EM: Deutschland entgeht Blamage gegen Ungarn - Diese Baustellen gibt es in der Nationalmannschaft

Die DFB-Elf schrammte beim 2:2 (0:1) gegen Ungarn mehrmals am Vorrundenaus vorbei. Eine erneute Blamage wie bei der WM 2018 konnte gerade noch abgewendet werden. Der eingewechselte Leon Goretzka rettete die deutsche Auswahl mit seinem Treffer zum 2:2 kurz vor dem Ende. Doch vor dem Achtelfinal-Kracher gegen England am kommenden Dienstag gibt es nach dieser schwachen Leistung einige Baustellen.

Kai Havertz (links) und Serge Gnabry - Deutschland

Fotocredit: Getty Images

Pure Erleichterung dürfte am späten Mittwochabend das vorherrschende Gefühl bei der deutschen Nationalmannschaft gewesen sein. Äußerst knapp entging man dem erneuten Vorrundenaus bei einem großen Turnier.
Gegen aufopferungsvoll spielende Ungarn reichte es für die nach dem Portugal-Spiel gelobte DFB-Elf gerade einmal zu einem 2:2 (0:1), was am Ende tatsächlich zum zweiten Platz in Gruppe F und zum Weiterkommen ins Achtelfinale reichte.
Dort wartet nun England im Wembley-Stadion auf die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw (29. Juni, 18:00 im Liveticker).
Auch wenn Spieler wie Manuel Neuer oder Joshua Kimmich bereits voller Vorfreude auf dieses Duell blickten, gibt es nach der schwachen Team-Leistung gegen Ungarn einige Baustellen, die Löw lösen muss. Sonst wird es auch gegen die Engländer schwierig.

DFB-Elf wirkt ohne Plan B verloren

Gegen die Ungarn, die erwartungsgemäß sehr tief verteidigten und mit ihrer Fünferkette die deutsche Offensive in Manndeckung beackerten, wurde erneut deutlich, dass die DFB-Elf offenbar nur einen Plan A hat. Gegen Portugal gelang es den Deutschen über die Außen in Person von Kimmich und Robin Gosens die Räume zu nutzen und für reichlich Unruhe in der portugiesischen Defensive zu sorgen.
Auch wenn Löw schon im Vorfeld warnte, dass gegen die Ungarn diese Räume nicht zu erwarten seien und man stattdessen den Weg über das Zentrum suchen müsse, blieben die Angriffe der Deutschen einseitig. Gosens, der überhaupt nicht ins Spiel fand, sowie Kimmich blieben meist blass. Auch in der Mitte fanden Toni Kroos und Ilkay Gündogan keine Passwege, die dem Gegner Probleme bereiteten. Die Folge: Das offensive Trio um Serge Gnabry, Leroy Sané und Kai Havertz hing meist in der Luft und erhielt kaum Bälle.
Insgesamt hatte das deutsche Spiel zu wenig Tempo und Bewegung, dafür zu viele Rück- und Querpässe. Die Tiefe fehlte komplett. Zu selten wurden die Positionen gewechselt, um das starre Spiel aufzubrechen. Die immer wieder geschlagenen Flanken aus dem Halbfeld, etwa von Matthias Ginter, fanden keine Abnehmer - zumindest keine im DFB-Trikot.
Auch bei Standards - in der Vergangenheit durchaus zu den Stärken der deutschen Mannschaft zählend - fehlte jegliche Offensivgefahr. Beispielhaft ein verpatzter Eckball von Sané Mitte der zweiten Hälfte. Auch Bundestrainer Löw stellte klar: "Die Eckbälle sind, so wie sie heute kamen, nicht zielführend."
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Klare Kante: Kimmich analysiert Zitterpartie gegen Ungarn

Quelle: Perform

Nationalmannschaft schwächelt bei Standards

Generell offenbaren Standardsituationen, die nicht nur offensiv wenig Durchschlagskraft hervorbringen, vor allem in der Defensive große Schwächen der deutschen Mannschaft. Bezeichnend: Die beiden Gegentoren gegen Portugal entstanden nach einem deutschen Eckball bzw. einem Freistoß der Portugiesen. Gegen Frankreich wurde ein simpler Einwurf den Deutschen zum Verhängnis und gegen die Ungarn landete der Ball nur 15 Sekunden nach dem Anstoß vom 1:1-Ausgleich hinter Neuer im Tor.
Leon Goretzka kritisierte: "Das sind Situationen, wo wir vom Kopf her nicht ganz da sind. Da gab es auch ein paar Standardsituationen, wo wir nicht ganz auf der Höhe sind. Das müssen wir ansprechen." Auch die offensiv bestens besetzten Engländer würden solche Fehler eiskalt ausnutzen.
Gegen Ungarn brachten wiederum erst die Einwechslungen in der zweiten Hälfte - etwa vom späteren Torschützen Goretzka - sowie die Umstellung von 3-4-3 auf 4-3-3 etwas mehr Dynamik ins Spiel. Kimmich wurde ins Zentrum neben Kroos gezogen. Gündogan durfte auf die Zehn, was aber auch wenig Erfolg brachte. Deshalb kam Goretzka in der 58. Minute für den enttäuschenden Man-City-Star auf den Platz.

