EM 2024: Deutschland gelingt gegen Schottland ein fast perfekter Auftakt - dennoch mahnen Nagelsmann und Müller

Die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Schottland einen Auftakt nach Maß in die Heim-Europameisterschaft erwischt. Der 5:1 (3:0)-Erfolg sorgt nicht nur für Euphorie innerhalb der Mannschaft, die Fans träumen bereits vom Sommermärchen 2.0. Bundestrainer Julian Nagelsmann und die Routiniers um Ilkay Gündogan drückten danach dennoch auf die Euphorie-Bremse. Es ist noch nicht Zeit zum Abheben.

Nagelsmann schwärmt von Kroos: "Extreme Wirkung"

Quelle: Perform

Die Ehrenrunde war ein einziges Bad in der Menge - mit einer Menge Emotionen und Glücksgefühlen allüberall. Die Stadionregie der "Munich Football Arena" spielte "Major Tom", die neue Partyhymne der deutschen Fans, und auf den Tribünen sowie auf dem Rasen waren alle "völlig losgelöst" vom Druck und der Last des Auftaktspiels einer EM, noch dazu im eigenen Land.
Während die Spieler erst vor die Kurve, dann zum Block der Freunde und Familien gingen, beobachtete Bundestrainer Julian Nagelsmann das glückliche Treiben mit seinen Assistenten Sandro Wagner und Benjamin Glück vom Mittelkreis aus. 5:1 gegen Schottland. Ja, ist denn scho' wieder Sommermärchen?
Katar, die verkorkste Wüsten-WM im Winter, überhaupt die miese Stimmung rund um dieses Turnier, war an diesem Freitagabend weit weg. Alles Flick von gestern, die Graugänse haben Flugverbot. Dagegen flogen dieser deutschen Mannschaft schon ab der ersten von möglichst 14 Halbzeiten dieses Turniers die Herzen zu. Es ist ja ein Geben und Nehmen – und die Männer in den weißen Heimtrikots zeigten von Beginn an Geberqualitäten.
Zurück kam viel Liebe, eine erste Portion Euphorie, die Welle, die durchs Stadionrund schwappte, Gesänge wie "Oh, wie ist das schön!" und Sprechchöre für Toni Kroos sowie den eingewechselten Thomas Müller. Die Treffer beim mitreißenden Sturm-und Drang-Auftakt erzielten Florian Wirtz und Jamal Musiala, die Abteilung Zauberlehrlinge, Kai Havertz per Elfmeter, Niclas Füllkrug und Emre Can.
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Kai Havertz jubelt gemeinsam mit Joshua Kimmich nach seinem Treffer zum 3:0.

Fotocredit: Getty Images

Der höchste Sieg der deutschen EM-Historie

Ein Kickstart, der in einen Rausch mündete. "Die ersten 20 Minuten waren schon beeindruckend. Extrem gut, sehr dominant, da haben wir keine Fehler gemacht. Viel Power, viel Aggressivität im Gegenpressing", erklärte ein glücklicher Bundestrainer Julian Nagelsmann, "Schottland war in der Anfangsphase sehr beeindruckt. Das hat uns natürlich extrem geholfen."
1:0 Florian Wirtz, 2:0 Jamal Musiala - nach 19 Minuten war der Euphorie-Teppich ausgerollt. Mit dem Elfmetertreffer von Kai Havertz kurz vor der Pause stand bereits der Rekord Nummer eins: Erstmals schoss Deutschland drei Tore in einer ersten EM-Halbzeit, das 3:0 war somit auch die höchste deutsche Halbzeitführung.
Nach der Pause legten die eingewechselten Füllkrug und Can nach - das 4:0 und 5:1, fertig war der höchste Sieg der deutschen EM-Historie. Was für eine stimmungsvolle Ouvertüre dieser Heim-EM, die im besten Falle ins Finale am 14. Juli im Berliner Olympiastadion mündet. Fliegen ja, aber nicht abheben.
Friede, Freude, Fahnenmeer? Nicht nur. Da waren auch Fehler. Dass die Schotten, seit der Roten Karte für Ryan Porteous aufgrund des herben Fouls an Ilkay Gündogan kurz vor der Pause in Unterzahl, zum 1:4-Anschlusstreffer kamen war einerseits Pech, weil Antonio Rüdiger nach einem Freistoß der "Bravehearts" den Ball unglücklich an den Kopf bekam und ins eigene Tor ablenkte.
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Antonio Rüdiger köpft den Ball gegen Schottland ins eigene Tor.

Fotocredit: Imago

Kapitän Gündogan bezeichnete den Gegentreffer als "Warnhinweis" für seine Mannschaft. Daraus leitete er die Mahnung ab: "Wir dürfen keinen Schritt weniger machen in den nächsten Spielen." Am kommenden Mittwoch (18:00 Uhr im Liveticker) geht es in Stuttgart gegen Ungarn, am Sonntag (21:00 Uhr im Liveticker) in einer Woche in Frankfurt gegen die Schweiz.

