EM 2016 - Hummels, Khedira, Gomez, vielleicht Schweinsteiger: Welcher Ausfall wiegt am schwersten?

Der deutschen Nationalmannschaft fehlt vor dem EM-Halbfinale gegen Frankreich eine komplette Achse. Mats Hummels, Sami Khedira und Mario Gomez fallen sicher aus, Kapitän Bastian Schweinsteiger ist fraglich. Wer Joachim Löw hörte, muss konstatieren: sehr fraglich. Der Bundestrainer ist gezwungen, auf neue Köpfe zu setzen, speziell auf der neuralgischen Position im Mittelfeldzentrum. Das ist heikel.

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Sie kennen das ja, ein Halbfinale gegen den Gastgeber. Bei der WM 2014 traf die deutsche Nationalmannschaft in der Vorschlussrunde auf Brasilien, seinerzeit Turnierausrichter und, wahrscheinlich deshalb: Topfavorit. Die Brasilianer weinten vorher (bei der Hymne) und nachher (beim 1:7), das DFB-Team aber zog ins Endspiel ein und gewann den Titel.
"Damals", sagt Joachim Löw in der Retrospektive, "stand ein Land mit 200 Millionen Menschen hinter Brasilien. Wir sind gut damit klargekommen und werden es jetzt wieder schaffen. Unabhängig von unserer personellen Situation wissen wir, was zu tun ist."
Unabhängigkeit von der Personallage ist eine rührende Vorgehensweise in diesen Tagen, vor dem EM-Halbfinale gegen Frankreich in Frankreich. Sich freizumachen vom Teambestand enthält neben Ratsamkeit allerdings auch Ambition für Weltmeister Deutschland und Bundestrainer Löw.

Löw: "Ich werde neue Namen reinbringen"

In der ultimativ heißen Phase und nach dem Viertelfinalsieg über Italien brechen dem DFB-Team die Stützpfeiler weg. Für Mario Gomez ist das Turnier mit Muskelfaserriss im rechten hinteren Oberschenkel beendet; Sami Khedira (Adduktorenverletzung im Bereich des linken Oberschenkels) wird nach Löw'scher Auskunft "auf keinen Fall" gegen Frankreich auflaufen; Bastian Schweinsteiger plagt eine "leichte Zerrung am Außenband" des rechten Knies; Mats Hummels sitzt eine Gelbsperre ab.
Bei der Medienrunde hat Löw viel preisgegeben und sich dabei erstaunlich selbstbewusst, aufgeräumt, griffig präsentiert, wie ein Souverän. Die Verletzungen "thematisieren wir gar nicht", sagte er.
Zwischen den Zeilen klang an, dass es bei Schweinsteiger nicht reichen dürfte. Angeschlagene Akteure werde er "definitiv" nicht für die Startelf nominieren, betonte Löw, was den Spiel-Raum für den 31-Jährigen einschränkte, buchstäblich.
"Ich hoffe, dass es unser Kapitän schafft", meinte er und lobte Schweinsteigers Auftritt gegen Italien. "Glänzend" habe er sich "reingebissen und bis zum Schluss das Tempo und die Kraft gehabt, das hat mich beeindruckt". Trotzdem wird's eng für Donnerstag. Gefordert sind 100 Prozent Leistungsvermögen.

Ohne Khedira/Schweinsteiger ändert sich die Spielstatik

In Marseille bricht Löw eine komplette Achse weg, so oder so, Hummels in der Abwehr, Khedira im Mittelfeld, Gomez im Sturm. Sollte obendrein Schweinsteiger ausfallen, ist die Problematik dort am größten, wo die Steuerknüppel der Schaltzentrale justiert sind, an der Seite von Toni Kroos.
Kein Ersatzkandidat (abgesehen von der Variante mit "Sechser" Mesut Özil) hat bisher eine EM-Minute absolviert, gleichwohl Löw "bedenkenlos" Emre Can oder Julian Weigl einsetzen würde. Liverpool-Profi Can habe "im Training immer überzeugt, er ist sehr wuchtig und technisch stark", Dortmunds Weigl besitze "eine andere Herangehensweise". Generell, sagte Löw, sei Ballkontrolle "ein ganz wichtiges Kriterium".
Fest steht bereits: Ohne Khedira und/oder Schweinsteiger verschiebt sich die Statik. Und das im Halbfinale. Kein Vorteil.

Müller oder Götze oder beide

Für Verteidiger Hummels stehen Shkodran Mustafi (wie im Auftakt gegen die Ukraine) und Benedikt Höwedes bereit. Hummels' öffnende, mitunter sezierende Pässe sind kaum zu kompensieren, Höwedes aber wurde von Löw verbal getätschelt, "überragend gut" fand er dessen Darbietung gegen Italien.
Vorne werden sie Gomez' körperliche Präsenz vermissen, am Boden wie in der Luft, seine Abschlussqualitäten sowieso. Anwärter sind Thomas Müller und Mario Götze, zwei völlig verschiedene (Spieler-)Typen, folglich unterschiedlich gelagert, was den Stil anbelangt. Müller gehe "in die Tiefe", berichtete Löw, während sich Götze "in den Zwischenräumen" bewege.
Müller oder Götze. Oder beide. Löw hat eigentlich genug Sorgen, aber zum Schluss, als humorigen Rausscheißer quasi, zog er den Mundwinkel hoch und grinste: "Vielleicht spielen wir ja auch mit zwei Spitzen..."
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