EM - Deutschland gegen Ungarn - Große Erleichterung und eine brutale Erkenntnis
Publiziert 24/06/2021 um 01:02 GMT+2 Uhr
Deutschland hat mit der Brechstange und viel Glück ein 2:2 (0:1) gegen Ungarn erreicht und steht im Achtelfinale der EURO 2020. Das DFB-Team von Bundestrainer Joachim Löw tat sich über weite Strecken sehr schwer. Letztlich brachten die eingewechselten Leon Goretzka und Jamal Musiala den entscheidenden Schwung in die Offensive. Doch eine Erkenntnis ist brutal. Drei Dinge, die auffielen.
Joshua Kimmich
Fotocredit: Getty Images
Das ging gerade noch mal gut! "Joker" Leon Goretzka hat die deutsche Nationalmannschaft in einem nervenzerfetzenden Zitterspiel ins EM-Achtelfinale geführt.
Das Team von Bundestrainer Joachim Löw erkämpfte bei widrigstem Fritz-Walter-Wetter gegen Ungarn nach zweimaligem Rückstand ein 2:2 (0:1), das mit Ach und Krach für den zweiten Platz und den Sprung in die K.o.-Runde reichte. Nun geht es am Dienstag in Wembley ins Kracherduell der alten Rivalen gegen England.
Eine Halbzeit brauchte die uninspirierte deutsche Mannschaft, um den Schock des 0:1 durch Ádam Szalai (11.) zu verdauen. Es drohten ein Desaster wie bei der WM 2018 und ein peinlicher Abschied für Löw nach 15 Amtsjahren - doch dann die Erlösung: Kai Havertz (66.) und Goretzka (84.) wendeten alles ins Gute.
Drei Dinge, die uns auffielen.
1. Löw geht All in - und gewinnt
Nach Spielende wirkte er bereits wieder gelöst und locker. Doch während der 90 plus vier Minuten gegen Ungarn wird Joachim Löw eine krasse Gefühlsachterbahn erlebt haben. Erst die Brechstange ließ das Abwehrbollwerk und die eisenharte Moral des Gegners zerbrechen. Das drohende Aus in der Vorrunde vor Augen, befanden sich am Ende sämtliche deutsche Offensivkräfte auf dem Rasen. Es war ein Ritt auf der Rasierklinge, eine "All-in-Taktik", die genauso gut nach hinten hätte losgehen können, weil die Ungarn die deutsche Mannschaft an der empfindlichsten Stelle trafen. Sie nutzten die Fehler in der DFB-Abwehr gnadenlos aus und verteidigten aggressiv.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2021/06/23/3159754.jpg)
Leon Goretzka schießt Deutschland ins Achtelfinale
Fotocredit: SID
Die Außen, Joshua Kimmich und Robin Gosens, die gegen Portugal noch das Prunkstück waren, sie wurden durch Manndeckung aus dem Spiel genommen und entnervt. Löw probierte alles, um Kreativität zu erzeugen. Zur zweiten Halbzeit stellte er von der Dreier- auf eine Viererkette um, beorderte Kimmich ins Zentrum und Gündogan, der dann durch Goretzka ersetzt wurde, nach ganz vorne. "Die sogenannten kleinen Teams hauen alles rein, es war nicht einfach", wusste Löw.
Als Glücksgriff erwies sich neben der Hereinnahme von Goretzka auch die Einwechslung von Jamal Musiala, der mit einer grandiosen Bewegung den entscheidenden Ausgleichstreffer einleitete. "Er ist gut, wenn es eng ist. Er war frech, seine Leistung war sehr ansprechend", lobte Löw. Warum er ihn aber dann erst in der 82. Minute brachte, blieb fragwürdig. Dieses Mal ging sein Plan noch auf.
Klar ist aber auch, dass sich Deutschland gegen England anders präsentieren muss. Das Duo Kroos/Gündogan hat in der Zentrale seine Chance bekommen. Es funktioniert nicht. Goretzka wird ziemlich sicher in Wembley von Beginn an ran dürfen. Auch Leroy Sané hat seinen Wert nicht unter Beweis gestellt, Timo Werner oder sogar Musiala drängen dafür in die erste Elf.
