Julian Nagelsmann: Bundestrainer setzt auf Veränderung und denkt gegen Mexiko noch nicht an EM-Elf

Die Zeit ist knapp, der Druck hoch: Julian Nagelsmann feierte beim 3:1 (1:1)-Sieg gegen die USA einen gelungenen Einstand als Bundestrainer und erzeugte damit einen kleinen Funken Aufbruchstimmung im zuletzt so arg gebeutelten Fußball-Deutschland. Für das Duell mit Mexiko in der Nacht zum Mittwoch setzt Nagelsmann auf Veränderung. An die EM-Elf will er erst später denken - aus gutem Grund.

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"Oh mein Gott!" Die Reaktion von US-Trainer Gregg Berhalter nach der 1:3-Pleite gegen die deutsche Nationalmannschaft sprach Bände. Statt sportlicher Einschätzungen zum Geschehen auf dem Rasen, sollte der 50-Jährige nach der Partie die Kleiderwahl von Neu-Bundestrainer Julian Nagelsmann bewerten.
Dieser erschien bei seiner Premiere in Hartford/Connecticut im dezenten Holzfällerhemd und sorgte damit bei einigen Journalisten und Social-Media-Usern für Gesprächsstoff. "Das war eine gute Idee von unserem Ausstatter beim DFB", erklärte Nagelsmann später auf der Pressekonferenz.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der gebürtige Landsberger, der schon bei seinen Stationen in Leipzig und München wegen seines bisweilen extravaganten Kleidungsstils für Schlagzeilen sorgte, des modischen Accessoires längst wieder entledigt und Trainingsanzug gegen Karohemd getauscht.
Im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit geht es nun mal um Kleinigkeiten, manchmal gar Nichtigkeiten - und kaum ein Job wird dabei mit mehr Lumen beschossen als der des Bundestrainers.

Gelungener Einstand: Nagelsmann verbreitet Aufbruchstimmung

Nagelsmann ist selbstkritisch mit sich und seinen 20 Monaten beim FC Bayern umgegangen. "Ich habe ein paar Fehler gemacht, die ich so nicht nochmal machen würde”, erklärte der 36-Jährige vor seinem gelungenen Debüt als Teamchef.
Bei seiner Analyse sei es um Dinge gegangen, die ihn persönlich beträfen. Versäumnisse, auf die er aber nicht genauer eingehen wollte. Sein Outfitwechsel zu später Stunde in Hartford legte aber zumindest nahe, dass sich Nagelsmann und seine Berater mittlerweile sensible Antennen auch für scheinbare Nebensächlichkeiten entwickelt haben.
Aus rein sportlicher Sicht muss Nagelsmann ohnehin nichts mehr beweisen. Gegen die USA war bereits deutlich die Handschrift des Ex-Bayern-Coaches zu sehen, die erhoffte Trendwende im Hinblick auf die Heim-EM 2024 scheint wieder möglich. Aufbruchstimmung, aber noch lange kein Grund zum Feiern.
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Bundestrainer Nagelsmann: Es bleibt nicht viel Zeit

Die zuletzt gezeigten ordentlichen Leistungen gegen Frankreich (2:1) und die USA (3:1) waren dringend notwendig und sind als erster, kleiner Aufwärtstrend zu werten. Über die mitunter verheerenden Ergebnisse der vergangenen Jahre sollten sie aber nicht hinwegtäuschen.
Nach der Europameisterschaft 2016 in Frankreich (Halbfinale) scheiterte Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Russland 2018 unter Jogi Löw schon in der Gruppenphase. Bei der EM 2021 war im Achtelfinale gegen England Schluss, Löws Nachfolger Hansi Flick wiederholte das Kunststück Vorrunden-Aus gleich nochmal bei der WM 2022 in Katar.
Mit Nagelsmann soll nun die Wende gelingen; er hat die Aufgabe, das Feuer rund um die deutsche Elite-Elf neu zu entfachen. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht - ohnehin gilt sein Arbeitspapier nur bis kommenden Sommer.

Nagelsmann: "Brauchen mehr als eine erste Elf"

"Wir haben noch einen Lehrgang im November, einen im März. Dann folgt schon die Turniervorbereitung. Es sind am Ende nur 30, 40 Trainingstage, die uns bis zur EM noch bleiben", hatte schon Rückkehrer Mats Hummels nach Ankunft in den USA vorgerechnet.
Eine komplizierte Angelegenheit für Nagelsmann, dem nach seiner Heimspielpremiere gegen die Türkei in Berlin (18. November 2023) und dem Duell mit Österreich in Wien (21. November 2023) nur noch zwei März-Partien bleiben, ehe er seinen Turnierkader nominieren muss.
Nagelsmann setzt deshalb auf der Amerikareise auch noch nicht alles auf die Karte Eingespieltheit. "Irgendwann", sagte der Bundestrainer vor dem Duell mit Mexiko in Philadelphia, werde sich seine Turnier-Elf schon "herauskristallisieren" - aber noch nicht am Mittwoch (2:00 Uhr im Liveticker) vor mehr als 60.000 heißblütigen Fans im Hexenkessel Lincoln Financial Field.
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Nagelsmann-Ständchen zum Einstand? Musiala: "Gute Idee"