Nagelsmann will kein Mahner sein, ist es aber doch

"Unser Standardtrainer (Mads Buttgereit, d.Red.) ist der Einzige in der Kabine, der nicht so gut gelaunt ist", erklärte Nagelsmann und drehte die Verärgerung ins Positive: "Es ist aber gut, dass sich die Mannschaft sehr über das Gegentor aufgeregt hat. Das ist bei 4:0 ein gutes Zeichen." Für den 36-Jährigen war das 5:1 "nur ein erster, aber ein sehr guter und wichtiger Schritt. Es bringt jetzt nichts, wenn wir den Betrieb einstellen, sondern wir müssen weitermachen."
Möchte da einer den kollektiven Glücksrausch unterbinden, gar stoppen?
"Am Ende bin ich weit davon weg, ein Mahner zu sein. Es macht wenig Sinn, jetzt zu viel zu bremsen", erklärte Nagelsmann, der jedoch in der realistischen Spur bleiben wollte: "Wir wissen, wir haben ein Spiel gewonnen, aber wir müssen mindestens noch eins gewinnen." Um auf jeden Fall ins Achtelfinale zu kommen, wozu auch schon ein Punkt aus den nächsten beiden Partien reichen könnte.
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Julian Nagelsmann mahnt vor den nächsten Aufgaben.

Fotocredit: Getty Images

Auf dem weiteren Turnierweg könnten die beiden Gelben Karten der Stammspieler Jonathan Tah (Innenverteidigung) und von Sechser Robert Andrich noch teuer zu stehen kommen. Bei einem derart überlegen geführten Spiel waren die Verwarnungen unnötig.
Das Problem: Nach der zweiten Gelben Karte ist man für ein Spiel gesperrt, mögliche erzwungene Wechsel in der Startelf bringen Unruhe rein, die Eingespieltheit geht verloren. Um keine Rote Karte für Andrich aufgrund dessen sehr resoluter und robuster Spielweise zu riskieren, wechselte Nagelsmann den Leverkusener zur Pause aus, brachte Pascal Groß.

Müller warnt vor zu viel "Emotionsgedusel"

Für Müller war das 5:1 eine "Explosion", doch der Routinier weiß mit seinen 130 Länderspielen und seinem achten Turnier, dass es "eben nur der Auftakt war. Rückschläge kommen auch schneller, als man denkt. Deswegen: Genießen und trotzdem auf dem Boden bleiben."
Aber könne das gute Gefühl, die Euphorie die Mannschaft nicht beflügeln? "Es geht nicht ums Gefühl, es geht um die Punkte. Wir hatten immer tolle Gefühle, aber dann haben wir gegen Ghana 2:2 gespielt, gegen Serbien verloren 2010." Womit er die meist kniffligen zweiten Gruppenspiele meinte.
Bei der WM 2010 in Südafrika folgte auf das 4:0 gegen Australien der angesprochene Dämpfer mit dem 0:1 gegen Serbien. Vier Jahre später in Brasilien verpasste man im Auftaktspiel den Portugiesen eine 4:0-Abreibung, tat sich danach beim 2:2 gegen Ghana sehr schwer.
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Thomas Müller mahnte nach dem Spiel im Interview.

Fotocredit: Getty Images

Allerdings habe man auch nach einer Niederlage noch alles in der eigenen Hand, so Müller (34), der nach seinem 130. Länderspieleinsatz erklärte: "Dieses Emotionsgedusel ist zwar ganz nett, aber es trägt dich keiner durchs Turnier. Du musst die Spiele gewinnen, die Punkte sind entscheidend."
2010 erreichte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw das Halbfinale, 2014 wurde man Weltmeister.

"Ungarn eine Klasse besser ist als Schottland"

Toni Kroos war dabei. Der 34-Jährige sagte mit Blick auf die Partie gegen Ungarn, gegen das die deutsche Mannschaft in den letzten drei Partien nicht gewinnen konnte: "Das nächste Spiel wird definitiv schwerer, da erwartet uns eine Mannschaft, die eine Klasse besser ist als Schottland. Wenn wir es da nochmal beweisen dann können wir in einen Flow kommen."
Was Nagelsmann am Freitagabend in der Pressekonferenz sagte, wird er in den nächsten Tagen auch seinen Spielern vermitteln: "Ungarn ist ein unangenehmer Gegner, schwer vorzubereiten, sie haben teilweise einen wilden Aufbau, sind schwer zu packen. Da sind viele Freigeister unterwegs. Szoboszlai ist der Schlüsselspieler."
Damit ja keiner abhebt - trotz Major Tom.
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Füllkrug ordnet Auftaktsieg ein: "Die ganze Welt schaut auf einen"

Quelle: Eurosport


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