Löw kündigte bereits an: "Gegen England werden wir anders auftreten." Trainer und Spieler bemühten sich, den Blick schnell nach vorne zu richten. Faktisch können sie sich nichts vorwerfen: Platz zwei in der "Todesgruppe" mit Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal ist doch mehr als ansehnlich. "England? Geil! Wir sind auf jeden Fall heiß", machte Kimmich schon mal Lust auf das Achtelfinale (Samstag ab 18:00 Uhr im Liveticker bei Eurosport.de). Das Positive für Deutschland: Es bleibt die Erkenntnis, erfolgreich gegen Widerstände ankämpfen zu können. Allerdings gibt es auch…
2. Eine brutale Erkenntnis
Steht der Gegner tief, tut sich die deutsche Nationalmannschaft trotz der außergewöhnlichen Qualität in der Offensive schwer. Fehlt "Lautsprecher" und Kommandogeber Thomas Müller und stimmt – wie gegen Ungarn – in der Defensive die Zuteilung nicht, ist das ein großer Makel. Geht der Gegner dann noch in Führung, wird es richtig brenzlig.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2021/06/24/3159817-64752068-2560-1440.jpg)
Löw verteidigt Sané: Darum war es so schwer für den Bayern-Star
Quelle: Perform
Die brutale Erkenntnis: Es gibt keinen Plan B! Flanken fliegen ins Nichts, Sané und Gnabry verstecken sich, Diagonalbälle traut sich keiner mehr zu. Allein der laut Löw "sensationellen Moral" seiner Mannschaft und natürlich der "Brechstangen-Taktik" ist es zu verdanken, dass es gegen Ungarn kein bitteres letztes Spiel für ihn als Nationaltrainer wurde. "Wir haben uns brutal schwergetan, in die Tiefe zu kommen und zu viele Fehler gemacht. Bei eigenem Ballbesitz standen wir nicht gut, deshalb kam der Gegner immer wieder zu Kontern", nahm Kimmich kein Blatt vor den Mund. Intern wird es ein wenig krachen müssen, um wirklich alle wachzurütteln. Auch Goretzka legte den Finger in die Wunde: "Was gar nicht passieren darf: Bei Standards sind wir nicht schnell genug." Der Gegentreffer zum 1:2, der direkt nach dem 1:1 fiel, war das beste Beispiel dafür.
3. Was Ungarn so giftig machte
Schon Spanien und Frankreich taten sich gegen diese aufopferungsvoll kämpfenden Ungarn schwer. Das Team von Trainer Marco Rossi hat ein probates Mittel gefunden, die Großen mächtig zu ärgern. Ungarn hatte überhaupt kein Problem damit, dass Deutschland einen Ballbesitz von 75 Prozent hatte.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2021/06/23/3159740.jpg)
Ungarn zeigt eine klasse Leistung gegen Deutschland
Fotocredit: Getty Images
Vorne liefen drei Spieler die ballführenden Innenverteidiger mit hohem Tempo an, zwei defensive Mittelfeldspieler standen dicht hinter ihnen. Kroos und Gündogan, die Ballverteiler wurden so gar nicht erst von den Aufbauspielern Hummels, Rüdiger und Ginter gefunden. Das Resultat waren viele Querpässe, Rückpässe, Verlegenheitsbälle. Die Außen waren zudem abgemeldet, weil Attila Fióla Kimmich bearbeitete und Ádám Nagy Gosens auf der anderen Seite.
Die Stärken der Deutschen kamen nicht zur Geltung. Mit einer Fünferkette wurde der Ball oftmals gewonnen und blitzschnell nach vorne gepasst. Was der DFB-Elf fehlte, bewies Ungarn mit Bravour: Präzision. Die Flanke zum 1:0 von Roland Sallai auf Ádam Szalai war reiner Zucker. Die Ungarn scheiden mit erhobenem Haupt aus, auch wenn dieser nach der eindrucksvollen Leistung am Mittwochabend zunächst herunterhing. "Es ist schwer, Worte zu finden. Wir haben ein gutes Spiel gemacht. Am Ende war es Pech. Es ist bitter, weil wir nicht viele Chancen zugelassen haben", sagte Keeper Péter Gulácsi.
Das könnte Dich auch interessieren: Pressestimmen: "Aus der Gruppe des Todes gestolpert"
/origin-imgresizer.eurosport.com/2021/06/24/3159822-64752168-2560-1440.jpg)
Klare Kante: Kimmich analysiert Zitterpartie gegen Ungarn
Quelle: Perform
Werbung
Werbung