Löw darf weitermachen: Die lähmende Angst vor dem Neuanfang
Publiziert 01/12/2020 um 12:11 GMT+1 Uhr
Bundestrainer Joachim Löw darf weitermachen. Diese Botschaft teilte der DFB am Montagnachmittag in einer Pressemitteilung mit der Fußball-Welt. Sigi Heinrich sieht darin in seinem Kommentar eine versäumte Chance auf einen Neuanfang in der Nationalmannschaft. Diese Entscheidung könne sich mit Blick auf die Europameisterschaft im kommenden Jahr rächen.
Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Plötzlich war sie doch früher auf dem Markt der Nachrichten als erwartet. Die Pressemeldung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu Joachim Löw. Ich dachte, das dauert bestimmt noch bis in die zweite Adventwoche hinein. Schließlich ist bekannt, dass der Dauer-Bundestrainer der Deutschen Kicker (14 Jahre im Amt) mindestens fünf bis sechs Espresso in einer ruhigen Bar in Freiburg benötigt, um ungünstige Konstellationen zu verarbeiten.
Zumindest war das nach der Weltmeisterschaft in Russland der Fall. Nach der Schlappe in Spanien durfte man ein ähnliches Prozedere von Seiten der DFB-Zentrale erwarten. Ruhe erst mal für den arg gestressten Bundestrainer, ehe dann mal wieder nichts entschieden wird. Nichts. Er darf bleiben. Weiter so. Natürlich.
Joachim Löw darf verlieren, er darf den Fußballkarren an die Wand fahren, das Image der Nationalmannschaft in den Boden stampfen und lethargisch am Spielfeldrand sitzen, untätig verfolgend, wie sein Team in schierer Bewegungslosigkeit verharrt. Wie ihr Trainer eben auch. Und wie die gesamte Führung im Verband, die freilich jene schale Suppe ausbaden muss, die ihnen der frühere Präsident, Reinhard Grindel, eingebrockt hat.
Er hat den Vertrag mit Löw vor der Weltmeisterschaft in Russland bis in das Jahr 2022 verlängert. Gänzlich ohne Not und vermutlich nur, um fein dazustehen als großer Fußball-Versteher, der er nie war. Und das ist mit Sicherheit einer der Gründe, warum Löw bleiben darf. Eine vorzeitige Entlassung wäre teuer geworden, zumal der deutsche Bundestrainer zu den höchst dotierten seiner Zunft weltweit gehört, wenn er sogar nicht an der Spitze der internationalen Gehaltsliste steht.
Chance zur Erneuerung vertan
Und doch wäre jetzt mit einer kräftigen Prise Mut die Chance zur Erneuerung vorhanden gewesen. Der Schritt zu einem Neuanfang wurde schon nach der Russland-WM vertagt in der Hoffnung auf eine Wende mit dem alten Personal am Ruder. Stattdessen hat Löw seine Mannschaft mit unnötigen Kündigungen (Thomas Müller, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira) geschwächt.
Zumindest zwei der genannten sind Führungspersönlichkeiten. Andere, wie den deutschen Querpasskönig Toni Kroos, der im gleichen Altersbereich ist wie die geschassten Kollegen, blieben im Team, obwohl gerade in dessen Bereich mit Florian Neuhaus und Kai Havertz Alternativen vorhanden sind.
Der Rundumschlag seinerzeit von Löw war eine Aktion, die Stärke von seiner Seite demonstrieren sollte. Nach dem Motto: Seht her, ich bin der richtige Mann für einen Neuanfang. Man ließ ihn gewähren und musste jetzt feststellen: Das Team ist blutleer. Das Match in Spanien (0:6) war ja nur der Höhepunkt einer Serie von Spielen, die immer nur wortgewandt schöngeredet worden waren.
Dabei ist Löw seit Russland die Hilflosigkeit in Person. Er hat es nicht geschafft, eine klare Struktur in sein Team zu bringen. Es gibt keine Achse, keinen festen Stamm, an die immer noch nicht optimal besetzten Positionen (linker Verteidiger, rechter Verteidiger, Mittelstürmer) andocken könnten. Und es sieht zudem so aus, als habe Löw auch taktisch keine Einfälle mehr.
In einem Spiel schrie sein Lieblingspassgeber Kross an die Außenlinie: "Wie sollen wir jetzt spielen?" Zu diesem Zeitpunkt hatte Löw gerade fünf Innenverteidiger auf dem Feld. Und Kroos fragte nicht Löw, sondern dessen Assistenten Markus Sorg. In der DFB-Schaltzentrale hat man das vermutlich nicht gehört oder die Ohren gerade auf Durchzug ausgerichtet.
Ohne Halbfinale kein Espresso mehr
Joachim Löw hat vermutlich auch gerade Glück, dass nicht viele Trainer scharf zu sein scheinen auf den Job beim DFB, was auch der Verbandsspitze zu denken geben sollte. Und man hat sich garantiert auch nicht mit möglichen Nachfolgern beschäftigt, die, das darf nicht unterschlagen werden, auch nicht Schlange stehen.
All dies hat ihn gerettet. Löw in seiner Position, aber nicht den deutschen Fußball. Das Versäumnis, jetzt nicht mit aller Entschiedenheit frische Impulse gegeben zu haben, kann sich böse rächen und scheinbar ahnt man das auch schon in Frankfurt, denn klar ist zu vernehmen, dass bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr das Erreichen des Halbfinales Pflicht ist, sonst...
Ja, sonst wird die Espressomaschine in Freiburg wohl nicht mehr zum Einsatz kommen. Sie hat sowieso schon zu lange ihren Dienst versehen.
ZUR PERSON SIGI HEINRICH:
Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
Das könnte Dich auch interessieren: Alle Texte von Sigi Heinrich
/origin-imgresizer.eurosport.com/2020/08/13/2863699-59019988-2560-1440.png)
Keine Chance bei der EM? Von wegen! So könnte Löw aufstellen
Quelle: Eurosport
Werbung
Werbung