuankömmling anfangen. Nach einer ordentlichen Vorbereitung fand sich De Bruyne regelmäßig auf der Bank wieder. Einen Grund für sein Dasein als Reservist bekam er eigenen Angaben zufolge nicht geliefert.
Mourinho habe "nur zweimal" mit ihm gesprochen, verriet De Bruyne. "José rief mich im Dezember in sein Büro und das war wahrscheinlich der zweite wichtige Moment, der mein Leben veränderte. Er hatte einige Papiere vor sich und sagte: ‘Ein Assist. Kein Tor.‘ Dann begann er, die Statistiken der anderen offensiven Mittelfeldspieler vorzulesen – Willian, Oscar, Mata, Schürrle.“
Sie alle warteten mit besseren Statistiken auf, hatten jedoch auch deutlich mehr Einsatzzeit, um sich zu zeigen. De Bruyne sprach Klartext und forderte, dass der Klub ihn verkaufen möge. Zwar sei Mourinho "enttäuscht" gewesen, aber er habe "verstanden, dass ich unbedingt spielen musste."

VfL Wolfsburg als Karrieresprungbrett

Der VfL Wolfsburg, dem De Bruyne aus Bremer Tagen noch in bester Erinnerung geblieben war, erhielt den Zuschlag. 22 Millionen Euro ließen sich die Niedersachsen die Dienste des Edeltechnikers im Winter 2014 kosten. Anderthalb Jahre wirbelte der Ausnahmekönner durch Deutschlands Beletage, erzielte 20 Tore und trat 37 Mal als Vorlagengeber in Erscheinung. Im Mai 2015 führte er die Wölfe zum ersten und bis dato einzigen Sieg im DFB-Pokal.
picture

Kevin De Bruyne mit dem DFB-Pokal

Fotocredit: Getty Images

Kurz darauf folgte der Abschied, De Bruyne war Wolfsburg entwachsen, wieder lockte die Insel. Bloß diesmal standen die Aussichten deutlich besser. ManCity war bereit, satte 75 Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Alleine der Betrag ließ erahnen, dass die Citizens Großes mit De Bruyne vorhatten. Schon in seiner ersten Saison etablierte er sich unter Coach Manuel Pellegrini, bis er sich eine Knieverletzung zuzog.
Als entscheidender Faktor für den endgültigen Aufstieg in England dürfte jedoch rückblickend die Ankunft Guardiolas gewertet werden. Dass der akribische Katalane etwas ganz Besonderes in De Bruyne sah, habe ich sich schon im Rahmen des ersten Aufeinandertreffens gezeigt.

Guardiola veränderte De Bruynes "ganze Mentalität"

"Er sagte: ‘Kevin, hör zu. Du kannst ganz einfach einer der Top-5-Spieler der Welt sein.‘ Zuerst war ich geschockt. Aber weil Pep es so glaubwürdig sagte, veränderte das meine ganze Mentalität. Ich denke, das war irgendwie genial. Weil ich das Gefühl hatte, ich müsste es ihm beweisen", so De Bruyne.
Er ließ seinen Trainer nicht hängen, seither bilden die beiden ein erfolgreiches Doppelgespann, Guardiola und sein Schützling gewannen unter anderem dreimal die englische Meisterschaft, einmal den FA Cup sowie zweimal den Supercup. Einzig die fehlende Champions-League-Trophäe lässt die gemeinsame Arbeit – Stand jetzt – noch unvollkommen wirken.
Mit dem Hinspiel-Sieg über Real haben Guardiola und De Bruyne einen weiteren Grundstein für das große Ziel gelegt. Der ehemalige Bayern-Trainer fand einmal mehr lobende Worte für seinen Schöngeist: "Er ist weltweit einzigartig, auf seiner Position nicht zu stoppen", sagte Guardiola und stellte einen Vergleich mit den prägendsten Mittelfeldfiguren der vergangenen Jahre an: "Er ist einer, wie es Xavi, Andrea Pirlo und Andres Iniesta in ihren besten Zeiten waren. Man muss ihm einfach den Ball geben, dann wird es gut."
Vielleicht muss man De Bruyne am Ende des Jahres – trotz großer Konkurrenz - einen ganz besonderen, einen goldenen Ball geben. Auf eine pathetische Siegesrede werden sich die Fans im Falle des Falles jedenfalls nicht einstellen müssen. Dies würde nicht dem Naturell des schüchternen Eigenbrötlers entsprechen. Er hat es auch ohne viele Worte allen gezeigt.
picture

"Werbung für den Fußball": Guardiola feiert Halbfinale

Quelle: Perform

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung