Umringt von seiner feiernden Mannschaft reckte Julian Nagelsmann die Trophäe in die Höhe. Die A-Junioren der TSG Hoffenheim hatten sich am Ende einer starken Saison 2013/14 mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft belohnt. Im Finale schlug der Süd/Südwest-Meister Hannover 96 mit 1:0 und holte den bedeutendsten Nachwuchstitel in Deutschland erstmals in den Kraichgau.
Architekt des Erfolgs war der erst 26-jährige Nagelsmann, der die Mannschaft erst zu Beginn der Saison übernommen hatte. Schon damals sahen viele Experten in ihm ein großes Trainertalent. Nur sieben Jahre später schickt sich der nun 33-Jährige nach erfolgreichen Spielzeiten mit den Hoffenheimer Profis und RB Leipzig an, den Posten als Chefcoach beim FC Bayern zu übernehmen.
Die Fußstapfen von Hansi Flick, der mit den Münchnern im vergangenen Jahr das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewann, sind riesig. Doch die Klub-Bosse des Rekordmeisters trauen Nagelsmann zu, dieser Herausforderung gerecht zu werden und waren dementsprechend bereit, eine Weltrekord-Ablöse von kolportierten 20-25 Millionen Euro an Leipzig zu überweisen.
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Bevor der gebürtige Landsberger wieder in seine bayerische Heimat zieht, wird er aber noch drei Spiele mit seinem derzeitigen Klub absolvieren. Das Erste davon steigt am Donnerstagabend in Berlin gegen Borussia Dortmund (ab 20:45 Uhr im Liveticker). Das DFB-Pokalfinale wird das wichtigste Spiel in Nagelsmanns bisheriger Karriere sein und kann einen ganz entscheidenden Einfluss auf seine nächste Station haben.

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Nagelsmann fehlt ein großer Titel

Denn so erfolgreich er in Hoffenheim und Leipzig auch arbeitete, abgesehen von der A-Jugendmeisterschaft, kam der heute 33-Jährige nicht mehr in Kontakt mit Silberware. Ein großer Titel fehlt Nagelsmann in seiner bisherigen Vita und wohl nirgends wird man mehr über Titel definiert als beim FC Bayern.

Julian Nagelsmanns einziger Titel stammt aus der Zeit als U19-Coach der TSG Hoffenheim

Fotocredit: Eurosport

In München trifft der jüngste Bundesliga-Trainer aller Zeiten auf eine gänzlich andere Mannschaft als bei seinen bisherigen Stationen. Sowohl in Hoffenheim als auch bei Leipzig arbeitete Nagelsmann mit vielen jungen, wissbegierigen Talenten. In München ist dies zum Teil nicht anders, doch die Mehrzahl der Spieler strotzt nur so vor Erfahrung und hat nationale und internationale Titel im Gepäck.
Die Führungsriege um Manuel Neuer, Thomas Müller und Robert Lewandowski befindet sich im gleichen Alter wie ihr neuer Trainer. Nagelsmann muss sich bei den alten Hasen erst einmal Respekt verschaffen. Das soll in erster Linie natürlich über die sportliche Kompetenz erfolgen. Nagelsmann ist ein echter Fachmann, der immer wieder neue taktische Ansätze findet. In schwierigen Phasen werden die Bayern-Stars dennoch seine Methoden hinterfragen. Ein Pokal wäre da sicherlich ein stichhaltiges Argument, das Nagelsmann Rückendeckung verschafft.
Mit Blick auf seine Leipziger Zeit wollte der Erfolgscoach die Bedeutung eines Titels nicht zu hoch hängen. "Es ist ein Unterschied, ob man einen Titel holt oder nicht. Ich glaube aber, dass sich die Betrachtung mit ein wenig Abstand ändern wird. Denn unabhängig von diesem einen Spiel war es eine gute Zeit mit einer guten Entwicklung. Das gilt sowohl für die Mannschaft und die Spieler als auch für mich", sagte Nagelsmann im Pokalmagazin des DFB, ergänzte allerdings: "Aber klar: Der Pokal-Titel würde die ganze Geschichte abrunden und den Abschied für alle ein wenig leichter machen."

Nagelsmann wird beim FC Bayern an Titeln gemessen

Nah dran an einem Titel war der 182-fache Bundesligatrainer in den vergangenen Jahren schon mehrfach, klappen sollte es nicht ganz. In seiner Debüt-Saison bei Leipzig wurde er am Ende Dritter. In dieser Spielzeit lieferten die Roten Bullen den Münchnern lange Zeit eine Menge Gegenwehr. Anfang März betrug der Rückstand auf die Tabellenspitze nur zwei Punkte. Dann aber brachen die Sachsen etwas ein und gewannen nur drei der letzten acht Spiele, darunter auch die 2:3-Niederlage gegen den kommenden Pokalfinalgegner Dortmund am Wochenende.
Für das größte Aufsehen sorgten die Leipziger aber wohl in der vergangenen Saison, als man bis ins Halbfinale der Champions League vordrang und auf dem Weg dorthin Atlético Madrid und Tottenham ausschaltete, ehe Paris Saint-Germain eine Nummer zu groß war. Das brachte RB und Nagelsmann zwar viel Respekt ein, doch am Ende wird der Erfolg zum größten Teil über Titel definiert. Thomas Tuchel, der PSG wenige Monate nach dem erstmaligen Erreichen des CL-Finals verlassen musste, kann ein Lied davon singen.
Auch bei den Fans hört man gerne mal einen flapsigen Spruch nach dem Motto: "Der hat ja noch nie was gewonnen." Überspitzt gesagt ist bei den erfolgsverwöhnten Münchner Anhängern der Meistertitel Pflicht, ein Pokalsieg rundet eine gute Saison ab und erst beim CL-Triumph wird von einer außergewöhnlichen Leistung gesprochen. Das Gefälle bei einem Misserfolg ist entsprechend hoch. Und schon andere große Namen wie beispielsweise Carlo Ancelotti scheiterten an dieser Herausforderung. Bei Nagelsmann ist die Reputation vergleichsweise gering.

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Nagelsmann: Erfahrung keine Frage des Alters

Schon bei seinem Vor-Vorgänger Niko Kovac gab es gewisse Zweifel – und das, obwohl der Kroate mit Eintracht Frankfurt zuvor eben jenen DFB-Pokal gewonnen hatte. Trotz des Doubles musste Kovac nach knapp eineinhalb Jahren seinen Hut nehmen und wurde durch Flick ersetzt. Er sei dem FC Bayern einfach nicht gewachsen gewesen, hieß es in der Folge oft.

Niko Kovac musste den FC Bayern trotz des Double-Gewinns verlassen

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Das gleiche Schicksal droht Nagelsmann mehr denn je. Sein junges Alter ist im Falle des Misserfolgs ein gefundenes Fressen. Nagelsmann selbst sagte in Bezug darauf: "Erfahrung wird immer wichtig sein. Ich glaube, dass das ein ganz normaler Prozess ist, der in vielen anderen Bereichen in ähnlicher Weise stattfindet. Irgendwann verabschieden sich ältere Führungskräfte und jüngere rücken nach." Erfahrung sei für Nagelsmann aber "nicht zwingend eine Frage des Alters", wie er betonte: "Entscheidend ist am Ende die Qualität und damit die Frage, ob die Spieler das Gefühl haben, dass du sie weiterbringst."
Schon am Donnerstag im Pokalfinale hat Nagelsmann die Möglichkeit, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und ein positives Zeichen an seine künftigen Spieler zu senden. Denn eins ist klar: Nagelsmanns Bayern-Zeit beginnt schon jetzt.
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