SC Freiburg - Hasret Kayikçi beklagt Missstände im Frauenfußball: "Wird gerne heruntergespielt"

Hasret Kayikçi gehört zu den Identifikationsfiguren beim SC Freiburg. Die elfmalige deutsche Nationalspielerin sieht im Umzug der Frauen in das ehrwürdige Dreisamstadion einen wichtigen Schritt in der weiteren Professionalisierung des Frauenfußballs. Im Eurosport-Interview spricht die 30-Jährige exklusiv über diese bedeutende Entwicklung, gibt persönliche Einblicke und benennt Missstände.

Hasret Kayikçi im Einsatz.

Fotocredit: Imago

Seit ihrem Wechsel vom MSV Duisburg nach Freiburg im Juli 2011 zählt die Stürmerin zu den Leistungsträgern der Breisgauerinnen - 68 Tore in 172 Spielen für die Badener unterstreichen diese Rolle.
Nachdem die Herren des SCF in das neue Europa-Park-Stadion übersiedelt sind, zogen die Frauen in das Dreisamstadion ein. Dadurch veränderten sich die Bedingungen für Kayikçi und Co. schlagartig zum Besseren. "Jetzt können wir weiter an unserer Geschichte schreiben", sieht sie diese Entwicklung als wichtigen Erfolg.
Im Eurosport-Interview spricht die 30-Jährige über die notwendige Modernisierung im Frauenfußball und spricht vorhandene Missstände an. Darüber hinaus wirft sie einen Blick zurück auf den schwierigen Beginn ihrer Profi-Karriere.
Das Interview führte Christoph Niederkofler
Frau Kayikçi, seit Dezember laufen Sie mit Ihrer Mannschaft im Dreisamstadion auf und feierten dort beim 7:1 gegen Carl Zeiss Jena den ersten Erfolg. Was hat Ihnen der Sieg bedeutet?
Hasret Kayikçi: Sehr viel. Es war eine Belastung, dass wir dort noch kein Spiel gewonnen hatten. Wir versuchen immer wieder, unsere Fans zu mobilisieren. Daher freuen wir uns, dass wir es endlich geschafft haben, erneut einen Heimsieg mit ihnen feiern zu können.
Welche Auswirkungen hatte dabei das neue Umfeld?
Kayikçi: Der erste Heimsieg ist immer besonders - vor allem in Hinsicht auf unseren Umzug. Wir haben sehr lange dafür gekämpft, dass wir in diesem Stadion spielen dürfen und die Infrastruktur bekommen, die wir uns verdienen. Deswegen freuen wir uns, dass wir hier sind und etwas Neues für den Frauenfußball aufbauen können. Jetzt können wir weiter an unserer Geschichte schreiben.
Sie mussten lange auf diese Premiere warten…
Kayikçi: Lieber spät als nie! Wir hoffen, dass uns der Erfolg einen Push gibt, damit das Stadion auch zur Festung wird. Grundsätzlich läuft man immer gerne vor den eigenen Fans auf. Das holt die letzten Prozente heraus, wenn man erschöpft ist und setzt noch einmal ordentlich Kräfte frei.
Was können diese Kräfte im Schlussspurt der Saison bewirken?
Kayikçi: Grundsätzlich schauen wir von Spiel zu Spiel. Wir freuen uns auf jeden Fall darüber, dass wir in der Rückrunde einen besseren Start erwischt haben als zu Saisonbeginn. Wenn man die damaligen Partien betrachtet, hatten wir auch ein bisschen Pech. Wir glauben an uns und wissen, welche Fehler wir in der Hinrunde gemacht haben. Jetzt erwarten uns Gegner auf unserer Augenhöhe und die wollen wir schlagen.
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Kayikçi will im Schlussspurt möglichst den Unterschied machen

