DFB-Team und die offensichtliche Baustelle: Joshua Kimmich wird eine EM-Option nicht schmecken

Neue positive Ansätze, altbekannte Unzulänglichkeiten. Julian Nagelsmann dürfte nach dem 3:1-Sieg bei Gastgeber USA und dem 2:2 in Philadelphia gegen Mexiko mit etlichen Erkenntnissen im Gepäck in den Flieger gen Heimat gestiegen sein. Ein metaphorisches Souvenir von der Übersee-Reise war die Lehre, dass eine Position nach wie vor Sorgen bereitet. Womöglich zum Unmut von Joshua Kimmich.

Johua Kimmich

Fotocredit: Getty Images

Julian Nagelsmann weiß, wie die Mechanismen im Fußball laufen. Eigentlich.
Dass der 36-Jährige, der während seiner Zeit bei RB Leipzig und beim FC Bayern regelmäßig mit extravaganter Kleidung aufgefallen war, wegen eines schlichten Holzfällerhemds in die Boulevard-Schlagzeilen geraten würde, überraschte dann aber selbst ihn.
Als Bundestrainer werden eben selbst Nichtigkeiten zu Wichtigkeiten hochstilisiert. Wie auf der Pressekonferenz vor dem Duell mit Mexiko von ihm angekündigt, hielt er es gegen die Mittelamerikaner schließlich schnörkellos, verhältnismäßig langweilig. Dunkelblaues Shirt, dunkelblaue Sweatshirtjacke.
Schlauer Schachzug, immerhin bot derlei Oberbekleidung keinerlei Raum für Nachfragen. Und so konnten sich alle Beteiligten wieder auf das Wesentliche, das Sportliche konzentrieren. Nach dem 3:1-Debütsieg gegen die USA und dem 2:2 gegen Mexiko zog Nagelsmann ein insgesamt positives Resümee.

Nagelsmann von Team begeistert

"Ich habe noch nie eine Mannschaft trainiert, die Dinge so schnell umsetzt", lobte er. "Ich war absolut begeistert, deshalb mache ich mir keine Sorgen. Sie haben ein sehr gutes Miteinander", schob der gebürtige Landsberger nach. Er sei sich "sicher", dass er mit seinem neuen Team in Zukunft erfolgreich sein werde. Nicht weniger erwarten die Fans, steht doch in acht Monaten die Heim-EM an.
Tatsächlich entfachte Nagelsmann nach Jahren des Darbens ein wenig Aufbruchstimmung in Deutschland. Weil schnell eine Handschrift, eine Philosophie erkennbar war. Offensiv wusste der viermalige Weltmeister durchaus zu gefallen, allen voran Leroy Sané, Jamal Musiala vom FC Bayern sowie Leverkusens Florian Wirtz ließen ihre spielerische Klasse mehrfach aufblitzen. Außerdem erwies sich Niclas Füllkrug mit zwei Treffern als verlässlicher Knipser.
Allerdings – und das gehört eben auch zur Wahrheit – war bei aller berechtigten Euphorie nicht alles rosarot. Im Gegensatz zur Kreativabteilung verursachte die Hintermannschaft bisweilen Stirnrunzeln beim geneigten Zuschauer. Immer wieder Lücken, mangelnde Rigorosität im Zweikampf, regelmäßige Unkonzentriertheiten im Aufbauspiel. Besonders im Fokus: Die rechte Defensivseite. Auch, weil aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Benjamin Henrichs (RB Leipzig) eine gewisse Kernkompetenz fehlte.

Rechtsverteidiger: Duo überzeugt nicht

Zunächst half der formstarke, aber innen beheimatete Jonathan Tah gegen die USA als Rechtsverteidiger aus, gegen Mexiko musste der weniger formstarke Niklas Süle ran. Weder der Leverkusener noch der bei Dortmund zuletzt ins zweite Glied gerutschte Süle vermochten zu überzeugen. Vor allem Letztgenannter hatte in ungewohnter Rolle mächtig zu kämpfen, hatte unfreiwillige Aktien an beiden Gegentoren.
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Niklas Süle (r.) im Spiel gegen Mexiko

Fotocredit: Imago

Nagelsmann stärkte Süle im Nachgang am "ARD"-Mikrofon den Rücken, verwies darauf, dass er zuletzt mit wenig Spielpraxis bedacht wurde. "Ich nehme Niklas in Schutz. Er hat wenig Rhythmus", sagte der Übungsleiter und legitimierte Süles Berufung: "Auf Sicht schätzen wir diesen Spieler stark ein. Deshalb haben wir entschieden, ihn trotzdem mitzunehmen. Damit er weiß, dass wir mit ihm planen."
Süle bringt bekanntermaßen alle Voraussetzungen für einen stattlichen Abwehrmann mit, vornehmlich Qualitäten eines Innenverteidigers. Geht es gegen quirlige, wendige Außenbahnspieler (wie beispielsweise Mexikos Hirving Lozano), stößt der 28-Jährige an seine Grenzen. Obwohl Nagelsmann die Rechtsverteidigerposition öffentlch nicht als Baustelle bezeichnen wollte, stattdessen von Schritten sprach, die es zu gehen gilt. Es gehe ums "Verteidigen auf dem ganzen Platz, nicht nur in der Kette."

Kimmich zurück in unliebsamer Rolle?

Dennoch dürfte sich Perfektionist Nagelsmann mehr Stabilität hinten rechts wünschen – und zumindest über eine für ihn unbequemte Lösung nachdenken: Joshua Kimmich. Nagelsmanns ehemalige rechte Hand bei den Bayern sieht sich bekanntermaßen ganz klar als Sechser, ist normalerweise im defensiven Mittelfeld gesetzt.
Aber: Im Gegensatz zur Rechtsverteidigerposition sind die Optionen im Zentrum für Nagelsmann mannigfaltig. Pascal Groß empfahl sich in Kimmichs krankheitsbedingten Abwesenheit neben Kapitän Ilkay Gündogan in beiden Partien, darüber hinaus steht in Leon Goretzka ein weiterer hochkarätiger Box-to-Box-Spieler parat. BVB-Profi Emre Can ist ebenfalls eine Alternative.
Kimmich zählt wider Willen nunmal zu den Besten der Rechtsverteidigerzunft überhaupt, das hat er bei seinem Klub und im Dress der Nationalmannschaft mehrfach bewiesen. Ex-Teamkollege Bastian Schweinsteiger warf im Anschluss an das Remis gegen Mexiko in der "ARD" den Gedanken auf, Kimmich bei der Europameisterschaft im eigenen Land wieder auf dessen unliebsame Position zu stellen.
Es würde Kimmich sicherlich nicht schmecken. Aber womöglich wäre es für das DFB-Team das Beste.
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Nagelsmann analysiert Mexiko-Spiel: "Das hat gefehlt"

Quelle: SID

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