Das unbezwingbare Italien hat in einer magischen Nacht den nächsten Giganten gestürzt und träumt vom finalen Triumph. Der viermalige Weltmeister stoppte Spanien beim 4:2 im Elfmeterschießen von Wembley mit feuriger Leidenschaft und Glück zur rechten Zeit.
Die Squadra Azzurra kann am Sonntag ihren zweiten EM-Titel nach 1968 feiern: Finalhürde für die nun 33 Spiele in Serie ungeschlagenen Italiener ist dann an gleicher Stelle England oder Dänemark.
Italien lieferte dem technisch überlegenen, aber zu inkonsequenten Gegner im ersten Halbfinale einen großen Kampf. Nur mit Mühe hielt die Abwehr vor 58.000 Zuschauern halbwegs stand - im Roulette vom Punkt schickte Jorginho dann das gesamte Land in Ekstase. Dani Olmo und Alvaro Morata hatten für Spanien verschossen.
EURO 2020
Pressestimmen zu Italiens Finaleinzug: "Eine endlose blaue Geschichte"
06/07/2021 AM 22:14
Federico Chiesa (60.) traf in der regulären Spielzeit für die Azzurri, Morata (80.) für die enttäuschten Spanier, die zum fünften Mal ins EM-Endspiel eingezogen wären.
Drei Dinge, die uns auffielen.

1. Mancini Masterclass

Italien wusste, was auf die Squadra Azzurra zukam. Der Respekt vor den Spaniern war zu spüren. Insbesondere in der ersten Halbzeit war die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini nicht in der Lage, das ansonsten so gefährliche Angriffsspiel aufzuziehen. Spanien dominierte, der Druck wurde immens hoch. Der Führungstreffer schien eine Frage der Zeit.
Doch dann entfachte sich die wahre Stärke der Italiener: Es ist der Teamgeist, der Zusammenhalt, der Glaube an den Sieg, der alle vereint. Mancini hat eine Atmosphäre geschaffen, die die Basis für einen großen Erfolg bilden kann. "Wir haben gegen einen mächtigen Gegner gespielt, wir haben gelitten. Wir leiden zusammen, wir spielen zusammen. Jeder kann es sehen. Alle fiebern mit und unterstützen sich", schwärmte Jorginho.

Italien bejubelt den Finaleinzug in Wembley

Fotocredit: Getty Images

Das italienische Spiel zeichnet sich durch eine beeindruckende Effizienz aus, eine Geradlinigkeit gepaart mit taktischem Verständnis, Dynamik und Entschlossenheit in Zweikämpfen. Das Mittel der scharfen Vertikalpässe in die Schnittstellen sind brandgefährlich. Die Routiniers nehmen die Jungen an die Hand und beflügeln sie. "Es war richtig schwierig, aber wir stehen im Finale. Schon bei den Elfmetern haben wir es gesehen. Wir standen zusammen und wussten, wir konnten es schaffen", sagte Torschütze Chiesa. Sein Tor war Extraklasse, der Wille in seinem Blick bei Zeitlupen im TV dabei glasklar zu erkennen.
Dabei können er und seine Kollegen sich voll auf Mancini verlassen, der seinen Masterplan nie aus den Augen verliert. Gegen Spanien, das den Spielaufbau seiner Männer regelrecht zerstörte, hatte er trotzdem jederzeit eine Antwort parat. Das spricht für sein Ingame-Coaching und Flexibilität. Es ist ein riesiger Vorteil, wenn Mannschaft und Trainer eine Einheit bilden.
"Wir sind noch nicht am Ende", kündigte Mancini bereits an. Schon jetzt steht fest: Italien hat den Weg zurück in die Weltklasse gefunden.

2. Die brutale Keule für Morata

Was für ein Spieler, was für eine Geschichte: Am Ende war Álvaro Morata einfach nur untröstlich. Er hatte den entscheidenden Elfmeter verschossen, der das Aus für Spanien besiegelte. Es war wie eine Keule, die ihn einmal mehr traf.
Kein Spieler hatte bei diesem Turnier mehr polarisiert. Als "Chancentod" verrufen, war Morata stets umstritten. Nach einigen vergebenen Chancen wurde er im Stadion ausgepfiffen und teilweise heftig attackiert. Sogar seine Familie soll beleidigt und bedroht worden sein. Gegen Italien durfte der Stürmer von Juventus Turin nach sechs Startelf-Einsätzen (zwei Tore) in Folge nicht von Beginn an ran. Trainer Luis Enrique zog ihm Mikel Oyarzabal vor. Und auch seine Einwechslung in der 62. Minute rief zunächst sicher keine Jubelstürme hervor.
Doch er strafte seine Kritiker Lügen, schloss eiskalt zum 1:1 ab und war auf dem besten Weg, sich mit seinen Landsleuten zu versöhnen. Es war zudem sein insgesamt sechstes EM-Tor, womit er mehr Treffer als jeder andere spanische Spieler bei einer Europameisterschaft erzielt hat. Der 28-Jährige überbot damit den Rekord von Fernando Torres (fünf Tore).
Dass er den Elfer dann vergab, war einfach nur brutal. Wie ein geprügelter Hund verließ er den Rasen in Wembley. Von diesem Schock wird er sich erst mal erholen müssen.

Álvaro Morata (Spanien) - EURO 2020

Fotocredit: Getty Images

3. Was von Spanien bleibt

Nicht nur das, was Italien in Wembley bot, war Weltklasse. Nein, auch die Leistung der Spanier war eindeutig in diese Kategorie einzuordnen. 905 Pässe wurden gespielt, davon kamen 805 an - 16 Torschüsse verzeichnete die Mannschaft und wies 70 Prozent Ballbesitz auf. Spanien war das dominante Team, es war über weite Phasen des Spiels näher am Sieg. Einziger Makel war die Abschlussschwäche. Für die Fülle an Möglichkeiten sprangen einfach zu wenig Tore heraus. Die Versuche von Oyarzabal waren teilweise kläglich.
Ein "echter Stürmer" ist in Spanien derzeit nicht zu sehen, weil Morata an diesem Abend von Wembley noch zu knabbern haben wird. Es ist die größte Baustelle in der Mannschaft von Luis Enrique, auch wenn Dani Olmo als "falsche Neun" mit einem sehr guten Spiel bewiesen hat, wie gefährlich er in Zukunft sein kann.

Pedri (links; Spanien) und Nicolo Barella (Italien)

Fotocredit: Getty Images

Und auch sonst gibt es viel Grund zu Optimismus. Mit Sergio Busquets in der Zentrale gibt es einen hervorragenden "Lehrer", der 18-jährige Pedri ist auf dem besten Weg, ein neuer Andres Iniesta zu werden - ein echtes Juwel. Seine Pässe und technischen Fähigkeiten kommen jetzt schon nah an die Legende heran.
"Wir haben ein gutes Turnier gespielt, sind nach vorne gegangen und haben uns von Spiel zu Spiel gesteigert. Italien war stark, das müssen wir respektieren. Für die jungen Spieler war das eine gute Erfahrung", hakte Busquets die Partie schnell ab.
Das nächste große Turnier kommt schon bald. Und dort werde Spanien eine wichtige Rolle spielen, glaubt auch "ARD-Experte" Bastian Schweinsteiger. "Da ist eine Menge Potenzial."
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