Deutsche Nationalmannschaft in der Krise: Taugen Joshua Kimmich und Ilkay Gündogan als Führungsspieler?
VonThomas Gaber
Publiziert 28/06/2023 um 11:32 GMT+2 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft befindet sich seit der WM 2018 im Dauerkrisenmodus. Die schlechten Leistungen in den Testspielen gegen die Ukraine (3:3), Polen (0:1) und Kolumbien (0:2) wurden begleitet von einer Führungsspielerdebatte. Kein neues Phänomen, wenn es um die DFB-Elf geht. Doch anders als in der Vergangenheit ist die Diskussion ein Jahr vor der Heim-EM 2024 berechtigt.
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Quelle: Perform
Sami Khedira musste sich auf die Zunge beißen, um nicht ausfallend zu werden. Der deutsche Nationalspieler konnte so gar nichts mit der Kritik von Michael Ballack anfangen, den Spielern der deutschen Nationalmannschaft fehle es an Persönlichkeit und Charakter.
"Dass man bei so vielen Persönlichkeiten, die führen wollen und führen können, eine Führungsspielerdebatte anfängt, ist ja Comedy", erklärte Khedira im "kicker". Das war 2016, Deutschland hatte sich beim 0:0 im zweiten Gruppenspiel der EM in Frankreich gegen Polen nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Damals standen im Kader des DFB-Teams Spieler wie Manuel Neuer, Jerome Boateng, Thomas Müller, Mats Hummels, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos und eben Khedira. Alles Weltmeister von 2014 und außer Hummels früher oder später Champions-League-Sieger, einige sogar mehrfach.
Man muss Khedira recht geben: Diesem Team Mangel an Führungsqualität zu unterstellen, war aberwitzig. Joachim Löw sagte nach seinem Aus als Bundestrainer rückblickend, dass die 2016er-EM-Mannschaft die beste seiner 15-jährigen Amtszeit gewesen sei.
Hansi Flick baut auf Manuel Neuer und Thomas Müller
Diskussionen über fehlende Leitwölfe im DFB-Team sind seit jeher en vogue. Manchmal genügte schon ein schlechtes Spiel, um eine lächerliche Debatte loszutreten. Wenn sich die Serie von Misserfolgen so lange hinzieht wie aktuell, ist sie jedoch unvermeidbar.
Von den letzten 16 Länderspielen gewann Deutschland vier - gegen Italien, Oman, Peru und Costa Rica. Die drei jüngsten Testkicks waren in Summe katastrophal; der fromme Wunsch der DFB-Spitze, eine "Schland"-Euphorie im Land zu entfachen, wurde ad absurdum geführt.
Zwei Spieler, die ihre Führungsqualitäten hinlänglich bewiesen haben, waren nicht dabei: Manuel Neuer und Thomas Müller. Beide werden - körperliche Fitness vorausgesetzt - die nächste Länderspielreise im September mitmachen. Bundestrainer Hansi Flick sind die Hände gebunden. Er kommt an beiden nicht vorbei, weil sie das können, was alle anderen offensichtlich nicht draufhaben.
Der deutschen Nationalmannschaft fehlen Spieler, die vorangehen. Die die Ärmel hochkrempeln, wenn es nicht läuft. Die andere, unerfahrenere Spieler führen. All das ist bei den Testspielen im Juni deutlich geworden. Mit jedem Gegentor werden dem DFB-Team Körperteile rausgerissen, die Mannschaft wirkt in vielen Phasen eines Spiels konfus und planlos.
Joshua Kimmich und Ilkay Gündogan bestimmen die Diskussion
Dabei hat Flick durchaus Spieler, die kraft ihrer Erfolge im Verein in der Lage sein müssten, den Kahn wieder auf Kurs zu bringen. Marc-Andre ter Stegen ist seit 2014 Nummer eins beim FC Barcelona und ist eigentlich jedes Jahr bester Torhüter von La Liga. Antonio Rüdiger gewann mit Chelsea die Champions League und spielt mittlerweile bei Real Madrid.
Leon Goretzka und Joshua Kimmich haben als Stammspieler unter Flick Titel en masse beim FC Bayern gewonnen und Ilkay Gündogan führte als Kapitän Manchester City zum Triple. Vor allem an Kimmich und Gündogan entzündet sich die Leitwolf-Diskussion. Kimmich trug in Abwesenheit von Neuer und Müller schon häufiger die Kapitänsbinde bei Bayern und der Nationalmannschaft. Er zeigt auf dem Platz reichlich Emotionen, Gewinnermentalität kann man ihm nicht absprechen. Doch taugt er auch als Führungsspieler?
