Roberto Mancini riss die Arme hoch und schrie seine Erleichterung heraus. Nach über 120 Minuten Zittern und Bangen durfte der Trainer der italienischen Unbesiegbaren endlich jubeln. Sein Team hatte die beeindruckende Rekordserie fortgesetzt und das EM-Viertelfinale erreicht - nach sehr harter Arbeit.
"Das ist ein verdientes Resultat. Wir haben bis zum Schluss daran geglaubt, wir haben mit allen Kräften den Sieg erringen wollen", sagte Mancini nach dem 2:1 (0:0) nach Verlängerung im Londoner Wembley-Stadion gegen den nie aufgebenden Außenseiter Österreich.
Der viermalige Weltmeister ist erstmals in seiner Geschichte seit 31 Spielen ohne Niederlage. Die Joker Federico Chiesa (95.) und Matteo Pessina (105.) schossen die Azzurri zum zwölften Sieg in Folge. Der Europameister von 1968, der am Freitag (21:00 Uhr im Liveticker) in der Runde der letzten Acht in München auf Belgien oder Portugal trifft, brach gleich mehrere Rekorde.
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Kantersieg gegen Wales: Dänemark marschiert ins EM-Viertelfinale
26/06/2021 AM 17:57
30-mal ungeschlagen geblieben waren die Italiener zuvor nur in den 1930er-Jahren unter Vittorio Pozzo, der sie 1934 und 1938 zum WM-Titel geführt hatte. Österreichs Sasa Kalajdzic (114.) bescherte dem Mancinis Team jedoch nach 1168 Minuten das erste Gegentor seit dem 14. Oktober 2020. Zuvor hatten die Italiener ihre Bestmarke mit der Torwartlegende Dino Zoff zwischen 1972 und 1974 geknackt.
Drei Dinge, die uns auffielen.

1. Warnschuss für die Schönspieler

"Ab jetzt beginnt für die Nazionale eine neue EM", warnte "La Repubblica" am Montag die Azzurri schon einmal davor, die bisherigen Ergebnisse überzubewerten. "Alles ist so perfekt, dass man Angst hat, jemand könnte uns von diesem Traum wecken", schrieb der "Corriere della Sera" leicht besorgt.
Gegen Österreich sind die Italiener dann fast tatsächlich aus allen Wolken gefallen. Noch lebt der Traum vom Titel, weil Trainer Roberto Mancini in kritischen Phasen des Spiels mit den Einwechslungen von Matteo Pessina und Manuel Locatelli (67.) sowie Federico Chiesa und Andrea Belotti (87.) frische Impulse erzeugte. Sie waren für die aufopferungsvoll kämpfenden Österreicher zu viel und somit spielentscheidend.
Es ist die Erkenntnis des Spiels für die Italiener: Auf die Bank ist Verlass, die Breite im Kader stimmt. "Wir haben es uns verdient. Schon in der ersten Hälfte hätten wir mehr Tore erzielen können, in der zweiten haben wir physisch etwas nachgelassen."

Roberto Mancini

Fotocredit: Getty Images

Die Stärken der "Squadra Azzurra" lagen schon zuvor auf der Hand: Spielerisch voller Elan, emsig im Positionswechsel, dass der Gegner nur so wankte. Das italienische Spiel wirkte in der ersten Halbzeit wie eine Katze, die noch mit der Beute spielt, bevor sie sie auffrisst. Frühe Attacke, schnelle Angriffe, feine Pässe und dynamische Laufwege erweckten den Eindruck, dass nur eine Mannschaft spielt.
Am Killerinstinkt müssen die Italiener in den kommenden Tagen vor dem Viertelfinale jedoch noch arbeiten, um die Chance weiter zu wahren. Sterben die Angreifer weiter in Schönheit mit Schlenzern, kann gegen Belgien oder Portugal schon Endstation sein.
Es ist die große Frage, die über dem Rekordteam noch schwebt: Reicht es tatsächlich zum Titel? Das letzte Mal, als Italien eine Trophäe gewann (Weltmeister 2006 in Deutschland), standen Leader wie Francesco Totti, Gianluigi Buffon oder Alessandro Del Piero auf dem Rasen. Das aktuelle Team weist solche Persönlichkeiten noch nicht auf. Es kommt über das Kollektiv. Immerhin ist dieses so gut, auch die starken Österreicher letztlich besiegt und weiter Selbstvertrauen getankt zu haben. Ein Warnschuss wird es dennoch gewesen sein.

