EM: Deutschland nach Zitterpartie voller Zuversicht - die Zungen sind schon entfesselt

Das EM-Aus vor Augen hat sich die deutsche Nationalmannschaft bei der EURO doch noch ins Achtelfinale gerettet. Für den Kracher in Wembley gegen England rechnet sich das DFB-Team viel aus - trotz des ernüchternden Auftritts zum Abschluss der Gruppenphase gegen Ungarn. Ende gut, alles gut? Wenn es denn so einfach wäre. Die Nationalelf wird sich mächtig steigern müssen, gibt sich aber selbstbewusst.

Toni Kroos und Manuel Neuer - EURO 2020

Fotocredit: Imago

Das muss man dieser schlingernden Nationalelf und jedem einzelnen Spieler lassen: Sie haben das beinahe schon gesunkene Schiff nochmal an Land gezogen, haben das Ufer des Achtelfinals erreicht als nur in weiter Ferne Land in Sicht war.
Sie haben gegen alle Widerstände, gegen die widerborstigen Ungarn und vor allem gegen sich selbst, sprich die eigenen Unzulänglichkeiten, angekämpft. Sie waren konfus, mussten zittern. Aber sie haben Moral, Wille und Herz gezeigt. Und wurden belohnt.
Mit seinen Händen formte Leon Goretzka, der Achtelfinal-Retter, nach seinem Tor zum 2:2 in der 84. Minute ein Herz und lief auf die Kurve der ungarischen Fans zu. Als überlegte Antwort auf die homophoben Schmähgesänge - und das auf dem Siedepunkt der Emotionen, in der Hitze des Gefechts. Der Jubel bleibt eine Randnotiz nach einer wilden Schlacht, der Wasserschlacht von München. Zwei Mal kamen sie zurück, nach 0:1- und 1:2-Rückstand.
Ein Erlebnis, das bei der durchs nervliche Stahlbad gegangene Mannschaft nun einen ganz speziellen (Knall-)Effekt für den Rest der EM auslösen könnte.

Löw: Das Ende der Ära war nahe

Dabei stand das DFB-Team kurz vor dem Euro-Exit, der zugleich das Ende der Zeit von Joachim Löw als Bundestrainer bedeutet hätte. Es wäre der schlimmstmögliche Abgang gewesen. Ein Vorrunden-Aus wie bei der blamablen WM 2018 in Russland hätte Löws ohnehin schon bröckelndes Denkmal, errichtet nach dem WM-Titel 2014 in Brasilien, endgültig zum Einstürzen gebracht. So ist Löw an diesem denkwürdigenden Abend von München nur richtig nass geworden. Beinahe hätte er Tränen trocknen müssen. Beinahe.
"Wir lagen lange in Rückstand, lagen nochmals in Rückstand - es war ein Nervenkrimi", meinte Kapitän Manuel Neuer und erklärte: "Es ist schwer, wenn du gegen so eine Mannschaft hinten liegst. Das war eine vielbeinige Abwehrkette, die versucht hat, alles abzuwehren." Sein Fazit: "Wir sind einfach nur erleichtert." Weil sie nochmal davongekommen sind. Goretzka, der nach einer knappen Stunde für Ilkay Gündogan kam, meinte: "Wir sind natürlich froh, dass wir weiter sind. Und dass mir der Ball kurz vor Schluss so vor die Füße fällt, das ist natürlich glücklich gelaufen. Und dann einfach nur noch rein damit." Ende gut, alles gut? Wenn es denn so einfach wäre.
Die Defensive ist die große Schwachstelle, einer Mannschaft nicht würdig, die Europameister werden will. Zum dritten Mal in drei Vorrundenpartien gerieten die Deutschen in Rückstand. Sie sind danach zwei Mal zurückgekommen: Was beim 0:1 gegen Frankreich nicht glückte, klappte beim 4:2 gegen Portugal überzeugend und mündete gegen Ungarn in ein verdientes, aber doch glückliches Remis, das man jetzt psychologisch in einen Erfolg ummünzen will.
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Klare Kante: Kimmich analysiert Zitterpartie gegen Ungarn

Quelle: Perform

Duell mit England: "Alles oder nichts!"

Dass man jetzt am kommenden Dienstag in London gegen England spielt, sei eine "tolle Nachricht, ein absolutes Highlight", meinte Löw erfreut und ergänzte: "Jetzt geht es darum: Alles oder nichts! Das ist eine gute Situation." Will sagen: Endlich ist diese Vorrunde, diese verdammt schwere Gruppe mit Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal überstanden. Egal wie. Hier war nicht der Weg das Ziel. Man hat die Wiederholung der Peinlichkeit von Russland 2018 hinter sich gelassen, den Rucksack abgeschüttelt. Kein Déjà-vu, sondern: Neues Spiel, neues Glück ab der K.o.-Runde.
"Ich hatte das Gefühl, die Mannschaft will das biegen und diese schwere Hinrunde mit aller Gewalt überstehen", meinte Löw und erklärte beinahe euphorisch: "Das wird ein völlig anderes Spiel, was uns sicher entgegenkommt. Die Engländer müssen zu Hause nach vorne spielen. Es wird ein offenes Spiel, offener als gegen Ungarn."
Kimmich findet den Gegner "einfach geil", Neuer meinte fast schon beschwörend: "England wird ein ganz anderes Spiel. Wir wollen weitergehen. Und Wembley liegt uns!" Goretzka beteuerte: "Wir haben keine Zweifel und sind voller Selbstvertrauen." Woher diese Mannschaft das nimmt? Hat das 2:2-Durchmogeln im Regen von München alle Schwächen weggespült?

Löw: "Da gibt es jetzt kein Pardon mehr"

"Wir müssen ein paar Dinge korrigieren und absolut auf der Hut sein bei Flanken in den Sechzehner und Standards, da gibt es jetzt kein Pardon mehr", meinte Löw, "das müssen wir besser machen, absolut." Nach dem "Auf und Ab unseres Spiels wie leider so oft in letzter Zeit" richtete Kimmich den Blick nach vorne - sogar über das Achtelfinale in London hinaus: "Es wird wichtig, im weiteren Verlauf des Turniers mal ohne Gegentor vom Platz zu gehen."
Und dann? "Ich bin überzeugt davon, dass wir uns steigern können und dass es weitere Spiele gibt über das England-Spiel hinaus." Kaum gelöst von den Fesseln des Drucks, nicht wieder in der Vorrunde zu scheitern, sind die Zungen schon wieder ziemlich entfesselt.
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Löw verteidigt Sané: Darum war es so schwer für den Bayern-Star

Quelle: Perform

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