Die Entwicklung des Spielmachers: Wie Toni Kroos seine Rolle interpretiert
VonLuca Baier
Publiziert 04/06/2020 um 22:28 GMT+2 Uhr
Die Nummer 10 auf dem Rücken, kleiner Bewegungsradius hinter den Spitzen, technisch mit Abstand der beste Spieler auf dem Platz: Den Spielmacher, wie ihn viele kennen, gibt es in der Form nicht mehr. Der Fußball hat sich verändert - und damit die Spielertypen. Eurosport.de erklärt im Taktik-Check, wer nun eigentlich der Spielmacher ist.
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Der Fußball ist im ständigen Wandel - sowohl athletisch als auch taktisch. Vom Ausputzer zum offensiv denkenden Libero, vom Manndecker zum Innenverteidiger, von der echten zur falschen Neun und zurück. Auch die Position beziehungsweise die Rolle des Spielmachers veränderte sich immer wieder.
Sechser als Quarterback folgt auf klassischen Zehner
Die typischen Zehner waren in den achtziger und neunziger Jahren sowie zu Beginn der 2000er-Jahre noch Dreh- und Angelpunkt in Systemen wie 3-4-1-2 oder 4-4-2 mit Raute. Diego Maradona, Michel Platini, Roberto Baggio, Zinédine Zidane, Rui Costa - die Liste der Zauberfüße hinter den Spitzen ist lang. Spätestens mit der Weltmeisterschaft 2006 verschwand die Zehnerposition jedoch aus den meisten Systemen - die Doppelsechs löste den Zehner im 4-4-2 ab.
Die Folge: Die Sechser hatten mehr Zeit am Ball, da zwischen gegnerischem Angriff und Mittelfeld mit ebenfalls zwei Sechsern große Räume entstanden. Spieler wie Andrea Pirlo oder Xabi Alonso organisierten das Spiel wie ein Quarterback beim American Football, oft fütterten sie die Flügelspieler mit Diagonalbällen oder schickten die Stürmer in die Tiefe. Der Spielmacher war plötzlich auf der Sechs zu Hause - und nicht mehr auf der Zehn.
Viele Teams reagierten auf die Gefahr dieser "Dauerbefeuerung" durch ein höheres Pressing. Das 4-4-2 wurde einfach im kompletten Block weiter nach vorne geschoben, die Innenverteidiger sahen sich permanentem Druck der beiden gegnerischen Stürmer ausgesetzt. Kontrollierte Anspiele auf die spielmachenden Sechser waren nun seltener möglich - einerseits bedingt durch den Druck, anderseits durch den verknappten Raum.
Die Reaktion darauf war in der Folge dann oft das sogenannte Abkippen. Einer der Sechser ließt sich in Ballbesitz zwischen die beiden Innenverteidiger fallen, um im Aufbau gegen zwei gegnerische Spitzen eine Überzahlsituation herzustellen. Die Folge: weniger Druck und mehr Zeit am Ball. Bastian Schweinsteiger oder auch Granit Xhaka waren hier prominente Vertreter dieser Spielweise in der Bundesliga.
Abkippender Sechser bringt Zehner zurück - aber nicht den klassischen
Das Abkippen des Sechsers blieb natürlich nicht folgenlos. Zog sich einer der Sechser im 4-4-2 in die erste Aufbaulinie zurück, litt die Staffelung für das Kurzpassspiel: Der zweite Sechser blieb alleine zwischen den Mannschaftsteilen und konnte leicht gepresst werden. Mangels Anspielstationen im zweiten Spielfelddrittel folgten aus dem Dreieraufbau mit dem zurückgezogenen Mittelfeldspieler oft lange Bälle. Wurden diese abgewehrt, war der zweite Sechser im Mittelfeld allein auf weiter Flur – und hatte keine Chance im Kampf um die sogenannten zweiten Bälle.