Fotocredit: Imago

Am kommenden Freitag ist vor dem Endspurt Turbine Potsdam zu Gast. Was ist für den SC drin?
Kayikçi: Nach dem ersten Heimsieg soll nun der zweite folgen. Es gibt kein geileres Spiel - unter Flutlicht, ein Heimspiel eben. Hoffentlich werden die Fans uns tatkräftig unterstützen. Potsdam ist eine sehr starke Mannschaft, Kleinigkeiten werden entscheidend sein. Aber ich bin positiver Dinge. Wir haben sehr viel Selbstvertrauen.
Sie sprachen davon, mit dem Umzug ins Dreisamstadion die Geschichte des Vereins weiterschreiben zu wollen. Ist das ein weiterer Schritt zur Professionalisierung des Frauenfußballs?
Kayikçi: Ja, ein riesiger sogar. Die Möglichkeiten, die wir jetzt haben, vereinfachen vieles. Zuletzt mussten wir noch eine halbe Stunde durch die Stadt fahren, um das Krafttraining zu absolvieren. Jetzt ist alles an einem Ort. Auch die Regeneration ist nun vielfältiger - egal ob im Eisbad oder in der Sauna. In meiner Karriere war ich häufig verletzt. Aber wenn ich zurückblicke, dann wurde das Thema im Frauenfußball gerne heruntergespielt. Wir trainieren schließlich acht Mal pro Woche und haben zusätzlich ein Spiel. Wenn man zusätzlich eine unprofessionelle Infrastruktur zur Verfügung hat, dann ist die Verletzungsgefahr groß. Einerseits haben wir keinen festangestellten Physiotherapeuten und viele von uns arbeiten noch nebenbei. Andererseits macht es aber einen großen Unterschied, wenn sich der Aufwand für das Training deutlich reduziert. Als Leistungssportler braucht man das entsprechende Umfeld, um Topleistungen an den Tag legen zu können.
Der SC Freiburg hat also mit der Modernisierung der Abteilung Frauenfußball eine Vorreiterrolle eingenommen...
Kayikçi: Wir freuen uns sehr, dass wir diesen Schritt gegangen sind und hoffen, dass die anderen Bundesligisten nachziehen können. Wir Spielerinnen reden immer von Infrastruktur, aber die meisten wissen gar nicht, wie schlimm es in Wirklichkeit war.
Könnten Sie bitte näher auf die Probleme eingehen?
Kayikçi: Es wurde uns häufig vorgeworfen, dass wir empfindlich seien, aber wenn es geregnet hat, stand unser Platz unter Wasser, trainieren mussten wir trotzdem. Danke an alle Spieler- und Trainerinnen, die Jahrzehnte für eine Verbesserung unserer Rahmenbedingungen gekämpft haben. Ich freue mich, dass wir es endlich geschafft haben und hoffe, dass die nächste Generation davon profitieren kann. Vielleicht hebt dieser Schritt auch das allgemeine Niveau des Frauenfußballs. Wenn der Rasen eben ist, kann man viel schneller spielen und muss nicht darauf achten, dass der Ball gegen das Schienbein springt. Das kann man aber nur einschätzen, wenn man selbst auf solchen Plätzen im Einsatz war.
Was wäre neben der Verbesserung der Infrastruktur ein weiterer Schritt, die Professionalisierung voranzutreiben?
Kayikçi: Natürlich geht es auch um die Bezahlung der Spielerinnen. Sicherlich ist es in den letzten Jahren besser geworden, aber es gibt immer noch einiges zu tun. Wir müssen nicht Millionen verdienen. Es sollte darum gehen, dass Spielerinnen nicht mehr nebenbei 40 Stunden pro Woche arbeiten oder in 5er-WGs wohnen müssen. Die Mehrheit verdient nicht genug mit dem Fußballspielen. Wenn man sich nur auf das Wesentliche konzentrieren könnte, würde das Niveau weiter steigen.
Angesichts der mangelhaften Bedingungen haben Sie auch die Verletzungsanfälligkeit angesprochen. Was war Ihre Motivation, sich immer wieder zurückzukämpfen?
Kayikçi: Ich glaube, das können nur Spielerinnen verstehen, die sich selbst in dieser Situation befunden haben. Es war eine äußerst schwierige Zeit. Am schlimmsten war, am Wochenende zum Spiel zu fahren und dort auf der Tribüne sitzen zu müssen. Meine Motivation war meine Liebe zum Fußball. Ich habe mein ganzes Leben nur Fußball gespielt - für mich gab es nichts anderes. Natürlich war es schwierig, über eine so lange Zeit hinweg Reha zu absolvieren. Damals habe ich mir aber immer vor Augen gehalten, dass ein Karriereende viel schlimmer wäre. Ich musste das durchziehen und hatte letztendlich keine andere Wahl. Es hat sich gelohnt.
Hatten Sie in dieser Zeit Selbstzweifel?
Kayikçi: Das hat jeder. Bei der ersten Verletzung denkt man noch, dass man sofort wieder auf dasselbe Niveau zurückkommt. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Rückschlag weiß man aber, dass dies nicht der Fall ist. Ich war damals zu jung und habe für den Leistungssport zu viel aufgegeben, um einfach auszusteigen. Der Fußball ist alles, wofür ich mein ganzes Leben lang gekämpft habe. Deswegen bin ich froh, dass ich es damals durchgezogen habe. So hätte ich mir nie vorwerfen müssen, dass ich es nicht versucht habe.
Sie haben erst im vergangenen Jahr Ihren Vertrag beim SCF verlängert. Denken Sie trotz dieses Bekenntnisses des Vereins auch an die Zeit nach Ihrer Karriere?
Kayikçi: Einen richtigen Plan für die Zeit nach dem Profifußball habe ich noch nicht. Ich muss entscheiden, ob ich in Freiburg bleibe oder zurück nach Heidelberg gehe. Natürlich würde ich gerne weiterhin etwas im Fußball bewegen. Mal abwarten, was wir in Freiburg entwickeln können. Ich würde diesen Weg hier gerne fortsetzen. Bisher habe ich mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Ich konzentriere mich auf das Hier und Jetzt. Einen Zeitpunkt habe ich mir noch nicht gesetzt, auch wenn klar ist, dass meine Karriere nicht ewig weiter gehen wird.
Sendehinweis: Eurosport überträgt das Spiel der Flyeralarm Frauen-Bundesliga zwischen dem SC Freiburg und Turbine Potsdam am Freitag, 25. März, ab 17:55 Uhr live im Free-TV bei Eurosport 1 und im kostenlosen Livestream bei Eurosport mit Joyn. Kommentator der Partie ist Markus Theil.
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"Arsenal kann sich warm anziehen": Wolfsburg setzt auf Rückspiel

Quelle: Perform

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