Nun ist es offiziell. Nachdem es sich in den letzten Tagen bereits angedeutet hatte, gab Bundestrainer Joachim Löw auf der Pressekonferenz am Mittwoch die Rückkehr von Thomas Müller und Mats Hummels in die deutsche Nationalmannschaft bekannt. Beide gehören dem 26-köpfigen Aufgebot an, das im Sommer die paneuropäische Europameisterschaft bestreitet.
Und wie der Bundestrainer erklärte, sollen beide auch sofort wichtige Rollen übernehmen: "Wenn man sie mitnimmt, ist es klar, dass man einige Dinge von ihnen erwartet. Wir machen das ja aus einer sportlichen Überzeugung, weil wir glauben, dass sie der Mannschaft helfen können. Von daher sind das logischerweise Spieler, auf die wir setzen. Eine Stammplatzgarantie über ein ganzes Turnier wird ein Trainer nie geben, aber natürlich spielen sie in unseren Gedanken eine wesentliche Rolle."
Die Rückholaktion, nachdem Hummels und Müller 2019 zusammen mit Weltmeisterkollege Jérôme Boateng aussortiert wurden, begründete Löw wie folgt: "Wir hatten ja schon mal gesagt, einen Umbruch völlig abzubrechen, macht wenig Sinn. Aber man kann ihn aufgrund der speziellen Situation mal unterbrechen. Jetzt ist das Turnier, das steht über allem." Im Fall von Hummels seien die schwachen Defensivauftritte der DFB-Elf in den letzten Spielen ein Hauptgrund dafür gewesen.
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"Was wir festgestellt haben in unserer Analyse ist, dass wir in der Defensive in den letzten Monaten nicht immer die gewünschte Stabilität hatten", sagte Löw und ergänzte: "Der Mats ist ein Spieler, der in der Abwehr auf andere Spieler einen sehr guten Einfluss hat, der in der Organisation gut ist und der Turniererfahrung mitbringt."

Löw erklärt seinen Sinneswandel bei Müller und Hummels

Müller und Hummels in Löws Startelf gesetzt?

Auch von Müllers Fähigkeiten schwärmte Löw und sah seine Stärken am besten in der Zentrale hinter den Spitzen und in den Halbräumen aufgehoben. Es ist wahrscheinlich, dass sowohl Müller als auch Hummels bei ihrem Comeback sofort gesetzt sind. Für Löw unverzichtbar sind derzeit zudem Manuel Neuer im Tor, Joshua Kimmich und Toni Kroos im Mittelfeld. Auch Antonio Rüdiger darf sich nach starken Leistungen beim FC Chelsea gute Chancen in der Innenverteidigung ausrechnen. Serge Gnabry und Leroy Sané sind zudem die einzigen klassischen Flügelspieler und haben - je nach System - ihren Platz recht sicher.
Eine mögliche Startelf könnte also wie folgt aussehen: Neuer - Ginter, Rüdiger, Hummels, Gosens - Kroos, Kimmmich, Müller, Sané, Gnabry - Werner

Löw schwärmt von Boateng - darum fährt er trotzdem nicht zur EM

Der Bayern-Block: So viele Münchner gab es selten

Beim Blick auf diese Elf und auch auf den Rest des Kaders sieht man rot - zumindest, wenn es um die Vereinsfarben der Nominierten geht. Der FC Bayern stellt gleich acht Spieler des Kaders. Einen ähnlich großen Block gab es selten, dabei sind solch eingespielte Vereins-Cluster oft von Vorteil - gerade wenn sie vom dominantesten Klub der vergangenen Monate kommen. Da die Vorbereitungszeit der Nationalmannschaft auf das Turnier begrenzt ist, hilft es, wenn Dinge wie Laufwege, Passkombinationen oder Anlaufverhalten zum Teil schon einstudiert sind.
Es ist mit Sicherheit auch nicht verkehrt, den bayrischen Erfolgshunger, der sich in der vergangenen Saison im Triple-Gewinn niederschlug, auf die Nationalmannschaft zu übertragen. Auch wenn die Bayern-Stars in dieser Spielzeit nicht ganz an die Erfolge der letzten anknüpfen konnten. Dafür kommt Löw zugute, dass vom aktuellen Champions-League-Finalisten FC Chelsea mit Havertz, Werner und Rüdiger ebenfalls drei Spieler vertreten sind.

