Sie haben's also nicht gebracht, an diesem kalten, windigen Abend in Kiel. Pokal-Aus im Elfmeterschießen, manch einer sprach von Blamage – das ist es auch, wenn der Allesgewinner der Saison 2019/20 ein paar Monate später im Schneetreiben bei einem Zweitligisten scheitert.

Die Fallhöhe macht's. Hätten die Bayern dasselbe Spiel nur wenige Wochen nach dem 1:5 bei Eintracht Frankfurt im Herbst 2019, die Älteren erinnern sich, abgeliefert, wäre das Echo wohl weniger beißend, weniger sensationslüstern ausgefallen. Aber so war's ein Spaß – für die anderen.

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Die größten Pokal-Blamagen der Bayern: Vestenbergsgreuth lässt grüßen
14/01/2021 AM 09:28

Keine Frage – objektiv betrachtet tut diese Bayern-Niederlage ganz Fußball-Deutschland gut. Denen, die sich ob der sportlichen Übermacht der Münchner längst im Würgegriff wähnten. Vor allem denen, die es generell eher mit den Schwachen als mit den Starken halten. Und wahrscheinlich sogar den Münchnern selbst.

Es sind halt auch nur Menschen, die Bayern. Menschen, die fröstelnd in Kiel standen, die Trikotärmel in den Handflächen verklemmt, und sich fragten, wo all diese Leichtigkeit hin ist, die sie vergangenen Sommer noch zum Triple trug.

Und die sich wahrscheinlich auch fragten, warum dieses Holstein Kiel um Himmels Willen nur in der zweiten Liga spielt. Der Underdog war den Bayern phasenweise ebenbürtig.

FC Bayern: Ohne Höhen keine Tiefen – und andersrum

Im Endeffekt war die Bayern-Pleite an der Förde auch keine Sensation, sondern die logische Konsequenz eines Abwärtstrends. Seit 24. Oktober haben die Münchner in 16 Pflichtspielen nur einmal, beim freundschaftlichen Kick gegen Lok Moskau (2:0), zu Null gespielt.

Achtmal in Folge lagen sie um die Jahreswende rum in Pflichtspielen 0:1 zurück, schafften es oft nur schwer in die Partie, mussten wachgerüttelt werden. Dann kamen Gladbach und Kiel. Im Borussia-Park führte Bayern 2:0, wähnte sich zu sicher, verlor. In Kiel reichten 1:0 und 2:1 nicht zum Sieg. Der 2:2-Ausgleich in Minute 95 kam überraschend, der finale Akt im Elfmeterschießen war logisch.

Die Ohnmacht der Verantwortlichen um Trainer Hans-Dieter Flick, der die Defensivprobleme einfach nicht in den Griff zu kriegen scheint, zeigt dabei: vielleicht ist es auch ein normaler Prozess der Verarbeitung. Ohne Höhen keine Tiefen – und andersrum. Vielleicht wurde den Bayern erst in Kiel, als sie da standen, im Schnee, durchgefroren, so richtig gewahr, was sie 2020 geleistet hatten. Und verspürten womöglich erst jetzt wieder die letzte Lust, es 2021 erneut allen zeigen zu wollen.

Die Größe und Stärke der Bayern, ihrer Spieler, ihrer Verantwortlichen, ihres Charakters, zeigt sich vermutlich erst jetzt, in der Stunde der Niederlage.

Delle oder Schwelle – als was wird der Abend von Kiel einmal retrospektiv gesehen werden?

Lähmende Müdigkeit muss aus den Köpfen

In der Aufarbeitung ihrer Krisen waren die Münchner stets stark. Es gilt nun, unbequeme Wahrheiten anzusprechen, den Finger in Wunden zu legen.

Wer im Kader muss mehr Einsatz zeigen, wie bekommt man Spieler, die außer Form spielen, wieder hin? Und wie löst man das Problem der Zweiklassengesellschaft im Team – mit den Triple-Siegern als Platzhirschen und den acht Neuzugängen des Sommers nur als Teilzeitangestellte?

Und wie kriegen die Bayern die lähmende Müdigkeit aus den Köpfen, die den offenbar alternativlosen Offensivstil konterkariert, weil sie die Spieler fehleranfällig macht?

Der Grundstein für eine erfolgreiche Saison 2020/21 wird jetzt gelegt, in den kommenden fünf Wochen. Nur zwei davon sind sogenannte "englische" – in den anderen drei kann Flick seine Mannen nach so vielen Monaten, in denen zwischen Regeneration, Belastungssteuerung und Spielvorbereitung eigentlich nicht wirklich "trainiert" werden konnte, wieder angemessen formen und schärfen.

Mal sehen, wie viel Schadenfreude dann noch übrig bleibt.

Bayerns ärgste Pokal-Pleiten:

SAISONRUNDEGEGNERLIGAORTERGEBNIS
20/212RHolstein Kiel2A2:2, 5:6 i.E.
03/04VFAlemannia Aachen2A1:2
00/012R1. FC Magdeburg4A1:1, 2:4 i.E.
94/951RTSV V'bergsgreuth3A0:1
91/921RFC Homburg2H2:4 n.V.
90/911RFV 09 Weinheim3A0:1
79/803RSpVgg Bayreuth2A0:1
78/792RVfL Osnabrück2H4:5
77/783RFC Homburg2A1:3
67/68HFVfL Bochum2A1:2

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