In der Theaterszene ist nichts gefürchteter als eine funktionierende, gelungene Generalprobe. Da kann die Premiere ja nur schiefgehen. Umgekehrt hat man es lieber: Eine schlechte letzte Probe voller Pannen weckt Zweckoptimismus und Vorfreude. Im Fußball ist das anders.
Mit 7:1 fegte die deutsche Nationalelf von Bundestrainer Joachim Löw in ihrem letzten Test vor der EM die netten Letten in Düsseldorf vom Platz und tankte eine Runde Selbstvertrauen. Nun ja, gegen den 138. der Weltrangliste. Ein Warm-up-Kick fürs gute Gefühl. Am Dienstagabend bezog der DFB-Tross das EM-Quartier in Herzogenaurach, trainiert seit Donnerstag für den EM-Auftakt am kommenden Dienstag gegen Frankreich. Dieses Corona-bedingt um ein Jahr verschobene Turnier in elf Ländern ist eine große Wundertüte. Schöne Idee, schwierige Umsetzung.
Und da ist sie schon, die dicke Parallele zur Nationalelf, die ihre drei Gruppenspiele im Heimspielmodus (und das sogar vor Zuschauern!) austragen darf. Auch das DFB-Team gilt als Wundertüte: Platzen die Träume vorschnell aufgrund der toughen Gruppengegner mit dem amtierenden Weltmeister Frankeich, dem amtierenden Europameister Portugal und dem Überraschungsteam Ungarn oder sprudelt aus der Ketchup-Flasche alles Positive nur so heraus?
EURO 2020
Wundertüte Furia Roja: Gelingt Spanien ohne Ramos der große Wurf?
09/06/2021 AM 19:41
Drei Jahre nach dem Debakel des historisch einmalig schlechten Vorrunden-Aus bei der WM in Russland und fünf Jahre nach dem Halbfinal-Einzug bei der letzten EM 2016 in Frankreich lautet der Status quo: denn sie wissen nicht, wo sie stehen. Bringt es Bundestrainer Joachim Löw bei seinem letzten Turnier, bei seiner Abschiedsvorstellung nach 15 Jahren im Amt - Vorsicht, der letzte Eindruck bleibt! - fertig, aus dieser Mannschaft das Maximum herauszucoachen? Kriegt der 61-Jährige punktgenau alle Problemfelder bearbeitet oder überwiegen die Baustellen eines Kaders, der vom individuellen Talent betrachtet wie Protz und Prunk daherkommt?

EM: Der deutsche Kader in der Analyse

Die wacklige Abwehr: Geht der riskante Plan von Löw auf, statt einer Viererkette, wie sie meisten Spieler aus ihren Vereinen kennen, auf eine Dreier- bzw. Fünferkette zu setzen? Zweite Frage: Kann Rückkehrer Mats Hummels als Chef der Dreierkette für die ausreichende Stabilität sorgen? Löw ließ die Variante mit Matthias Ginter und Antonio Rüdiger plus Hummels gegen Lettland auflaufen.
Doch vor allem BVB-Verteidiger Hummels fehlt Tempo, ein womöglich entscheidendes Kriterium, denkt man nur an pfeilschnelle Stürmer wie Kylian Mbappé (Frankreich) oder Portugals Cristiano Ronaldo. Alternativen hat Löw im Grunde nicht: Niklas Süle, über die letzten Jahre als Abwehrchef des Umbruchs auserkoren, hat seinen Stammplatz verloren - aufgrund von Verletzungen und fehlender Form bei Bayern. Robin Koch ist zu unerfahren, Allrounder Emre Can könnte den Notnagel geben.

Mats Hummels - Deutschland

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Das Generationenpuzzle im Mittelfeld: In Ermangelung eines Rechtsverteidigers von internationalem Niveau (Lukas Klostermann fiel durch) und aufgrund des Überangebots an Weltklasse im zentralen Mittelfeld (Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Rekonvaleszent Goretzka) wird Joshua Kimmich zu Phillipp Lahn anno 2021. Der zog während der WM 2014 aus dem Zentrum auf die rechte Außenbahn - mit Erfolg.
Das beim FC Bayern bewährte Zentrum-Duo Kimmich/Goretzka (beide erst 26) ist gesprengt, auch weil Goretzka durch die Folgen eines Muskelfaserrisses um den Anschluss kämpft. Also stellt Löw Kroos (31) & Gündogan (30) ins Zentrum. Eine genügend robuste Absicherung mit ausreichend Zweikampfhärte und Tempo?
Das Luxusproblem Kroos: Für Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ist der Weltstar von Real Madrid aktuell "das größte Problem. Ich wüsste nicht, wohin mit ihm. Als Trainer würde ich auf einen Bayern-Block im Mittelfeld setzen, die kennen sich aus dem Verein in- und auswendig". Doch Löw will seinen Spielmacher unbedingt dabeihaben, das System um ihn herum bauen. Besteht die Gefahr, dass der Mitte Mai an Corona erkrankte Kroos trotz seiner Genesung "durchgeschleppt" wird?
Löw widerspricht energisch: "Da kann man jeden einzelnen Spieler oder jeden in unserem Team fragen: Toni ist ein Vorbild an Professionalität. Besser kann man sich nicht auf den Job vorbereiten, mehr kann man nicht machen. Das gepaart mit seiner Spielübersicht und seiner Technik, damit ist er für mich derzeit einfach ein unverzichtbarer Spieler."
Fragezeichen Sané: Der 25-Jährige, der eine sehr passable erste Saison beim FC Bayern hinter sich hat, konnte in der Vorbereitung erneut nicht überzeugen, verlor das Duell um einen Stammplatz in der Offensive an Kai Havertz. Leroy Sané ist ein introvertierter Spieler, sein Witz und Charme offenbart sich erst im intimen Gespräch, wenn er jemandem vertraut. Weiter kämpft er gegen das nicht unbegründete Image, ein Bruder-Leichtfuß zu sein, der auch aufgrund

Leroy Sané am Ball

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Das alles erinnert an Mario Götze (seit letztem Sommer bei der PSV Eindhoven), dessen individuelle Extraklasse so unbestritten war und ist wie seine besondere Individualität neben dem Platz. Beide Künstlertypen, denen zuweilen der Punch fehlt. Sané könnte eine Joker-Rolle einnehmen und womöglich in einem besonderen Turnier-Moment der Welt zeigen, dass er besser ist als sein Ruf. Siehe Götzes goldenes Joker-Tor im WM-Finale 2014 gegen Argentinien.

Deutschland bei der EURO: Wer schießt eigentlich die Tore?

Einen echten Torjäger hat Löw mit Ausnahme des überraschend nominierten Stoßstürmers Kevin Volland nicht im Kader. Doch ausgerechnet Volland, der Selbstvertrauen als Knipser am meisten braucht, durfte gegen die überforderten Lettland nicht fröhlich mitballern. Dagegen holten sich Thomas Müller, Serge Gnabry, Havertz (am Ende doch als Eigentor gewertet) sowie die eingewechselten Timo Werner und Sané ihre Treffer Marke Seelenbalsam ab.
Ein Blick auf den Kader zeigt: Müller hat mit nun 39 die meisten Länderspieltore auf dem Habenkonto, danach kommt - Achtung, Überraschung! - Kroos mit 17. Vor Gnabry und Werner (je 16) und mit Goretzka einem weiteren Mittelfeldspieler (13). Es hängt also viel an Müller. Kleines Hindernis: Dafür müsste der Routinier endlich seinen EM-Torfluch überwinden. Bei drei EM-Teilnahmen glückten ihm in elf Partien genau: null Treffer.
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