"Im Rückspiel hauen wir Benfica weg", hatte Eintracht Frankfurts Sportdirektor Fredi Bobic vor Wochenfrist im Estádio da Luz unmittelbar nach der 2:4-Hinspiel-Pleite selbstbewusst getönt. Eine Woche später steht er um 23:05 Uhr nach erfüllter Prophezeiung am Spielfeldrand der Commerzbank-Arena und schaut dem wohl kontrolliertesten Platzsturm der Frankfurter Fußballgeschichte in aller Seelenruhe zu.
"Ich stehe da unten und schaue mir das Treiben an. Diese Freude ist unfassbar. Diese pure Freude, hier wird keiner nach Hause gehen. Ostern wird verlängert. Um Gottes Willen, hier wird heute noch einiges passieren", sprach ein überglücklicher Bobic nach dem 2:0 (1:0) im Rückspiel am "RTL"-Mikrofon.

Fans im Mittelpunkt: Erst Choreo, dann Innenraum

Europa League
Fans im Innenraum - Frankfurt bangt vor UEFA-Strafe
18/04/2019 AM 22:36
Kurz zuvor hatten Teile der Westtribüne zu den Klängen von "Oh, wie ist das schön" voller Ekstase den Innenraum betreten, die Werbebande hinter dem Tor umgerannt, den Rasen aber letztlich nicht betreten. Zum Glück, denn ein "echter Platzsturm" hätte Konsequenzen seitens der UEFA für die auf Bewährung spielende Eintracht nach sich gezogen.
Bei den Auswärtspartien in Rom gegen Lazio und auch in Mailand gegen Inter hatten Frankfurter Fans Pyrotechnik abgebrannt. Schon vor dem Viertelfinal-Hinspiel bei Benfica hätte es einen Auswärtsbann geben können, die UEFA beließ es jedoch bei einer Ermahnung. Nun zittert die Eintracht erneut.

Eintracht Frankfurt - Fans außer Rand und Band

Fotocredit: Getty Images

Schon vor Anpfiff des Spiels war klar: Es musste ein großer Europapokal-Abend in Frankfurt werden. Wie vor jedem der vorangegangenen vier Heimspiele in der Europa League sorgten die 48.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena mit einer gefühlsechten Eintracht-Choreo für Gänsehaut-Stimmung, die sich auf die Mannschaft übertrug.

Da Costa: "Erstmal ein Sauerstoffzelt"

Kampf, unbändiger Wille, pure Leidenschaft - die Eintracht präsentierte sich als Einheit, zerriss sich für seine Fans bis zum Rande der Erschöpfung. "Als das Spiel abgepfiffen wurde habe ich gedacht, ich brauche erstmal ein Sauerstoffzelt", sagte der überragende Danny da Costa, der Shootingstar und Hinspielheld (3 Tore, 1 Vorlage) Joao Félix mit Bravur aus dem Spiel nahm.
Dass bei den Frankfurtern vor allem im zweiten Durchgang hier und da die spielerische Komponente etwas vernachlässigt wurde - für Bobic geschenkt. Es sei darum gegangen, Benfica "körperlich zu bearbeiten". "Es musste auch ein bisschen dreckig zur Sache gehen", nur so hätte man die spielstarken Portugiesen am Spielen hindern können.
Der Plan ging auf. Im ersten Durchgang blieb Benfica gänzlich ohne Torabschluss. Das gab es seit dem 1:5 in der Champions-League-Gruppenphase bei Bayern München vom November 2018 nicht mehr. In der zweiten Halbzeit lenkte Kevin Trapp einen Ball des eigewechselten Salvio an den Außenpfosten - die einzige wirklich brenzlige Situation.

Eintracht Frankfurt mit kontrolliertem Chaos

"Die Mannschaft macht mich wahnsinnig stolz", schwärmte Trainer Adi Hütter nach dem Spiel zurecht:
Wie sie von der ersten Minute an zusammen mit den Zuschauern angegangen ist. Ein Erlebnis, dass man nicht vergessen wird.
In der Tat fühlte es sich wie eine perfekte Symbiose zwischen Fans und Team an. Der sprichwörtliche zwölfte Mann, in Frankfurt war er zu spüren - nicht nur wegen des angedeuteten Platzsturms am Ende, der, ähnlich wie das Spiel der Eintracht, in gewisser Weise als kontrolliertes Chaos verbucht werden kann.

Eintracht Frankfurt vs. Benfica

Fotocredit: Getty Images

Im Vorfeld der Partie wurde oft vom perfekten Spiel gesprochen, dass der Bundesligist zeigen müsse, um auch weiterhin europäisch vertreten zu bleiben. Zu einem solchen perfekten Spiel gehört auch das Quäntchen Glück, dass den Frankfurtern zum 1:0 durch Filip Kostic in der 36. Minute (aus deutlicher Abseitsposition) verhalf.
Zum Matchwinner avancierte Sebastian Rode (67.), der das prall gefüllte Stadion an der Mörfelder Landstraße mit seinem Treffer zum entscheidenden 2:0 in ein wildes, schwarz-weißes Tollhaus verwandelte.

Frankfurter Prophet Haller

"Es macht uns stolz, dass wir jetzt als einzige Mannschaft Deutschland international vertreten. Das machen normalerweise die Bayern oder die Dortmunder. Aber jetzt sind wir es, und alle drücken uns die Daumen", freute sich Bobic mit stolz geschwellter Brust.
Es ist dieses gesunde Selbstbewusstsein, gepaart mit einer enormer Leidensfähigkeit, das die Eintracht derzeit zum wohl aufregendsten Klub Deutschlands macht. Da passt es ins Bild, dass der derzeit verletzte Stürmer Sébastien Haller sein Halbzeitinterview bei "DAZN" mit folgenden Worten beendete:
See you in the semifinal!
Europa League
Bobic über Abseits-Tor: "Schön, dass es noch Fehler gibt..."
18/04/2019 AM 21:50
EURO 2020
Torwartfrage weiter offen: Wer wird Löws Neuer-Ersatz?
30/05/2021 AM 07:40