Nationalmannschaft: Antonio Rüdiger und Jonathan Tah überzeugen als Innenverteidiger-Duo und meißeln sich in Stein
Die deutsche Nationalmannschaft hat mit Antonio Rüdiger und Jonathan Tah nach vielen Jahren endlich wieder ein überzeugendes Duo in der Innenverteidigung. Mit ihren Leistungen gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1) haben sich die beiden "Türsteher" für die EM in Stein gemeißelt - und dementsprechend nicht nur den gegnerischen Angreifern den Weg versperrt.
Antonio Rüdiger (l.) und Jonathan Tah
Fotocredit: Imago
Antonio Rüdiger ist kein Mann der großen Worte, steht nicht gerne im Mittelpunkt. Antonio Rüdiger lässt lieber Taten auf dem Platz sprechen.
In den vergangenen Tagen wurde der Innenverteidiger von Real Madrid aber unfreiwillig in eine Debatte abseits des Rasens gezogen. Julian Reichelt, einst Chefredakteur der "Bild" und mittlerweile Berufs-Wutbürger mit eigenem Internet-Portal, hatte am Samstag einen Instagram-Post von Rüdiger vom 11. März herausgekramt und den gebürtigen Berliner aufgrund einer Geste in die Nähe von radikalen Islamisten gerückt.
Auf dem Foto ist Rüdiger, praktizierender Muslim, in Gebetskleidung auf einem Gebetsteppich mit nach oben gestrecktem Zeigefinger zu sehen. Darunter wünscht er einen gesegneten Ramadan. Reichelt wertete Rüdigers Geste als Gruß der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS), viele Experten widersprachen und ordneten Rüdigers Geste (Tauhid-Finger) indes sachlich ein.
Autor und Psychologe Ahmad Mansour schrieb auf X, der Finger sei "religiös, nicht extremistisch", laut Bundesinnenministerium könne die Geste zwar mitunter - je nach Kontext - zwar als Zeichen einer Radikalisierung verstanden werden, grundsätzlich sei sie aber als Glaubensbekenntnis zu interpretieren und unproblematisch.
Rüdiger stellt Strafanzeige
Damit war die Sache aber längst nicht vom Tisch, Rüdiger stellte einige Tage später Strafanzeige gegen Reichelt wegen Verleumdung, verhetzender Beleidigung und Volksverhetzung. "Ich lasse mich nicht beleidigen und als Islamist verunglimpfen", begründete Rüdiger bei "Bild.de" seinen Entschluss, gegen Reichelt vorzugehen.
Der Deutsche Fußball-Bund wurde ebenfalls tätig und leitete die Angelegenheit an die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) weiter.
Wer gedacht hatte, dass der Lärm um Rüdigers Person Einfluss auf dessen Leistungen nehmen würde, sah sich am Montagabend jedoch eines Besseren belehrt. Gegen die Niederlande verteidigte er an der Seite seines kongenialen Partners Jonathan Tah leidenschaftlich alles weg, was da in Person von Memphis Depay oder Donyell Malen auf ihn zurollte.
Rüdiger verbuchte drei klärende Aktionen (Spitzenwert), vier Balleroberungen und eine Passquote von mehr als 95 Prozent, Nebenmann Tah wartete mit ganz ähnlichen Zahlen auf.
Rüdiger und Tah harmonieren bestens
Das Duell mit den Niederlanden hatte im Prinzip nur das untermauert, was die Begegnung mit Frankreich am Samstag zuvor schon eindrucksvoll angedeutet hatte: Mit Rüdiger und Tah hat sich nach vielen Jahren, quasi seit Auflösung des erfolgreichen Blocks Mats Hummels und Jérôme Boateng 2019, endlich mal wieder ein verlässliches Innenverteidiger-Duo etabliert.
Erstmals seit einem Jahr hatte eine deutsche Nationalmannschaft in Lyon mal wieder eine weiße Weste gewahrt. Beim letzten Zu-Null-Spiel (2:0 gegen Peru) verteidigten Matthias Ginter (SC Freiburg) und Nico Schlotterbeck (Borussia Dortmund) im Abwehrzentrum. Eine Konstellation, die es bei der EM im eigenen Land nicht geben wird, das dürfte keine allzu gewagte Prognose sein.
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Antonio Rüdiger (l.) und Jonathan Tah
Fotocredit: Imago
Grundsätzlich dürfen sich nicht nur Ginter und Schlotterbeck, sondern auch die anderen BVB-Defensivspezialisten Mats Hummels und Niklas Süle wenig Hoffnungen auf einen Platz im Kader geschweige denn in der Startelf machen. Schon vor dem Frankreich-Spiel hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann nämlich angekündigt, dass Rüdiger und Tah seine präferierte Wahl sind.
"Aktuell sind mit Toni Rüdiger und Jonathan Tah zwei Spieler für die ersten beiden Innenverteidigerpositionen gesetzt. Nun liegt es an mir, die Spieler für die Back-up-Rolle zu finden", erklärte der 36-Jährige und schien Rüdiger damit zu überraschen. "Hat er das gesagt? Ich lese nicht so viel. Okay, gut", reagierte der Real-Star, als er mit Nagelsmanns Aussagen konfrontiert wurde.
Mit dem Wissen könne man fortan "ganz anders im Training miteinander umgehen, andere Gespräche führen", so Rüdiger. Gespräche, die offenbar gefruchtet haben. Grundsätzlich fand der 31-Jährige ausschließlich lobende Worte für seinen DFB-Kollegen: "Sein Weg ist überragend", schwärmte Rüdiger mit Blick auf Tah.
Rüdiger lobt Tah: "Gibt keinen Besseren"
Rüdiger führte aus: "Als junger Spieler ist er hochgekommen in die Bundesliga. Bei Leverkusen hat er einen wichtigen Lernprozess gehabt. Aktuell gibt es in der Bundesliga keinen Besseren als ihn. Er hat es sich verdient, dass er spielt." Tatsächlich spielt Tah die wohl beste Saison seiner Karriere, der ehemalige Hamburger steht sinnbildlich für den beeindruckenden Aufschwung der Werkself.
Schon im November, vor dem schwachen Auftritt gegen die Türkei (2:3) und der noch schwächeren Darbietung in Wien gegen Österreich (0:2), hatte Tah analysiert, woran die Nationalmannschaft damals krankte: "Wir kriegen auf jeden Fall zu viele Gegentore. Das ist etwas Mannschaftstaktisches, was wir als Mannschaft beheben müssen", sagte Tah.
Bezüglich der Heim-EM forderte Tah seinerzeit: "Wir brauchen enge Abstände, eine gute Verbindung zueinander, wir müssen versuchen, dem Gegner so wenig Räume wie möglich zu bieten." Also quasi all das, was er mit Rüdiger in den vergangenen beiden Partien umzusetzen vermochte.
DFB-Team und Fans versöhnt?
Zwei gute Spiele, eine gefestigte Defensive, eine Torhymne und eine gelungene Marketing-Kampagne für ein Trikot haben ausgereicht, die zwischenzeitlich resignierenden deutschen Fans wieder merklich näher an ihre Mannschaft heranrutschen zu lassen.
Dass von gewissen Leuten, aus der immer gleichen Ecke versucht wird, Ressentiments zu schüren. Dass manch ein Wüterich sich aufgrund der Farbe eines Auswärtstrikots in seinem Deutschsein bedroht fühlt und Stimmung gegen die Mannschaft macht, spricht Bände, sollte aber in der Euphorie um eine schöne Heim-EM im Idealfall einfach untergehen.
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Quelle: Perform
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