Flick brach vor dem Kolumbien-Spiel eine Lanze für den 28-Jährigen. "Joshua war vor einem dreiviertel Jahr ein Weltklassespieler, jetzt macht er seine Mitspieler schlechter. Das kann ich nullkommanull verstehen", sagte der Bundestrainer. "Er will immer gewinnen und dafür tut er alles. In jedem Training, in jedem Spiel. Er hat eine Mentalität wie Kobe Bryant oder Michael Jordan. Er ist ein Vorbild für alle Spieler. Es ist mehr als verständlich, dass er auch mal eine schlechte Phase hat. Er kriegt meine volle Unterstützung. Ihr (die Journalisten, d. Red.) könnt mich gerne kritisieren, aber bitte lasst die Spieler in Ruhe."
Welpenschutz für Kimmich, Kritik unerwünscht. Doch sie ist zulässig. Kimmich wird seinem Führungsanspruch nicht gerecht. Er lieferte einige schlechte Spiele ab, vor allem defensiv. Er verlässt häufig seine Position, als bräuchte er jemanden neben sich, der ihn führt und nicht umgekehrt. Zudem äußerte er zuletzt vermehrt Selbstzweifel.
Nach Medienberichten gibt es mittlerweile Mitspieler bei Bayern und im DFB-Team, die ihm die Gefolgschaft verweigern. Seine lautstarke und gestenreiche Attitüde wird zunehmend als nervig empfunden, weil sie nicht wirklich etwas bringt. Kimmich wäre gerne Alpha-Tier, wird von seinen Kollegen aber nicht so wahrgenommen. Bastian Schweinsteiger musste sich einst einer "Cheffchen"-Debatte stellen. Auf Kimmich trifft der Begriff eher zu.
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Seltenes Erfolgerlebnis im DFB-Trikot: Joshua Kimmich verwandelt einen Elfmeter gegen die Ukraine
Fotocredit: Getty Images
Gündogan bekommt im Nationalteam nicht die nötige Wertschätzung
Bislang genießt Kimmich bei Flick jedoch den Status des Unantastbaren. Die gemeinsamen Erfolge bei Bayern verbinden. Ein gefährlicher Pakt. Denn ein Spieler wie Gündogan, der im Gegensatz zu Kimmich einen lautlosen Führungsstil prägt, gerät ins Hintertreffen, müsste aufgrund seiner herausragenden Rolle bei ManCity aber in der ersten Reihe auftauchen.
Auf seiner Pro-Kimmich-Pressekonferenz gratulierte Flick Gündogan artig zum Triple, weigerte sich aber daraus einen Stammplatz für Gündogan abzuleiten. "Alle wollen von mir hören: 'Ilkay spielt jetzt immer.' Man hebt solche Spieler gerne Richtung Sonne hoch, wenn sie gut spielen. Und wenn sie mal eine schlechte Phase haben, dann schauen wir gerne zu, wie sie sich verbrennen", sagte Flick und spannte den Bogen umgehend zu seinem etwas merkwürdigen Kimmich/Bryant/Jordan-Vergleich.
Gündogan war Chef der besten Vereinsmannschaft der Welt. Die Wertschätzung, die ihm in Manchester zuteilwurde, bekommt er bei der Nationalmannschaft nicht. Das hängt sicher auch mit seinen Leistungen im DFB-Dress zusammen. Gündogan konnte mit dem Adler auf der Brust nie nachhaltig überzeugen, was sicher auch an der Qualität der Mitspieler und dem unterschiedlichen Stil beider Teams liegt.
Bei City hatte Gündogan mit Rodri den perfekten Sechser hinter sich. So konnte er als Stratege mit Spielintelligenz, sicherem Passspiel und starkem Torabschluss glänzen. Gündogan funktioniert am besten in einem Team mit einer klaren Strategie, die alle Spieler verinnerlicht haben.
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Gündogan schöpft Mut: "Qualität ist auf jeden Fall da"
Quelle: Perform
Kimmich will keine Drecksarbeit erledigen
Diese Voraussetzungen sind in der Nationalmannschaft aktuell nicht gegeben. Es fehlt der klassische Sechser, der ihm den Rücken freihält. Kimmich will lieber Tausendsassa im Mittelfeld sein, anstatt die Drecksarbeit für einen Kollegen zu erledigen. Und eine klare Strategie ist im DFB-Team schon lange nicht mehr erkennbar.
Auf dem Weg zur EM 2024 muss Flick viele Probleme lösen. Eines davon ist das Vakuum an Führungspersönlichkeiten. Neuer ok, Müller ok. Aber es bestehen Zweifel, ob die beiden noch leistungsmäßig berechtigt sind, Ansprüche zu stellen.
Kimmich und Gündogan hätten das Potenzial, stehen sich aber entweder selbst im Weg (Kimmich) oder werden eingebremst (Gündogan). Vielleicht ist die Lösung, beide gemeinsam als Führungstandem ins EM-Rennen zu schicken. Dann aber mit einem klaren Plan. Auch da ist Flick gefragt.
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Quelle: Perform
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