Hansi Flick führt den FC Barcelona mit toller Spielweise zum Double in Spanien: Erst verlacht, jetzt vergöttert
Hansi Flick hat in seiner ersten Saison beim FC Barcelona etliche Ausrufezeichen gesetzt – der vorzeitige Gewinn der spanischen Meisterschaft markiert den Höhepunkt einer Spektakel-Spielzeit. Dabei war Flicks Wechsel nach Katalonien - vor allem in Deutschland - argwöhnisch beäugt worden. Flick, der Graugans-Hansi, der Verlachte beim Weltklub? Das kann nicht gut gehen. Nun lacht niemand mehr.
Meisterparty auf den Straßen: Barcelona-Fans feiern Flick und Co.
Quelle: Eurosport
Im Moment des großen Triumphs verdunkelte sich Hansi Flicks Miene. Mit strengem Blick huschte er über den Rasen, um seine tanzenden Spieler zur Räson zu bringen.
Nach dem 2:0 des FC Barcelona beim Stadtrivalen Espanyol und dem damit verbundenen vorzeitigen Gewinn der spanischen Meisterschaft war Flick daran gelegen, die Party nach drinnen zu verlegen.
Zu präsent waren die Bilder aus dem Mai 2023, als die Blaugrana ebenfalls im RCDE Stadion Meister und im Anschluss während der Feierlichkeiten auf dem Platz von aufgebrachten Espanyol-Fans in die Katakomben gejagt worden waren. Das sollte sich an diesem Donnerstagabend nicht wiederholen. "Ich weiß, was vor zwei Jahren passiert ist, deshalb wollte ich lieber drinnen feiern", gab Flick später zu Protokoll.
In der Kabine entspannten sich Flicks Gesichtszüge schließlich, bei Bier und Champagner ließen sie ihn hochleben. Ihn, den "Architekten" des Erfolgs, wie die spanische Sportzeitung "Marca" titelte. Ihn, der seit seiner Ankunft laut "Mundo Deportivo" eine "Dampfwalze und Tormaschine geschaffen" habe.
Flick und Barcelona: Zum Scheitern verurteilt?
Spaniens Medien überschlugen sich, packten Superlativ um Superlativ aus - und das für einen Mann, auf den sie - wie die meisten Fans und Experten - im vergangenen Sommer keinen Pfifferling gegeben hatten. Trotz seines aberwitzigen Jahres 2020, in dem Flick mit dem FC Bayern nicht nur im Eiltempo sechs Titel eingeheimst, sondern auch den FC Barcelona 8:2 gedemütigt hatte.
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Als Bundestrainer nur mäßig erfolgreich: Hansi Flick
Fotocredit: Getty Images
Seine nicht sonderlich erfolgreiche Zeit als Bundestrainer, die im Vorrunden-Aus bei der WM 2022 inklusive Graugans-Rede gipfelte, hatte die Meriten aus Münchner Tagen zunichtegemacht, der Silberwaren-Sammler wurde plötzlich verlacht, galt mit einem Mal als überschätzt.
Umso überraschender mutete sein Engagement in Barcelona an. Ausgerechnet der mitunter hemdsärmelige Heidelberger soll - mit Heiko Westermann und Marcus Sorg im Gepäck - den notorisch klammen Chaos-Klub aus der schillernden Mittelmeer-Metropole wieder auf Vordermann bringen? Das würde doch niemals gut gehen!
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Flick nach Meisterschaft demütig: "Liegt nicht immer am Trainer"
Quelle: Perform
Und wie es gut ging. Flick und Barça schienen nur aufeinander gewartet zu haben, die Beziehung schwenkte schnell von Zweckehe auf leidenschaftliche Liaison mit Zukunftspotenzial. Der 60-Jährige belebte eine Truppe, die aus vielen talentierten Individualisten, aus schludrigen Genies bestand, formte eine risikofreudige Einheit, die das Wort "Pressing" neu definierte.