Die Blockbildung in der Nationalmannschaft: BVB nur vierte Kraft

Wenn wir schon beim Thema Blockbildung sind, fällt auf, dass im EM-Kader nur zwei Vertreter von Borussia Dortmund stehen. Damit ist der BVB (gemeinsam mit RB Leipzig) innerhalb des DFB-Teams nur die vierte Kraft. Neben den Münchnern stellen auch Chelsea und Borussia Mönchengladbach (je drei Spieler) mehr Akteure als die Schwarz-Gelben.
Das ist zum einen auf den Verzicht von Marco Reus zurückzuführen, zum anderen auf die inkostanten Leistungen der übrigen deutschen BVB-Stars. Julian Brandt, der in den letzten Jahren fast immer im Kader der Nationalmannschaft stand, hat seinen endgültigen Durchbruch beim BVB auch in seiner zweiten Saison nicht geschafft.
Immer wieder pendelte der Ex-Leverkusener zwischen der Sechs, der Acht, der Zehn und dem Flügel und überzeugte dabei zu selten. Nico Schulz, als Shootingstar für die linke Verteidigerseite im Sommer 2019 zum BVB gewechselt, erlebte ebenfalls ein gebrauchtes Jahr und war deshalb keine Option.
Bei Mo Dahoud gab dagegen wohl den Ausschlag, dass er erst zu spät in der Saison aufdrehte. Nach einer Nominierung für die Länderspiele im März durfte Dahoud auf eine Nominierung hoffen, am Ende hat es aufgrund der großen Konkurrenzsituation in DFB-Mittelfeld aber nicht gereicht.

Marco Reus im DFB-Trikot

Fotocredit: Getty Images

Somit entsendet der BVB nur zwei Spieler ins Trainingslager nach Seefeld/Tirol, wobei es im Fall von Emre Can für einen der zwei sogar noch eng gewesen sein soll.

Die Verschmähten: Kein Platz für Draxler, Baku und Wirtz

Und damit wären wir bei denen, die es knapp nicht geschafft haben. Für manche breche "eine Welt zusammen", berichtete Löw über die Reaktion der Aussortierten. Vor allem der Anruf bei Julian Draxler fiel dem Bundestrainer schwer. "Seine Enttäuschung war groß", verriet Löw - auch bei ihm selbst: "Es ist mir schwer gefallen, die Entscheidung so zu treffen, weil wir ihn kennen und schätzen."
An Draxler hat der Bundestrainer einen Narren gefressen, "ich bin ein Fan von seinen Fähigkeiten", sagte der 61-Jährige einmal, "egal, wie unsere Aufstellung aussieht: Julian wird immer viele Freiheiten bei mir haben."
Auf die "Freiheiten" während der EURO hätte der 27-Jährige, der gerade erst bei PSG verlängerte, wohl aber verzichten können. "Er kann extrem viel. Das Potenzial hat er vielleicht nicht immer so gezeigt", begründete Löw seine Entscheidung gegen den Frankreich-Legionär.

"War eine schwierige Entscheidung": Löw erklärt Draxler-Aus

Statt des Rio-Weltmeisters erhielt unter anderem Bayern-Talent Jamal Musiala den Zuschlag - wohl zum Leidwesen eines anderen Hochtalentierten deutschen: Florian Wirtz. Der 18-Jährige stand wie Musiala im März erstmals im Kader der DFB-Elf, kam aber anders als das Bayern-Talent nicht zum Einsatz. Für die EM hat Löw ebenso nur für einen der beiden Platz, auch wenn Wirtz mit Sicherheit die Zukunft gehört.
Ähnliches gilt für Ridle Baku, bei dem sich viele Fans eine Nominierung erhofft hatten. Der vielseitig einsetzbare Wolfsburger spielte eine überragende Saison und durfte auch im November erstmals für die A-Nationalmannschaft auflaufen. Danach ging es für den 23-Jährigen aber zurück zur U21, mit der er auch die EM-Vorrunde bestritt. Damit deutete schon vieles darauf hin, dass Löw für's Erste auf den Ex-Mainzer verzichten würde.
Immerhin: Baku darf sich Ende Mai bis Anfang Juni auf die K.o.-Phase der U21-Europameisterschaft freuen.

