Geht doch! Mit einem berauschenden Auftritt hat die deutsche Nationalmannschaft die Tür zum Achtelfinale der EM aufgestoßen. Beim phasenweise brillanten 4:2 (2:1) gegen Portugal leistete der Titelverteidiger gegen eine entfesselte DFB-Auswahl mit zwei Eigentoren Schützenhilfe.
Nach dem Führungstreffer durch Cristiano Ronaldo trafen Ruben Dias (35.) und Raphael Guerreiro (39.) ins eigene Tor. Das Team von Bundestrainer Joachim Löw zeigte die beste Turnierleistung seit dem WM-Finale 2014 und könnte am Mittwoch (21:00 Uhr im Liveticker) mit einem Sieg gegen Ungarn sogar Gruppensieger werden.
Nach den zwei Eigentoren legten gegen Portugal noch der überragende Robin Gosens (51.) und Kai Havertz (60.) nach, Diogo Jota (67.) brachte den Titelverteidiger zwar noch einmal heran, aber keine Wende mehr.
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EM 2021: So kommt Deutschland ins Achtelfinale
17/06/2021 AM 23:01
Drei Dinge, die uns beim deutschen Sieg auffielen:

1. Löw ist der größte Gewinner

Wenn er in kritischen Phasen einen großen Moment brauchte, dann hat Joachim Löw oft einen solchen bekommen. Am Samstagabend war es wieder soweit, als sein Team die Portugiesen deklassierte. Nach dem desolaten Start gegen Frankreich war die Kritik nur so auf den Bundestrainer eingeprasselt. Die Rufe nach einer Vierer- statt Dreierkette sowie einer Umstellung von Joshua Kimmich wurden dabei richtig laut.
Geändert hat Löw rein gar nichts an seiner Aufstellung - und lag damit gegen Portugal goldrichtig. Durch die Außen - stark besetzt mit Kimmich und Gosens - kam Weite und immenser Druck ins Spiel, Toni Kroos und Ilkay Gündogan drehten im Zentrum wieder auf. Pressing, Flanken, Pässe - alles war im Vergleich zum Auftakt wie ausgewechselt und von einer unvergleichlichen Direktheit geprägt. Mit vorbildlicher Mentalität wurde auch der Rückstand verkraftet, sich auf die Stärken besonnen und der Plan beibehalten. Löws Plan. Dass der Mannschaft diesem folgt, verspricht für den Turnierverlauf einiges. Sowohl der Trainer als auch das Team wird nun bewusst sein, dass es funktioniert.
"Es war eine klasse Leistung, eine tolle Einstellung und Moral. Wir hatten von Anfang an Tempo in den Aktionen", beobachtete Löw. "Spielwitz und Freude", sah indes Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger in der "ARD", der Löw ein "Extralob" für die taktische Ausrichtung gab: "Dadurch hatten wir wertvolle Räume." Wie Gosens verriet, habe Löw den Spielern auch beim Abschlusstraining "eingeheizt" und sie eindringlich ermahnt, nun endlich in den Wettkampfmodus zu schalten. Gesagt, getan. "Die Energie war da", sah Thomas Müller.

Joachim Löw

Fotocredit: Getty Images

Einen Makel, den es künftig abzustellen gilt, gab es aber dennoch: Die Absicherung bei Kontersituationen und Standards ließ - vorsichtig formuliert - zu wünschen übrig. Trotz der Führung kam es wiederholt zu Unterzahlsituationen. Portugal hat das an diesem Abend nicht zu nutzen gewusst, andere starke Teams werden genau hingeschaut haben und dort künftig ihre Chance suchen. Löw wird in Ruhe daran arbeiten können. Nach dem Sieg ist er der größte Gewinner - und Fußball-Deutschland vertraut ihm wieder.

2. Robin Gosens schon jetzt Legende

Was für ein Spiel, was für ein Typ! Robin Gosens hat sich mit der grandiosen Leistung gegen Portugal endgültig in die Herzen der deutschen Fans geschossen. Der 26-Jährige hat alles andere als eine geradlinige Karriere hingelegt, umso entschlossener agiert er nun als bester deutscher Linksverteidiger. Er ist zweikampfstark und torgefährlich, seine "gehämmerten" Flanken sind jederzeit eine große Gefahr für jeden Gegner. Gosens war an jedem Tor beteiligt - die Krönung war der eigene Kopfballtreffer. "Es ist definitiv verrückt, es ist geil. Da geht mir wiederum einer ab", gab er unverblümt zu.

Robin Gosens bei der EM 2021

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Laut Löw bringe Gosens mit seinen Eigenschaften "genau das mit, was wir brauchen". Seine starke Form und sein Wert für das Team hatte sich zuletzt schon stark abgezeichnet. Die Partie gegen Portugal war nun Gosens "Breakout-Game" beim DFB. "Das Spiel seines Lebens hat er vielleicht noch vor sich", hofft Löw auf weitere Highlights mit Gosens.
Bleibt nur zu hoffen, dass seine Probleme mit einem Nerv im Rücken nicht noch stärker werden. Gegen Portugal klagte er deshalb schon über Schmerzen in den Adduktoren und musste in der 62. Minute raus. Ein Ausfall würde schwer wiegen. Gosens ist unverzichtbar.

3. Portugal: Ein gutes Team - mehr nicht

Frankreich hat es der Welt vorgemacht, wie eine individuell stark besetzte deutsche Mannschaft zu schlagen ist. Abgezockt verteidigen, dem Gegner auch mal den Ball lassen und ihn dabei weit in die eigene Hälfte zurückdrängen. Doch so leidenschaftlich wie der erste Gegner des DFB-Teams agierten die Portugiesen keineswegs. Pepe hat mit seinen 38 Jahren seine besten Zeiten definitiv hinter sich, der Auftritt von Nélson Semedo war unterirdisch. Hinzu kam mit zwei Eigentoren noch die moralisce Keule.
Der amtierende Europameister selbst ließ sich einschnüren, auch wenn die Führung durch den Konter von "CR7" exzellent herausgespielt wurde.

Cristiano Ronaldo (Portugal)

Fotocredit: Getty Images

So hingen sie wie ein unterlegener Boxer nur noch in den Seilen, während ihnen die Flanken von Kimmich und Gosens um die Ohren flogen und Havertz immer wieder entschlossen in die Spitze vorstieß. Dass die deutsche Mannschaft im Gegensatz zum Frankreich-Spiel insgesamt nur circa zehn Meter weiter vorne stand, hat dazu gereicht. Es ist auch erstaunlich, dass die Mannschaft im Spiel keine Lösung dafür fand, Gosens Kreise einzudämmen.
"Die erste Halbzeit war nicht leicht", seufzte der ehemalige Münchner Renato Sanches, der nach seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit noch ein Lichtblick war. Wenn es jetzt für die Portugiesen gegen Frankreich um alles geht, dürfte er zur Startelf gehören. Wahrscheinlich wird es dennoch nicht für das Achtelfinale reichen.
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