2. Was Österreich brillant machte

Alle schwärmten im Vorfeld von Italien. Österreich? Für die "Squadra Azzurra" nur ein kleiner Brocken auf dem Weg ins Viertelfinale, der leicht aus dem Weg zu räumen sein sollte. Doch als es nach 27 Minuten immer noch 0:0 bei einem Verhältnis der Torversuche von 7:1 stand, kamen ernsthaft Zweifel daran auf.
Franco Fodas Team folgte einem Plan - und der ging auf. Zwar rollten viele Angriffe - gerade über die rechte Abwehrseite von Stefan Lainer - auf das Tor von Daniel Bachmann zu, im entscheidenden Moment waren die Innenverteidiger Martin Hinteregger und Aleksandar Dragovic aber zur Stelle und erzeugten gefährliche Umschaltmomente.
Auffällig dabei war die technische Sauberkeit, die Dynamik Richtung Tor. Zu keinem Zeitpunkt des Spiels konnte sich Italien sicher wiegen - Österreich war immer für einen Nadelstich gut, auch wenn das auf Grund von Abseits nicht gegebene Tor von Marko Arnautovic sichtlich auf die Moral drückte.

Marko Arnautovic trifft ins Tor

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Mit zunehmendem Spielverlauf fehlte dann auch die Kraft, die Räume für die Italiener wurden größer und die Tore fielen folgerichtig. "Raus mit Applaus", muss es für Österreich am Ende heißen.
Das Foda-Team hat sich im Turnierverlauf konsequent gesteigert und ist zurecht enttäuscht über das Aus. "Es ist ein grausamer Abend für die Geschichte von Österreichs Fußballgeschichte - absolut bitter. Eigentlich hätten wir das Spiel gewonnen, wenn nicht der Zeh von Marko im Abseits gewesen wäre. Wir waren mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar besser", konstatierte Sasa Kalajdzic.
Selten war das Potenzial einer österreichischen Mannschaft so groß gewesen. Bei der WM 2022 und der EM 2024 erhält die Mannschaft die nächste Chance, sich auszuzeichnen. Spieler wie Kalajdzic, Xaver Schlager, Konrad Laimer und Marcel Sabitzer werden dann noch einen Schritt weiter sein.

3. Key player Sabitzer

Das österreichische Team ist weitaus mehr als David Alaba – das wurde gegen Italien einmal mehr klar. Alaba, der in der neuen Saison das Trikot von Real Madrid trägt, ist als Kapitän wichtig. Doch allein sein Positionswechsel von der Abwehrzentrale auf die des Linksverteidigers zeigt, dass im Zentrum andere die Fäden in der Hand halten.
Entscheidender Akteur im Team von Franco Foda ist Marcel Sabitzer von RB Leipzig. Mit Xaver Schlager (VfL Wolfsburg) und Konrad Laimer (RB Leipzig) hat er aggressive Balleroberer neben sich. Auch Florian Grillitsch und Christoph Baumgartner fallen leistungsmäßig kaum ab.

Marcel Sabitzer (r.) im Zweikampf mit Giovanni Di Lorenzo

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Ist das Spielgerät dann in ihren Reihen, geht auf technisch-spielererischem Top-Niveau die Post ab. Sabitzer will den Ball, er treibt den Ball, verteilt ihn, schließt aber auch ab.
Gegen Italien verzeichnete er die meisten Torschüsse in seinem Team. Jeder Angriff lief quasi über den 27-Jährigen. Weil er sich dabei clever zwischen den Linien bewegt - ähnlich wie ein Kevin De Bruyne - ist er für den Gegner schwer zu greifen.
Sabitzers Marktwert steigt durch seine auffälligen Leistungen bei dieser EM unentwegt. Bei Leipzig hat er noch einen Vertrag bis 2022 - gut möglich, dass er auf ein Angebot eines europäischen Top-Klubs hofft. Zuletzt hieß es, der AC Mailand sei interessiert. In der aktuellen Form wäre er für viele Spitzenteams eine Bereicherung.
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