Die Überraschungen: Günter und Volland plötzlich wieder dabei

'Des Einen Leid ist des Anderen Freud'. Denn im Gegenzug zu Draxler und Co. haben es etwas überraschend Kevin Volland und Christian Günter in den EM-Kader geschafft.
"Ich bin extrem glücklich und dankbar, wieder Teil der Nationalmannschaft zu sein", schrieb Volland. "Jedes Kind träumt davon, so war es auch bei mir. Ich konnte es nicht fassen und kann es bis heute nicht", sagte Günter über Löws Anruf. Das Telefonat werde er "nie vergessen".
Beide Spieler eint eine gemeinsame Geschichte. Vor genau sieben Jahren debütierten die heute 28-Jährigen wie zehn andere Nationalspieler beim 0:0 in Hamburg gegen Polen, einem Test vor der WM 2014.
Doch für Günter blieben die damals acht Minuten die letzten im deutschen Trikot - wie für Andre Hahn, Sebastian Jung, Maximilian Arnold oder Oliver Sorg. Volland durfte weitere neun Mal ran (ein Tor), war aber seit November 2016 ebenfalls raus.

Kevin Volland (mitte) und die AS Monaco stehen im Pokalfinale

Fotocredit: Getty Images

Warum sie jetzt wieder dabei sind? Volland, der in der Ligue 1 16 Mal getroffen hat, habe ihn mit seinen Leistungen in Frankreich beeindruckt, sagte Löw. "Daher waren wir sicher, dass er uns mit seiner starken Physis, seinem Durchsetzungsvermögen und seiner Torgefahr bereichert."
Günter, der Philipp Max ausstach, habe "eine tolle Entwicklung gemacht und ist in vielen Bereichen immer besser geworden", meinte der Bundestrainer. Als Stärken nannte er Günters "sehr gute Dynamik" und, "dass er sehr viel Energie ins Spiel bringt, eine gewisse Schnelligkeit und Torgefahr".

Die Rekonvaleszenten: Kroos und Goretzka werden dringend gebraucht

Ganz in Stein gemeißelt ist der Kader aber noch nicht. Denn mit Toni Kroos (Corona-Infektion) und Leon Goretzka (Muskelfaseriss) fehlen derzeit zwei wichtige Stützen im Mittelfeld. Deshalb gebe es auch noch einen Alternativplan, falls einer der beiden für das Turnier ausfallen sollte. "Natürlich haben wir den Gedanken, absolut. Darauf sind wir vorbereitet", sagte Löw.
Jedoch sei der Bundestrainer mit Blick auf Kroos "voller Hoffnung und der Überzeugung, dass er es schaffen kann. Wenn überhaupt, dann vielleicht besser jetzt als in 14 Tagen." Er rechne "auf jeden Fall" mit dem 2014er-Weltmeister von Real Madrid: "Aber einen Plan B gibt es."

Gibt einen "Plan-B": Löw verrät Stand bei Sorgenkind Kroos

Kroos selbst hatte in seinem Podcast "Einfach mal luppen" erklärt: "Natürlich werde ich bereit sein." Das ist wichtig, denn Kroos spielt in den Planungen von Löw eine zentrale Rolle, soll der unangefochtene Mittelfeldchef sein - und das obwohl mit Joshua Kimmich und Ilkay Gündogan auch weitere hochkarätige Spieler zur Verfügung stehen. Kimmich und Gündogan werden dann wohl die Position neben Kroos unter sich ausmachen müssen. Die besseren Karten hat derzeit wohl Kimmich.
Auch Goretzka sollte die Mannschaft unterstützen können, allerdings könnte es beim Bayern-Star mit dem ersten Gruppenspiel eng werden. Sollte wider Erwarten einer der beiden oder aber auch ein anderer Spieler ausfallen, hat nach "Sky"-Informationen Dahoud die besten Chancen auf eine Nachnominierung.
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