Leon Goretzka vor Startelf-Einsatz gegen England

Mit dem Mute der Verzweiflung brachte der Bundestrainer schließlich alle Offensivleute, die noch auf der Bank saßen. Timo Werner, Jamal Musiala, Kevin Volland und auch der angeschlagene Thomas Müller sollten das erneute Aus in einer Vorrunde abwenden - und schafften es mit Mühe und dank eines strammen Schusses von Goretzka, der hinterher meinte: "Der Ball fällt mir vor die Füße - und dann nur noch rein damit."
Um auch gegen England bestehen zu können, wird genau diese Wucht des Bayern-Stars wieder von Nöten sein. Daher wäre es überraschend, wenn Goretzka gegen die Three Lions nicht von Beginn an spielt. Das passive Duo Kroos/Gündogan hat nach den drei Vorrundenspielen leider bewiesen, dass es nicht funktioniert.
Auch vorne könnte mit Musiala frischer Wind in die Offensive kommen. Löw sagte zur Leistung des 18-Jährigen: "Gerade wenn es ein wenig eng ist, hat er seine Stärken. Für einen so jungen Spieler hat er es gut gemacht. Er war frech, seine Leistung war sehr ansprechend." "ZDF"-Experte Per Mertesacker schwärmte: "Er ist einfach unbekümmert und hat sich keine Platte gemacht."
Musiala bewies zudem nach dem Spiel, dass er im Gegensatz zu vielen seiner deutlich erfahreneren Teamkollegen mit der richtigen Einstellung ins Spiel ging: "Ich sollte mir Sachen zutrauen und aggressiv nach vorne gehen. Ich hatte nichts zu verlieren."

Leroy Sané kann Chance nicht nutzen

Besonders Sané muss daher gegen England um seinen erst gegen Ungarn erhaltenen Startplatz zittern. Der 25-Jährige konnte die Chance nicht nutzen, war aber auch nicht der alleinige Grund für die fehlende Durchschlagskraft gegen Ungarn. Zumindest in der ersten Halbzeit hatte Sané noch einige passable Szenen in der Balleroberung und im Gegenpressing. Seiner Hauptaufgabe, für Gefahr im Angriff zu sorgen, kam der Bayern-Spieler aber nicht nach. Wie so oft im DFB-Trikot konnte Sané sein unbestrittenes fußballerisches Können nicht abrufen. Auch seine eigentliche Stärke im Eins-gegen-Eins ließ der 25-Jährige missen.
Bundestrainer Löw meinte: "Wir haben Leroy ganz rechts an den Flügel geschickt, in der Hoffnung, dass er dort im Eins-gegen-Eins und mit der Schnelligkeit nach innen und außen durchbrechen kann. Aber das ist auch nicht so gelungen." Nach dem verletzungsbedingten Fehlen von Müller in der Startelf hatte etwas überraschend Sané den Vorzug vor Goretzka erhalten. Löw erklärte, der Bayern-Star habe "sich die Chance verdient. Wir wollen offensiv Akzente setzen." Doch Sané geling dies nicht.
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Löw verteidigt Sané: Darum war es so schwer für den Bayern-Star

Quelle: Perform

Bezeichnend für die oftmals falschen Entscheidungen Sanés: In der Nachspielzeit hätte die deutsche Elf mit einem gut ausgespielten Konter sogar noch den Sieg und damit den ersten Platz in Gruppe F erreichen können. Doch Sané flankte den Ball in einer Überzahlsituation derart klar an seinen beiden mitstürmenden Teamkollegen vorbei, dass sich selbst Löw an der Seitenlinie nur noch die Haare raufen konnte.
TV-Experte Sandro Wagner kritisierte: "Musiala hat den Konter gut eingeleitet. Er (Sané, Anm. d. Red.) braucht den Ball nur mit dem rechten Fuß, auch wenn es sein schwächerer ist, quer spielen." Auch wenn Sané nicht der alleinige Faktor für das schwache Spiel der deutschen Elf war, so steht er doch sinnbildlich dafür, wie wenig die Nationalmannschaft bei dieser EM ihrem eigenen Selbstverständnis als auch vorhandenen Talent gerecht wird.
Die größte anzunehmende Blamage konnte die DFB-Elf immerhin verhindern. Doch Löw mahnte mit Blick auf das England-Spiel: "Wir müssen ein paar Dinge korrigieren und absolut auf der Hut sein bei Flanken in den Sechzehner und Standards, da gibt es jetzt kein Pardon mehr. Das müssen wir besser machen." Hoffnung hat der Bundestrainer aber weiterhin: "Wir wissen, wenn wir das abrufen, was wir können, dann sind wir stark."
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Quelle: SNTV

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