Flicks Abseitsfalle und Tormaschine
Keine Mannschaft verteidigt höher, kein Team lässt den Gegner so häufig ins Abseits rennen (240 Mal). Vorne mischen die Ausnahmekönner Lamine Yamal und der von Flick reanimierte Raphinha gemeinsam mit Robert Lewandowski sämtliche Abwehrreihen durcheinander.
97 Tore erzielte Barcelona nur in der Liga, in der Champions-League-Gruppenphase stellte Barça mit 28 Treffern nach acht Partien den mit Abstand gefährlichsten Sturm.
Auch Flicks Ex-Klub Bayern ging den Katalanen auf den Leim, fing sich vier Dinger (1:4). Noch schlimmer erwischte es in dieser Spielzeit jedoch Barcelonas Dauer-Kontrahenten um die Vormachtstellung auf der iberischen Halbinsel: Real Madrid.
Barcelona demütigt real madrid
Viermal traf Flick mit seinem Team auf die Königlichen, viermal behielt Barcelona die Oberhand. 4:0 und 4:3 in La Liga, 3:2 im Finale der Copa del Rey, 5:2 im Supercup. Eine Watschn-Quartett für ein Team, das zuvor die Königsklasse gewonnen und mit Kylian Mbappé den wertvollsten Spieler der Welt verpflichtet hatte.
Real strahlte Übermacht aus, doch im Blancos-Schatten entwickelte sich das wirkliche Monster, das von Sieg zu Sieg marschierte. "Es sollte Mbappés Liga sein, aber ein arbeitsloser Deutscher ist mit gefräßigen Veteranen und einem Haufen Kinder unter Lamines Führung durchgestartet", fasste die "as" treffend zusammen.
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FC Barcelona
Fotocredit: Other Agency
Meisterschaft, Copa- und Supercopa-Sieg, drei Titel in der ersten Saison. "Mit Barça muss man Titel gewinnen - und drei sind großartig", sagte Flick, der aber auch an den einzig echten großen Rückschlag in dieser Saison dachte: das dramatische Aus im Champions-League-Halbfinale gegen Inter Mailand (2:2, 3:4 n. V.), wonach er sehr "gelitten" habe. Sicherlich ein Wermutstropfen, angesichts der geringen Erwartungen aber rückblickend verkraftbar.
"Es gab nicht nur Zweifel an Flick, sondern auch am Kader generell", weiß La-Liga-Experte Jorge Ordas von Eurosport Spanien: "Die Mannschaft ist gespickt mit vielen unerfahrenen Youngstern, die Xavi Hernandez seiner Zeit nicht in Griff bekommen hat."
Flick sei es entgegen aller Voraussagen gelungen, "mit ruhiger Arbeit ein solides Team aufzubauen", sagt Ordas – und schiebt nach: "Sein Erfolg bestand darin, die jungen Spieler zu fördern, den Hunger der Arrivierten um Lewandowski und Frenkie de Jong neu zu entfachen und Raphinha aus seinem Leistungsloch zu ziehen."
"Der Beginn einer großen Ära"
Ordas abschließend: "Man hat das Gefühl, dass das, was in dieser Saison passiert ist, der Beginn einer großen Ära für Barcelona sein kann." Fakt ist: Flick hat den FC Barcelona, der nach eigenem Selbstverständnis "mehr als ein Klub" ist, zu alter Stärke verholfen, dem traditionell verwöhnten Publikum wieder Spektakel geschenkt.
Mittlerweile dürfte selbst dem größten Flick-Kritiker klar geworden sein, dass die Sextuple-Saison mit den Bayern kein Zufall war, dass das schwache Abschneiden der DFB-Elf in Katar weniger an Flicks Graugänsigkeit und viel mehr an den Spielern lag.
Mit den Eindrücken des vergangenen Jahres hat sich Flick nicht nur in beeindruckender Manier rehabilitiert, er hat sich in den Kreis der Trainer von Weltklasse-Format zurückkatapultiert.
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