Julian Nagelsmann verleiht der Nationalmannschaft Flügel: Gute Chancen auf zweites Sommermärchen
VonThomas Gaber
Publiziert 28/03/2024 um 17:27 GMT+1 Uhr
Julian Nagelsmann hat die deutsche Nationalmannschaft erfolgreich umgekrempelt und rechtzeitig vor Beginn der Heim-EM 2024 eine neue Euphorie im DFB-Team entfacht. Der Bundestrainer ging dabei ein großes Risiko ein und scheute sich nicht vor unkonventionellen und für einige etablierte Spieler unpopulären Entscheidungen. Ein zweites Sommermärchen nach 2006 ist keinesfalls mehr abwegig.
Nagelsmann-Ansage: "Werden keine fünf Spieler mehr austauschen"
Quelle: Perform
Julian Nagelsmann war bestens gelaunt im Post-Match-Interview. Als der Bundestrainer nach dem 2:1-Sieg gegen die Niederlande bei "RTL" über die Rolle des eingewechselten Pascal Groß referierte, griff er in die "Dad Joke"-Kiste.
"Pascal Groß hatte großen Einfluss auf das Spiel, weil der Sechserraum sehr groß war", sagte Nagelsmann und bemerkte dabei ob des Nachnamens lachend: "Witzigerweise sehr groß." Moderatorin Laura Papendick konnte sich ein charmantes "Hihi" nicht verkneifen.
Was der Bundestrainer in diesen Tagen anpackt, gelingt - selbst Wortspiel-Kalauer. Nach einem verheißungsvollen Start im neuen Amt auf der USA-Reise musste Nagelsmann als Verantwortlicher an der Seitenlinie im Spätherbst 2022 gegen die Türkei (2:3) und Österreich (0:2) mitansehen, wie die deutschen Nationalmannschaft ein knappes halbes Jahr vor Beginn der Heim-EM zerfleddert wurde. Von einer stolzen Fußballnation blieben nur mehr ein paar Fetzen übrig.
Vier Monate hatten Nagelsmann und sein Team Zeit, den Patienten von der Intensivstation zu holen. Es ist ihnen gelungen - mit risikoreichen, unkonventionellen und für einige Etablierte unvorteilhaften Entscheidungen.
Nagelsmann-Wins: Kroos-Comeback und Kimmich-Versetzung
Nagelsmann überredete Toni Kroos zum Comeback und bewies dabei ein gutes Gespür dafür, was seiner verunsicherten Mannschaft fehlte: Stabilität, Ruhe und Ballsicherheit im Zentrum. Er zog Joshua Kimmich aus dem Mittelfeld ab, löste damit das Problem auf der Rechtsverteidigerposition und beendete die ewige Debatte über Kimmichs Qualitäten als Zentrumsspieler.
Für die richtungsweisenden Testspiele gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande ließ Nagelsmann einen ganzen BVB-Block zuhause und sorgte damit für wenig Begeisterung in Dortmund. Sich mit den dicksten Bundesliga-Fischen anzulegen, bedarf viel Courage.
Gleiches gilt für die knallharte Ausbootung von Leon Goretzka und die klare Ansage an Rot-Sünder Leroy Sané, dass dieser zwar fußballerisch unverzichtbar sei, sich aber gefälligst einzuordnen habe. Als Deutschland in den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit gegen die Niederlande stark unter Druck geriet, wechselte Nagelsmann seinen qua Amt wichtigsten Spieler aus: Kapitän Ilkay Gündogan.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/03/27/3938127.jpg)
Nagelsmann-Gewinner: Toni Kroos (M.) und Joshua Kimmich
Fotocredit: Imago
Hungrige Stuttgarter statt "Stars" aus Dortmund und München
Nicht jede unkonventionelle Entscheidung von Nagelsmann ist in seiner kurzen Zeit als Bundestrainer aufgegangen. Das Experiment mit Kai Havertz als Schienenspieler auf der linken Außenbahn scheiterte krachend. Doch der 36-Jährige ließ sich davon nicht entmutigen.
Mit Maximilian Mittelstädt, Waldemar Anton, Chris Führich und Deniz Undav haben vier Spieler vom VfB Stuttgart sehr gute Chancen, auf den EM-Zug aufzuspringen. Dabei hat keiner der Genannten auf Klubebene auch nur annähernd Erfahrung auf internationalem Terrain. Nagelsmann setzt uneingeschränkt auf das Leistungsprinzip. Namen (Goretzka, Hummels, Süle, Brandt) sind Schall und Rauch, es zählt einzig und allein das Schaffen auf dem Platz.
Nagelsmanns Auslese hat einen zusätzlichen positiven Effekt: Das Risiko unzufriedener Bankspieler wird minimiert. Statt "Stars" aus Dortmund und München sitzen hungrige Spieler aus Stuttgart und Leipzig draußen. Jedem hat Nagelsmann eine bestimmte Rolle zugewiesen, der auch jeder ohne Murren zustimmt - selbst die ewige Nummer zwei Marc-André ter Stegen.
Nagelsmann betont "sehr guten Geist"
"Die letzten zehn Tage haben sehr viel Spaß gemacht. Der Geist der Mannschaft ist sehr gut", resümierte Nagelsmann. "Es ist eine gute Mischung an Spielern, die die Rolle auch akzeptieren, nicht zu spielen und trotzdem Gas zu geben, wenn sie reinkommen. Die Rolle der Einwechselspieler ist genauso groß, und da habe ich eine sehr große Akzeptanz gespürt von allen."
Zweieinhalb Monate vor EM-Beginn hat Deutschland wieder eine Mannschaft. Ein verschworener Haufen, der nach einer Reihe von Turnier-Blamagen und unansehnlichem "Rumpelfußball" plötzlich attraktiven "Kumpelfußball" spielt - und das auch noch erfolgreich.
Das Spielglück war Deutschland in beiden Tests hold, aber für ein Tor nach acht Sekunden oder Füllkrugs Schulter-Treffer (ja, der war drin!) muss man sich im Nachgang nicht rechtfertigen.
Realistische Chancen auf ein zweites Sommermärchen
Am späten Dienstagabend erinnerte sich Nagelsmann auf der Pressekonferenz an die Zeit nach dem Österreich-Spiel. "Einige, die da dabei waren, kriegen seit sechs, sieben Jahre nur auf die Mütze. Spieler und Staff-Mitglieder nach Österreich zu sehen, war kein schönes Bild", sagte Nagelsmann.
Es sei "als Trainer nicht so super", die hängenden Köpfe der Spieler in der Kabine zu sehen. "Du siehst die Jungs und alle denken: 'Jetzt geht die Scheiße wieder los.'"
Es ist in erster Linie Julian Nagelsmann zu verdanken, dass die "Scheiße" erstmal aufgehalten wurde. Besser noch: Deutschland hat wieder realistische Chancen auf ein zweites Sommermärchen.
Das könnte Dich auch interessieren: Nagelsmanns EM-Kader steht - diese Spieler haben gut lachen
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/03/27/3937704-79986793-2560-1440.jpg)
Nagelsmann: "Haben deutsche Tugenden verkörpert"
Quelle: Perform
Werbung
Werbung