Party-Stimmung an der Kieler Förde: Mit einem hupenden Auto-Korso feierten die Fans von Holstein Kiel am Mittwochabend die Pokal-Sensation gegen den FC Bayern München.

Nach Elfmeterschießen setzte sich der Zweitligist mit 8:7 überraschend gegen das Münchner Star-Ensemble durch und sorgte für das erste Zweitrundenaus der Bayern seit 20 Jahren.

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Kiel im siebten Himmel: "Diesen Abend wird keiner jemals vergessen"
13/01/2021 AM 23:11

Nach 120 Minuten hatte es 2:2 (2:2, 1:1) gestanden. Den entscheidenden Elfmeter verwandelte Bartels gegen den haushohen Favoriten und Titelverteidiger, bei den Bayern hatte Marc Roca verschossen.

Ein sehenswerter Freistoß von Leroy Sané zwei Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit reichte nicht zum Sieg in der regulären Spielzeit. Holstein-Kapitän Hauke Wahl erzwang per Kopfball (90.+4) 30 zusätzliche Spielminuten. In der ersten Halbzeit hatte Serge Gnabry (14.) für die Bayern und Fin Bartels (37.) für Kiel getroffen. Bei Gnabrys Führung hatte Schiedsrichter Robert Schröder jedoch eine Abseitsposition übersehen.

Drei Dinge, die uns bei der Pokal-Sensation auffielen:

1. Bayern-Abwehr bleibt anfällig

Die Abwehr des FC Bayern München bleibt die große Schwachstelle. In der Bundesliga spielte der Rekordmeister seit dem 24. Oktober nicht mehr zu Null. Nun gab es auch gegen zweitklassige Kieler gleich zwei Gegentore. Ähnlich wie bei der 2:3-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach am Freitagabend galt auch diesmal: Mit tiefen Pässen ist die Bayern-Abwehr zu knacken. Ein langer Pass von Jannik Dehm auf Fin Bartels, schon konnte der Ex-Bremer alleine auf Manuel Neuer zulaufen und ins lange Eck zum 1:1 treffen (37.).

Der ehemalige Bayern-Profi und heutige "ARD"-Experte Bastian Schweinsteiger kritisierte: "Beim Gegentor stehen sie an der Mittellinie. Es ist unnötig, so hoch zu stehen." Und wenn man schon so hoch stehe, "muss man zumindest richtig stehen." Dies war allerdings nicht der Fall. Innenverteidiger Niklas Süle war von drei Gegenspielern umgeben, während seine Mitspieler aus der Viererkette abseits vom Geschehen standen.

"Wir haben die Dinge angesprochen. Es ist wieder das gleiche Muster gewesen", monierte Bayern-Trainer Hansi Flick nach Abpfiff: "Wir müssen in der Situation das Zentrum dicht machen und die Tiefe sichern. Das haben wir nicht gemacht."

Torschütze Fin Bartels (2. v. l.) bejubelt mit seinen Teamkollegen den 1:1-Ausgleich

Fotocredit: Getty Images

Beim Gegentreffer zum 2:2, welches in der Nachspielzeit zustande kam, fühlte sich niemand für den Torschützen Hauke Wahl zuständig. "Da war die Box-Besetzung nicht optimal", so Flick: "Gerade kurz vor Schluss ist es wichtig, den Strafraum eins zu eins zu verteidigen."

Ebenfalls untypisch: Im Elfmeterschießen hielt Manuel Neuer keinen einzigen Schuss. Den einzigen Fehlschuss leistete sich Bayerns Einwechselspieler Marc Roca.

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2. Hoeneß und Rummenigge poltern auf der Tribüne

Nicht nur die hochstehende Verteidigung war ein Kritikpunkt. Insgesamt erwiesen sich die Münchner als zu zögernd. "Spiel doch, spiel doch", rief Vereinsboss Karl-Heinz Rummenigge von der Tribüne aus immer wieder, wenn sich die Akteure in Rot nicht vom Ball trennen wollten. "Spielt Fußball, spielt Fußball", forderte er.

Das schnelle Kurzpassspiel, mit dem die Bayern normalerweise jede Abwehr schwindelig spielen, war nur sehr selten zu sehen. Stattdessen gab es überraschend viele lange Bälle, aus denen keine Chancen resultierten. "Das ist kein guter Ball, kein guter Ball", polterte Rummenigge. "Was für Ballverluste", kritisierte er weiter.

Auch in der Offensive agierte der Rekordmeister teilweise zu zögernd. Bestes Beispiel: Als Bouna Sarr in der 31. Minute in den Strafraum vordrang, schrie Ex-Präsident Uli Hoeneß: "Schieß doch, schieß doch." Stattdessen verdaddelte der Franzose die Torchance. Dies war typisch für den streckenweise fehlenden Abschlussmut der Bayern.

Besonders viel Kritik bekam Außenverteidiger Alphonso Davies von der Tribüne ab. "Der haut den Ball irgendwo hin, wo kein Mensch steht," schrie Rummenigge und ließ im weiteren Spielverlauf weitere kritische Worte folgen. So vermummt die beiden angesichts der Kälte auch gewesen sein mögen: Der Ärger über die schwache Vorstellung ihrer Mannschaft war ihnen in jeder Minute anzusehen.

Bayern-Jungstar Alphonso Davies (r.) im Duell mit Kiels Alexander Mühling

Fotocredit: Getty Images

Kein Wunder: Sicher haben weder Rummenigge noch Hoeneß erwartet, dass sie um 23:25 Uhr noch immer bei Schneeregen auf der windigen Tribüne von Kiel sitzen würden – und dann auch noch das Ausscheiden miterleben müssen. Sie gratulierten dem Kieler-Präsident Steffen Schneekloth und zogen ab – durchgefroren und frustriert.

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3. Holstein Kiel empfiehlt sich für die Bundesliga

Wer erwartet hatte, dass Holstein Kiel gegen den Rekordmeister hoffnungslos unterlegen sein würde, sah sich getäuscht. Das Gegenteil war der Fall: Der Tabellendritte der 2. Bundesliga setzte fußballerische Akzente.

Der südkoreanische Stürmer Jae-sung Lee, der sich in seinem letzten Vertragsjahr befindet, stellte die Bayern mit seinen technischen Qualitäten immer wieder vor Probleme. Auch Innenverteidiger Hauke Wahl, der zum 2:2 traf, wuchs über sich hinaus. "Sensationell, wie die Kieler das gespielt haben", lobte Schweinsteiger in der "ARD". "Dass sie daran geglaubt haben, zeichnet sie aus. Das war ein überragendes Spiel über 120 Minuten."

Kurzum: Kiel präsentierte sich gegen die Bayern stärker und vor allem mutiger als viele Gegner in der Bundesliga. "Es war eine außerordentliche Leistung meiner Mannschaft", zeigte sich auch Kiel-Trainer Ole Werner begeistert. Zudem erwiesen sie sich im Elfmeterschießen als nervenstark, da alle Schützen trafen. Mit dieser Leistung hat sich Holstein für die Bundesliga empfohlen.

Es dürfte für die Konkurrenten wie den Hamburger SV oder Fortuna Düsseldorf jedenfalls ein schwieriges Unterfangen werden, diese eingespielte Truppe in der Tabelle hinter sich zu lassen.

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