Deutschland zeigt desolate Defensivleistung gegen die Ukraine - Bundestrainer Flick hält an Dreierkette fest
Publiziert 13/06/2023 um 11:17 GMT+2 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft zeigt beim Testspiel gegen die Ukraine eine teils desolate Leistung in der Defensive. Für alle offensichtlich: Das Experiment von Hansi Flick mit der Dreierkette hat nicht funktioniert. Dennoch will der Bundestrainer an seinem Plan festhalten und setzt auf Durchhalteparolen. Ein nicht nominierter Abwehrspieler könnte von der schwachen Vorstellung profitieren.
DFB-Elf enttäuscht gegen die Ukraine: "Nicht unser Anspruch"
Quelle: SID
Noch exakt 368 Tage bis zum EM-Start, bis zum Eröffnungsspiel, das die deutsche Nationalelf bei der Euro im eigenen Land am 14. Juni 2024 in München austragen wird. Es soll ein Fußball-Fest mitten in Europa werden.
"Wir möchten, dass das ganze Land hinter dem Turnier steht", sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler dem "Stern" und merkte an: "Viele haben noch gar nicht begriffen, welch eine Riesennummer die EM werden wird, ähnlich wie 2006, unser Sommermärchen."
Ein bisschen dick aufgetragen - aber gut, die Aussagen fielen vor dem enttäuschenden 3:3 des DFB-Teams am Montagabend im Benefizländerspiel gegen die Ukraine. Nun muss man festhalten: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vor allem, was begeisternde, nachhaltige Auftritte der Nationalelf betrifft.
In Bremen präsentiere sich die Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick (58) behäbig, lasch und am Ende glücklich. Im Jubiläumsländerspiel, dem 1.000 Auftritt einer deutschen Nationalelf, reichte es nach einem 1:3-Rückstand gegen die Ukraine auf den letzten Drücker noch zu einem 3:3. Niclas Füllkrug - angeschossen von Marius Wolf - Kai Havertz und Joshua Kimmich (per Elfmeter in der Nachspielzeit) trafen. Zwischenzeitlich setzte es deutliche Pfiffe für den mauen Auftritt, das letztlich erkämpfte Remis keineswegs zur so ersehnten und leider auch nur herbeigeredeten Euphorie bei.
Negativ-Trend der Nationalmannschaft ist offensichtlich
Beim Duell des 14. gegen den 30. der Fifa-Weltrangliste konnte man deutlich erkennen, wer die motiviertere und leidenschaftlichere Mannschaft auf dem Platz war: die Gäste. Lautstark angefeuert von ihren Landsleuten, während es für das über weite Strecken schwache die Quittung in Form von "Wer-der Bre-men!"-Sprechchören gab.
Die Ukraine drehte das Spiel mit Engagement und Zielstrebigkeit, führte nach 56 Minuten 3:1. Durch das späte, aber schmeichelhafte 3:3 wurde die erste Niederlage in einem Vergleich mit der Ukraine (nun fünf Unentschieden) gerade noch abgewendet.
Doch der Negativ-Trend, die Fortsetzung des blamablen Ausscheidens in der Vorrunde der Winter-WM von Katar, ist offensichtlich. Flick gab konsterniert zu: "Das Spiel zeigt die aktuelle Verfassung der Mannschaft. Man merkt, dass sie nicht mit breiter Brust unterwegs ist. Die Abstimmung hat nicht gestimmt."
Joshua Kimmich: Saudumme Gegentore, immer die gleichen Fehler
Das ist noch milde ausgedrückt. Die Abstimmung in der von Flick als Experiment für die drei Juni-Länderspiele ausgewählte Dreierkette der Abwehr stimmte ganz und gar nicht. Antonio Rüdiger, Matthias Ginter und Nico Schlotterbeck patzten bei allen Gegentreffern, um. Leon Goretzka, diesmal anstelle von Joshua Kimmich als Sechser vor der Abwehr aufgeboten, konnte die Mitte nicht schließen. Nach einer Stunde ließ Flick wieder auf die den Spielern vertrautere Viererkette umstellen - was mehr Stabilität brachte.
