Atlético Madrids blamables Europa-Aus und die Folgen: Der Maurermeister-Mörtel bröckelt
Diego Simeone formte Atlético Madrid zu einem europäischen Spitzenklub. Zweimal erreichten die Colchoneros zwischenzeitlich das Finale der Champions League, niemand wollte gegen die bissigen, unangenehmen Spanier spielen. In der Gruppenphase der diesjährigen Königsklassen-Saison blamierten sich die einstigen Maurermeister bis auf die Knochen. Warum nun der komplette Absturz droht.
Atlético Madrid scheiterte in der Champions-League-Gruppenphase
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Diego Simeone war sichtlich mitgenommen. Blutunterlaufene Augen, das Haar zerzaust, die Miene versteinert. Er musste das erklären, was eigentlich nicht zu erklären war: Das Ausscheiden seiner Mannschaft aus dem europäischen Wettbewerb.
"Fast alle Teams waren besser als wir", sagte der normalerweise so selbstbewusste, um keine Provokation verlegene Trainer von Atlético Madrid nach dem 1:2 beim FC Porto im Gespräch mit der Zeitung "As" und ergänzte: "Wir stehen auf dem Platz, den wir verdient haben."
Ein Eingeständnis des eigenen Versagens. Die Colchoneros, die als großer Favorit der Champions-League-Gruppe B galten, beendeten die Vorrunde der Königsklasse hinter Porto, Club Brügge und Bayer Leverkusen mit fünf Punkten und 5:9 Toren auf dem letzten Rang, verpassten aufgrund besagter Niederlage in Porto sogar den Trostpreis Europa League.
Eine Tatsache, die "demütigender nicht sein könnte", titelte die große spanische Sportzeitung "Marca". Zudem schrieb das Blatt von einer Mannschaft, "die ihre Identität verloren" habe. Eine Identität, die Simeone in seiner nunmehr knapp elfjährigen Amtszeit über mehr als eine Dekade implementiert hatte.
Simeone führte Atlético ins Konzert der Großen
"El Cholo", wie Simeone genannt wird, hatte im Dezember 2011 einen Klub übernommen, dem damals der Absturz in die Bedeutungslosigkeit drohte - und dem wankenden Riesen wieder ein unverwechselbares Profil verliehen. Atlético galt fortan als Defensivmonster. Bissig, eklig, unangenehm für jeden Gegner. Nicht sonderlich attraktiv, aber dafür enorm erfolgreich.
2014 und 2016 erreichte der Arbeiterverein jeweils das Champions-League-Finale, Simeone coachte dabei die ganz Großen des Geschäfts wie José Mourinho, Pep Guardiola oder Luis Enrique aus. Nur Stadtrivale Real Madrid verhinderte beide Male den ganz großen Wurf. Dennoch: Atlético mischte plötzlich mit bei den Schwergewichten, spielte das Schlagzeug im Tanzorchester der Top-Vereine.
Einige Jahre später bröckelt der Mörtel der einstigen Maurermeister bedenklich, der einst stets versiegelte Kasten von Torhüter Jan Oblak ist im Vergleich zu früher zu einer Schießbude verkommen. Kein Gruppen-Kontrahent kassierte in den sechs Partien mehr Gegentore als Madrid.
Atléticos Kernkompetenz ist verloren
In der heimischen Liga, in der aktuell Rang drei zu Buche steht (allerdings mit gehörigem Abstand zum enteilten Duo Real Madrid und FC Barcelona), stehen nur drei der derzeit besten zehn Mannschaften in puncto Gegentore schlechter da. Sprich: Atlético, mit nur 25 Gegentoren nach 38 Spieltagen Meister der Saison 2020/21, ist seine Kernkompetenz abhanden gekommen.
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Diego Simeone (r.) und Joao Felix
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Doch Atléticos Krise ist nicht bloß sportlicher Natur, auch finanziell sieht es nicht sonderlich rosig aus. Mit dem Transfer von Joao Felix, der 2019 für die vereinsinterne Rekordsumme von 127 Millionen Euro von Benfica in die spanische Hauptstadt gelockt wurde, verhoben sich die Verantwortlichen gewaltig.
Vor allem, weil der junge Portugiese, auf dessen Schultern alleine aufgrund der Ablösesumme ein riesiger Druck lastete, bis heute nicht richtig zündete. Dass der erhoffte Durchbruch noch immer auf sich warten lässt, hängt auch mit Simeone zusammen.
Simeone kein Fan von Rekordeinkauf Felix
Der argentinische Exzentriker wird auch im vierten Jahr offenbar nicht warm mit dem hoch veranlagten Youngster. In der laufenden Saison kam Felix lediglich etwas mehr als 700 von möglichen 1440 Minuten zum Einsatz.
Aufgrund des unerwarteten Ausscheidens in der Champions League gehen Atlético geschätzt 30 Millionen Euro durch die Lappen. Weil jedoch dringend Einnahmen erzielt werden müssen, wird mittlerweile spekuliert, dass dem Verein ohne Europapokal-Teilnahme schon im Winter ein größerer Ausverkauf drohen könnte. Neben Felix werden regelmäßig Ex-Hertha-Profi Matheus Cunha, Thomas Lemar, Rodrigo de Paul, Alvaro Morata oder Yannick Carrasco als potenzielle Abgänge gehandelt.
"El Cholo" vor dem Aus?
Und Simeone? Der Thron des langjährigen Erfolgstrainers, dessen Vertrag noch bis 2024 gültig ist, soll laut spanischen Medien längst nicht mehr unantastbar sein. Bis zur Weltmeisterschaft in Katar stehen noch drei Partien auf dem Programm, darunter ein Spiel im spanischen Pokal gegen die unterklassige SD Almazán.
Atlético und Simeone sind zum Siegen verdammt. Ansonsten droht nicht nur das Ende einer erfolgreichen Ära, sondern gar der komplette Absturz in die sportliche Mittelmäßigkeit. In ebenjene Mittelmäßigkeit, aus der Simeone die Rojiblancos vor langer Zeit herausmanövrierte.
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Quelle: Perform
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