EM 2024 - Kommentar zum Abschied von DFB-Legende: Von Toni Kroos lernen, heißt verlieren lernen
Publiziert 10/07/2024 um 15:10 GMT+2 Uhr
Toni Kroos' Karriere endete beim dramatischen Viertelfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Heim-EM gegen Spanien. Nach dem Spiel erfuhr der Mittelfeldmotor, der in den vergangenen Jahren bei Real zur Legende avancierte, auch hierzulande endlich die verdiente Würdigung. Das 1:2 gegen die Furia Roja hat vor allem eines gezeigt: Von Kroos lernen, heißt verlieren lernen. Ein Kommentar.
Kroos bedient: "Im Moment überwiegt das Aus"
Quelle: MagentaTV
Für Toni Kroos war die Sache klar. Seit dem Achtelfinale konnte jedes Spiel dieser EM nicht nur das letzte für seine Mannschaft im Turnier sein, sondern auch sein überhaupt letztes, das allerletzte seiner Karriere. Beim 2:0 gegen Dänemark ging es gut, am Freitagabend gegen die Spanier nicht – 1:2 nach Verlängerung.
Das 114. Länderspiel, das achte seit seinem Comeback im März, endete für den 34-Jährigen schmerzhaft. Aber auch mit einer Huldigung durch die Mitspieler, die Gegenspieler und Bundestrainer Julian Nagelsmann. Die Fans, selbst die spanischen, applaudierten ihm.
Gefangen im Meer der Traurigkeit und der Niedergeschlagenheit ließ sich Kroos nicht von den Wellen der Wehmut nass machen. Keine Tränen in den Augen. Sein Blick war leer, doch seine Körpersprache vermittelte: Es ist vorbei. Es ist schade. Aber es ist wie es ist. Und es ist gut so.
Am Ende seiner Karriere erfuhr Toni Kroos, die Passmaschine schlechthin, die Würdigung, die er seit Jahren schon verdient gehabt hätte. Kroos verlässt die Bühne als bester deutsche Fußballer seiner Generation, als einer der besten des Landes überhaupt. Die Präzision seiner Pässe, die Übersicht, die Ruhe am Ball suchen seinesgleichen.
Von wegen "Querpass-Toni"
Kroos bestimmt den Rhythmus eines Spiels, gibt seinen Mitspielern das Tempo vor. Umschalten, einen Gang hochschalten. Oder auf die Bremse treten, piano, piano, das Spiel langsamer machen, den Gegner locken. Querpässe als Mittel zum Zweck.
Nicht gern gesehen vom Event-Publikum, verpönt bei Uli Hoeneß, der auf das landläufig verwendete Schimpfwort "Querpass-Toni" sogar noch einen draufsetzte. Nach dem Aus bei der EM 2021 sagte der langjährige Manager des FC Bayern: "Dieser Toni Kroos hat in diesem Fußball nichts mehr verloren, mit seinem Querpass-Spiel passt er nicht mehr in diesen Fußball. Seine Art zu spielen, ist total vorbei." Nun ja.
Abschied nehmen fällt schwer. Von einem Arbeitgeber, einem Job, einer Berufung. Wehmut zieht auf wie ein herannahendes Gewitter, erste nostalgische Gefühle mischen sich in eine merkwürdige Aufbruchstimmung für die ungewisse Zeit des Danach. "Weiter, immer weiter!" - dieses Mantra prägte einst Oliver Kahn bis auch für den Titan im Tor der Tag X kam, an dem alles Fliegen durch seine Lebenswelt Strafraum vorbei war. Das Ende der Karriere führt bei vielen Sportlern zur Landung auf dem harten Boden der Tatsachen. Ein unsanfter Aufschlag in der echten Welt.
Kroos wirkt aufgeräumt
Doch Kroos ist anders, ihm droht kein jähes Ende dieses Lebensabschnitts. Das strahlt er mit jeder Faser seines Körpers aus, mit seinem entspannten Lächeln bei all den Fragen zu seiner Zukunft, die er viel entspannter sieht als die Fragesteller. Das vermittelt er mit jeder Antwort. Da ist jemand total aufgeräumt, völlig klar, mit sich und seiner Welt, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft im Reinen.
Vor der Zeit danach, habe er "keine große Angst", sagte Kroos vor dem Viertelfinale gegen Spanien und begründete dies nachvollziehbar: "Ich habe die Entscheidung selbst getroffen - ohne, dass mich jemand gedrängt hat. Es wird Momente geben, in denen ich den Fußball vermissen werde, vor allem das Spielen, weil ich weiß, dass es nie wieder etwas geben wird, was ich so gut können werde."
Weltklasse strebt immer nach Weltklasse – muss aber nicht. Diese Gelassenheit wohnt in ihm, dem Spielmacher, der sich immer tausend Gedanken um das Spiel gemacht hat, aber keinen Kopf um das letzte.
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Toni Kroos nach dem WM-Sieg 2014
Fotocredit: Getty Images
Die Botschaft seiner Rückkehr lautete: Ich bin wieder da – für Euch, mit Euch. Der Weltmeister von 2014, der zig Mal die Champions League gewonnen hat. Der alles kann, aber nichts mehr muss. Das Puzzle zur Euphorisierung des DFB-Teams war ausgelegt, setzte sich nach und nach zusammen. Pass für Pass von Kroos, dem Taktgeber, dem Dirigenten im Maschinenraum der Mannschaft.
Kroos als Zweifel-Beseitiger
Neben der spielerischen Renaissance war Kroos‘ größter Erfolg dieser: Die Zweifel an der Nationalelf, geprägt durch das schwache Abschneiden bei den letzten Turnieren, hat er durch sein Comeback und seine Qualität weggefegt. Kroos sprach vor dem Viertelfinale vom Erreichen eines "Minimalziels, unabhängig davon, wie dieses Turnier ausgeht. Zumindest so, dass man im Nachgang nicht mehr von einer Katastrophe sprechen wird."
Die Spanier ließen am Freitag die DFB-Seifenblase der Hoffnung auf den EM-Titel und damit den kitschigst möglichen Kroos-Abschied mit einem Sieg im letzten Spiel zerplatzen.
Er habe sich, so sagte er vorher, "auch mit dem Szenario beschäftigt, dass es nicht klappt und wäre dann nicht am Boden zerstört". Ich habe ihm das abgekauft.
Von Toni Kroos lernen, heißt auch: verlieren lernen – obwohl: er verliert eben fast nie. Ausnahmen wie am Freitag bestätigen die Regel und machen Helden noch nachbarer. In jedem Ende liegt ein Anfang.
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Kroos' Karriere endet nach Thriller: Eine Legende nimmt Abschied
Quelle: Perform
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