Kimmich, diesmal ein offensiverer Achter, sprach im "ZDF" von "saudummen Gegentoren" und erklärte: "Wir haben uns vorgenommen, vor allem die Fehler abzustellen. Die Fehler wiederholen sich seit der Weltmeisterschaft. Das ist das, was wir abstellen müssen - vor allem in der Defensive."
So hatte das Benefizländerspiel zugunsten von Kriegsopfern in der Ukraine noch zwei weitere Gewinner: Dortmunds Mittelfeld-Abräumer Emre Can, der 90 Minuten auf der Bank blieb, dafür beim nächsten Test am Freitag in Warschau gegen Polen (20.45 Uhr im Liveticker) zum Einsatz kommen dürfte. Und vor allem: Niklas Süle, der von Flick für diesen Lehrgang ganz gestrichen wurde.
Den Verzicht auf den 27-Jährigen Routinier vom BVB hatte der Bundestrainer so begründet: "Ich finde, er lässt noch einiges liegen. Ich will, dass er von seiner Einstellung, von seiner Mentalität einen Schritt nach vorne macht. Für mich könnte Niki einer der besten Innenverteidiger sein, die es gibt. Sein Potenzial ist riesig."
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DFB-Kapitän Joshua Kimmich (M.) fand deutliche Worte nach dem 3:3 gegen die Ukraine
Fotocredit: Getty Images
Hansi Flick will seinen Plan weiter durchziehen
Eine klare Gelbe Karte verbunden mit der Aussicht, dass ein einsichtiger Süle bei Besserung wieder zu Flicks Auserwählten gehören wird. Die teils tölpelhafte Abwehrleistung gegen die Ukraine spielte Süle in die Karten. Läuft für ihn.
Im 22. Spiel seiner Amtszeit, von denen er zwölf gewann und drei verlor, bot Flick die 19. unterschiedlich zusammengestellte Abwehrreihe auf. Nach dem 3:3 gegen die Ukraine bekräftigte Flick am Experiment mit der Dreierkette festhalten zu wollen, sagte: "Wir haben einen Plan, was das Ganze betrifft, das werden wir weiterhin durchziehen."
Das sind Automatismen, die Spiele und Training brauchen, daran werden wir arbeiten - und Dinge, die wir nicht gut gemacht haben, klar ansprechen und trainieren." Flick bleibt stur. Geht das gut? In den letzten 14 Länderspielen konnte das DFB-Team nur zwei Mal zu Null spielen, gegen die Underdogs Oman und Peru (jeweils 2:0).
TV-Experte Wagner: Mannschaft fühlt sich mit Viererkette wohler
TV-Experte Sandro Wagner, der am Sonntag als Trainer der SpVgg Unterhaching den Aufstieg in die Dritte Liga geschafft hatte, meinte im "ZDF": "Gegen den Ball hat man schon gesehen, dass sie sich einen Tick, wenn ich das unterstellen darf, wohler fühlen in der klassischen Viererkette."
Als Kritik an Flick wollte Wagner seine Aussage allerdings nicht verstanden wissen. Doch die Kritik und der Druck auf Flick werden zunehmen. "Fußball ist und bleibt ein Ergebnissport und wir müssen es schnellstens schaffen, dass wir die Ergebnisse in den Griff bekommen“, meinte Kapitän Kimmich.
Für die nächste Aufgabe am Freitag forderte Flick "in der Defensive Klarheit und Kompromisslosigkeit, in der Offensive bessere Chancenverwertung“. Wenn es denn so einfach wäre.
"Wir wissen, dass es ein langer Prozess ist, die Fehler abzustellen, müssen daran arbeiten“, wiederholte sich Flick und sagte: "Wir nehmen die positiven Dinge mit, mehr können wir aktuell auch nicht machen." Klingt ja nicht wahnsinnig optimistisch.
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