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Die gegen USA erprobte Startelf wolle er allerdings nur "in Nuancen" verändern, sagte er am Montag, die Rotation werde "nicht groß" ausfallen: "Wir können reagieren, im Laufe des Spiels auch ein bisschen Rücksicht nehmen."
Etwa auf die BVB-Spieler Mats Hummels und Niclas Füllkrug, die eigentlich zu seiner EM-Achse gehören, aber schon am Freitag wieder in der Bundesliga gegen Werder Bremen spielen sollen.
Generell gehe es ihm darum, dass die Spieler "in einen guten Flow" finden: "Wir wollen gewisse Dinge und Pärchen sehen, dass sie weiter funktionieren und sich festigen." Seiner Ansicht nach war das 3:1 gegen die USA "nur ein erstes gutes Spiel - ein zweites muss folgen".

BVB-Quartett fliegt gesondert zurück

Es gebe "mehrere Themen, die du beäugen musst", sagte Nagelsmann vor dem zweiten Spiel des US-Trips. Der Aspekt, möglichst schnell ein sommermärchenfähiges Team zu formen, sei eben nur einer von vielen. "Es ist die erste Maßnahme, wir haben danach noch weitere Spiele", betonte Nagelsmann.
Außerdem wolle er "nicht nur eine erste Elf, sondern eine erste 15" einspielen, "weil wir mehr als eine erste Elf brauchen". Aber eben auch: Balance.
Das Dortmunder Quartett, zu dem noch Niklas Süle und Julian Brandt gehören, wird nach der Partie getrennt von der Mannschaft im Privatjet zurückkehren. Eine "hoch professionelle Maßnahme", wie Hummels findet, obwohl auch er um das Thema Nachhaltigkeit weiß. Die Borussia finanziert die teure Rückkehr und kompensiert den CO2-Ausstoß.
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Nagelsmann lobt Süle in höchsten Tönen - und stellt Forderung

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Müller statt Füllkrug?

Nagelsmann grübelte bei seinen Studien im Hotel The Inn at Penn auf dem Campus der ältesten US-Uni darüber, wie er keinen Spieler über Gebühr belastet. "Julian wird schauen: Wer kann noch ein zweites Spiel durchstehen?", erläuterte Sportdirektor Rudi Völler: "Klar soll sich eine gewisse Formation einspielen, aber ein bisschen Rücksicht muss man auch nehmen."
Wahrscheinlich ist, dass Nagelsmann im Tor auf Marc-Andre ter Stegen setzt und eine Viererkette davor. Mats Hummels und Antonio Rüdiger dürften dabei erneut die Innenverteidigung bilden, außen werden rechts Niklas Süle und links David Raum erwartet.
Im Mittelfeld harmonierte Kapitän Ilkay Gündogan gegen die Amerikaner bestens mit Pascal Groß, Nagelsmann wird das Duo noch einmal sehen wollen. Neben Leroy Sané sollten in der offensiven Dreierreihe wieder Jamal Musiala und Florian Wirtz spielen. Die einzige Spitze wäre Thomas Müller statt Niclas Füllkrug.
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Müller "will nicht kneifen": Kein Rücktritt beim DFB

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Nagelsmanns Idee: Die Kette ist der Schlüssel

Es bleibt ja auch noch Zeit; man habe, betonte Nagelsmann, "im November noch zwei Spiele, wo es ein bisschen anders ist". Für die EM, weiß Nagelsmann, brauche es auch Ersatzspieler, "die gierig sind und die richtige Einstellung haben".
Deshalb will er "möglichst alle im Spiel sehen, nicht nur im Training". Wie die Neulinge Kevin Behrens und Robert Andrich, die im Gegensatz zu Chris Führich noch nicht zum Einsatz kamen.
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Nagelsmann lobt Groß und Gündogan

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Anders als das Personal soll sich an der Art und Weise des Auftritts seiner Mannschaft gegen Mexiko nichts ändern. Dazu gehöre eine sehr variable, nicht nur defensiv geforderte Viererreihe. "Ich bin ein großer Verfechter davon, dass die Kette offensiv ein Riesenschlüssel ist, Spiele zu entscheiden", sagte er.
Wenn schon die Hinterleute in die Vorstöße involviert seien, "ist es schwer zu verteidigen", analysierte Nagelsmann. Die Kette sei dafür zuständig, "weniger konteranfällig zu sein, aber eben auch, Torschüsse zu initiieren". Zumindest Letzteres klappte gegen die USA schon einmal sehr gut, im Abwehrverhalten wird sich das DFB-Team aber deutlich steigern müssen.
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(mit SID)
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