Atlético Madrid ist die Mannschaft der Stunde in Europa: Trainer Diego Simeone bläst zum Angriff auf Barça und Real
VonThomas Gaber
Update 13/12/2024 um 10:18 GMT+1 Uhr
Zehn Spiele, zehn Siege - Atlético Madrid ist die Mannschaft der Stunde in Europas Topligen. Zum wiederholten Mal gelingt es Trainer Diego Simeone, aus den Rojiblancos ein Schwergewicht im Schatten von Barça und Statdrivale Real zu machen. "El Cholo" zieht den ganzen Verein in seinen Bann, die Spieler folgen ihm blind. Simeones Erfolgsrezept? Menschenführung, Leistungsprinzip und viel Liebe.
Party bei den Rojiblancos: Giuliano Simeone (l.) und Antoine Griezmann
Fotocredit: Getty Images
Diego Simeone hatte keine Lust auf Fußball. Ausgerechnet Simeone. Über 20 Jahre hielt der Argentinier als Profi seine Knochen hin und machte nach dem Ende seiner Karriere 2006 umgehend als Trainer weiter.
Seine drei Söhne? Natürlich auch Profifußballer. "Ohne Fußball würde ich dahinsiechen. Jede Sekunde ohne Fußball ist eine verlorene für mich", sagte Simeone einmal über sein Leben. Und dieser Mann hatte plötzlich keine Lust mehr.
"In Spanien sterben Menschen wegen dieser Flut oder verlieren ihr Hab und Gut. Und wir sollen Fußballspielen? Das macht für mich keinen Sinn", sagte der Trainer von Atlético Madrid Anfang November vor dem Ligaspiel gegen Las Palmas.
Der spanische Ligaverband hatte entschieden, dass nur direkt von der verheerenden Flutkatastrophe betroffene Vereine in der Region Valencia vom Spielbetrieb befreit werden.
Atlético wie eine perfekt geölte Maschine
Ausgerechnet das Spiel, das Simeone im Vorfeld verteufelte, sollte einen Wendepunkt für "El Cholo" und seine Rojiblancos darstellen. Der 2:0-Sieg war der Beginn einer Siegesserie, die auch am 12. Dezember noch Bestand hat.
Zehnmal in Folge verließ Atlético seitdem den Platz als Sieger und erzielte dabei 30 Tore, davon 21 in den letzten fünf Spielen. Außer Paris Saint-Germain (2:1) waren nicht die großen Gegner dabei, aber die Rotweißen hinterließen dennoch nachhaltig Eindruck.
"Wenn man zehn Spiele in Folge gewinnt, läuft vieles richtig. Atlético läuft wie eine perfekt geölte Maschine", schrieb die Zeitung "AS". Zittern um die Serie musste Atleti vergangenes Wochenende, dann wandelte man gegen den FC Sevilla aber einen 1:3-Rückstand noch in einen 4:3-Last-Minute-Sieg um.
Simeone: "Könnte nicht stolzer sein auf die Jungs"
Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es Simeone in dieser Saison gelungen, aus Atlético wieder ein Schwergewicht zu machen. "Der 2:1-Sieg in Paris im November mit dem Siegtor in der Nachspielzeit hat einiges verändert", sagt Jorge Ordas, Fußballexperte von Eurosport Spanien: "Hinzu kam die Systemumstellung vom 3-5-2 auf ein 4-4-2, das besser zu den Spielern und ihren Anlagen passt", ergänzt Ordas.
Nach sechs Spieltagen haben die Rojiblancos gute Chancen, sich direkt für das Achtelfinale der Champions League zu qualifizieren. In La Liga liegt man auf Augenhöhe mit dem FC Barcelona und Real Madrid, Atlético ist die Mannschaft mit den wenigsten Niederlagen (nur eine).
"Wir spielen mit den beiden besten Teams Europas in einer Liga", sagte Simeone kürzlich auf einer Spieltags-Pressekonferenz, "da ist es nicht selbstverständlich, dass wir oben dabei sind. Aber dafür sind die Spieler verantwortlich. Sie geben in jedem Training und in jedem Spiel ihr Herz. Ich könnte nicht stolzer sein auf die Jungs."