In dieser Zeit stellten viele Trainer von 4-4-2 auf 4-2-3-1 um. Der Zehner war zurück - aber in abgeänderter Form. Spielertypen wie Toni Kroos füllten die Zentrale auf, wenn ein Sechser zu den Innenverteidigern zurückfiel, die Positionen "hinter den Spitzen" gab es also weiterhin nicht. Auch andere Spielertypen sind nicht als klassische Spielmacher zu bezeichnen. Mesut Özil ist ein Vertreter dieser Gattung: immer in Bewegung zwischen den Ketten des Gegners, oft auf dem Flügel oder um den Stürmer herum.
Innenverteidiger als Taktgeber gegen tiefe Gegner
Um 2010 herum begann die Ära des spielmachenden Innenverteidigers. Das Abkippen des Sechsers war plötzlich immer seltener zu sehen, viele Mannschaften verzichteten auf hohes Pressing und fokussierten sich stattdessen auf das Verteidigen in einem kompakten Block. Da dies in der Regel in Systemen mit nur einer Sturmspitze geschah (4-2-3-1, 4-5-1, 5-4-1), kamen neue Herausforderungen auf die Innenverteidiger zu.
Um kurzzeitig für Überzahlsituationen zu sorgen, mussten sich die Innenverteidiger mit ins Mittelfeld einschalten. Statt sich gegen einen Stürmer endlos den Ball hin und her zu schieben, dribbelte einer der Innenverteidiger einige Meter ins Mittelfeld. Die Idee dahinter: Schiebt ein Flügelspieler des Gegners raus, um Druck auszuüben, wird der Außenverteidiger frei. Kommt wiederum der gegnerische Zehner oder ein Achter aus der Ordnung, ergeben sich Räume im Zentrum. Spielertypen wie Gerard Piqué, Mats Hummels oder Jérôme Boateng waren folglich wertvoller als klassische Verteidiger im Wortsinn.
Peps falsche Außenverteidiger, Titz' Torwartkette und Walters Abwehrrotation
Vom Zehner zum Sechser zum Innenverteidiger. Das Label Spielmacher lässt sich nicht an eine Position heften. Das Spiel, die Qualität der Spieler, die taktischen Ideen und wiederum die Gegenmaßnahmen verändern sich ständig, sodass die Aufgaben des Spielmachers ständig in anderen Kontexten gefragt sind.
Dass die Entwicklung längst nicht zu Ende ist, beweisen einige spannende taktische Experimente der letzten Jahre. So ließ Pep Guardiola plötzlich seine beiden Außenverteidiger direkt neben den Sechser rücken - einerseits zum Vergrößern des Raums für die Flügelspieler, andererseits aber auch mit dem Vorteil, mit David Alaba, Philipp Lahm und Xabi Alonso drei passstarke Taktgeber im Zentrum zu haben.
Christian Titz sorgte in seiner kurzen Amtszeit beim Hamburger SV für Aufsehen, indem er den Torwart in der Zone agieren ließ, in der sonst der abkippende Sechser spielte - Hamburg hatte plötzlich einen Spieler mehr auf dem Platz.
Tim Walter löste bei . Schon für den Innenverteidiger galt: Spielen und Gehen! Das Mittelfeld schob komplett nach vorne und ließ das zweite Drittel nahezu unbesetzt. Die Abwehrspieler besetzten diese Zone dann nach ihren gespielten Pässen mit Läufen in die Tiefe. So konnte ein Linksverteidiger auch schnell mal im Zehnerraum auftauchen oder der Innenverteidiger als rechter Mittelfeldspieler.
Eurosport-Check: Die Faszination Spielmacher stammt aus einer Zeit, in der das individuelle Niveau zwischen den Spielern noch extrem schwankte. Die Zehner waren schlichtweg oft die besten Spieler - auch für den Laien leicht zu identifizieren. Mit fortschreitender Qualität im technischen, athletischen und taktischen Bereich verschoben sich die Bereiche, in denen Spielmacherqualitäten gefragt waren, aber ständig. Den klassischen Spielmacher gibt es nicht mehr. Was aber nicht heißt, dass es keinen Spielmacher mehr gibt. Die Ideen und Experimente zeigen einen Trend zum totalen Fußball á la Johann Cruyff. Jeder greift an, jeder verteidigt. Und jeder kann Spielmacher sein.
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