Seit über 13 Jahren ist Simeone Cheftrainer von Atlético. In dieser Zeit stand er in über 700 (!) Spielen an der Seitenlinie, gewann zwei Meisterschaften, eine Copa de Rey, zwei Europa-League-Titel und erreichte zweimal das Champions-League-Finale. Simeone schaffte es immer wieder, Teams zu formen, die die besten Mannschaften Europas piesacken können.
Sein kolportiertes Jahresgehalt in Höhe von 30 Millionen Euro nimmt ihm im Umfeld des Arbeiterklubs niemand übel. Von den Fans wird er wie ein Heiliger verehrt, sie feiern ihn bei Heimspielen regelmäßig mit "Olé, olé, olé - Cholo Simeone"-Sprechchören.
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Seit über 13 Jahren der Chef an der Seitenlinie von Atlético Madrid: Diego Simeone
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Griezmann in Topform, TrainerSohn Giuliano trumpft auf
Clément Lenglet, von Barça ausgeliehener Verteidiger, verknüpft den Erfolg von Atlético eng mit Simeones Art, die Mannschaft im zwischenmenschlichen Bereich anzuleiten. "Er behandelt alle Spieler gleich. Er redet mit der Nummer 22 genauso lange wie mit der Nummer eins. Simeone holt alle ins Boot", sagte der Franzose.
Lenglets Landsmann Antonie Griezmann, wie Neuzugang Julian Álvarez derzeit in bestechender Form und Torschütze am Fließband, hat schon viele Jahre unter Simeone gespielt, ist aber wiederkehrend aufs Neue fasziniert. "Wir gehen für den Trainer durchs Feuer - egal, was passiert", sagte der 33-Jährige.
"Simeone ist der geborene Motivator. Die Spieler geben ihr Leben für ihn", sagt Experte Ordas: "Er spürt Spieler auf, die er dazu bringen kann, über ihrem Niveau zu spielen. Andererseits scheut er sich nicht, hoch veranlagte Spieler wie beispielsweise João Félix zu opfern, wenn es nicht passt."
Mit Giuliano Simeone spielt mittlerweile auch einer der Söhne des Trainers regelmäßig in der ersten Mannschaft. Etwaige Diskussionen über einen Familienbonus erstickt Leistungsprinzip-Fanatiker Simeone im Keim.
"Ich betrachte Giuliano als Fußallspieler. Ihn zu verpflichten, ist mit der Absicht geschehen, dass er uns helfen kann. Es ist ganz einfach: Wenn Giuliano mehr rennt als die anderen, spielt er. Rennt er weniger, spielt er nicht", sagte der Papa.
Simeone liebt die Leute und die Leute lieben ihn
Neben dem Filius hat Simeone einige andere Spieler erfolgreich in die Mannschaft integriert. Die Neuzugänge Conor Gallagher (24, vom FC Chelsea), Álvarez (24, von Manchester City) und Alexander Sörloth (25, vom FC Villarreal) haben voll eingeschlagen.
Doch auch in dieser Saison - und das ist ein wichtiges Element von Simeones Erfolgsformel - haben langjährige Atlético-Profis das Sagen auf und neben dem Platz. Mit Torhüter Jan Oblak, Ángel Correa und Griezmann gibt es drei Stammspieler, die jeweils über 400 Spieler für den Verein bestritten haben. Zudem wird Rekordspieler Koke (aktuell 662 Pflichtspiele) regelmäßig eingewechselt.
"Ich habe jeden Tag von Simeone als Trainer hier erlebt. Wie er diesen Verein seit über 13 Jahren lebt, ist einzigartig in der Welt des Fußballs. Er liebt die Leute und die Leute lieben ihn", schwärmt Koke vom Coach.
Manchmal tritt im Leben des besessenen Diego Simeone sogar der Fußball in den Hintergrund - aus Respekt und Liebe den Menschen gegenüber.
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