Kylian Mbappé brachte es am 37. Spieltag so auf den Punkt: "Wenn wir die Meisterschaft nicht holen, dann haben wir sie verloren und nicht Lille sie gewonnen." Doch auch wenn der Frust des Superstars verständlich ist, seine Erklärung greift arg kurz.
Aber wie konnte es dazu kommen, dass der No-Name-Club aus Frankreichs Norden kurz davor steht, Serienmeister PSG abzulösen? Der Ex-Münchner Renato Sanches spielte dabei - entgegen der Erwartungen - keine große Rolle, sondern eine clevere Transferpolitik sowie allen voran Trainer Christophe Galtier.
Der Coach hat eine Einheit geformt, die enorme Stärken und ungewöhnliche Stars hat - einen 35-jährigen Türken, der eigentlich nur als Backup-Stürmer eingeplant war, einen unüberwindlichen Ex-Pariser und einen kanadischen Knipser.
Ligue 1
PSG verkürzt Abstand auf Lille - Showdown am letzten Spieltag
16/05/2021 AM 21:24
Wir nennen Euch die Gründe für den nicht enden wollenden Höhenflug der Bulldoggen.

Big points und Konstanz: Lille patzt (fast) nie

Vier Teams haben die Saison in Frankreich dominiert und liegen weit vor der Konkurrenz - und LOSC hat in den direkten Duellen gegen die drei Rivalen seine Klasse gezeigt, während PSG genau in diesen Duellen regelmäßig patzte.
PlatzTeamSpielePunkte
1.OSC Lille612
2.AS Monaco610
3.Olympique Lyon67
4.Paris Saint-Germain64
Besonders eindrucksvoll war dabei der Auswärtssieg in Lyon im letzten der direkten Duelle mit den Titelrivalen, als Lille am 34. Spieltag nach 0:2-Rückstand die Nerven behielt und noch mit 3:2 triumphierte.
Zwar hat PSG nach Siegen und in der Tordifferenz (25/+56) die Nase vor dem Tabellenführer (23/+40), jedoch leistete sich das Überraschungsteam nur drei Niederlagen, während das Starensemble acht Mal als Verlierer vom Platz ging. Und die alte Weisheit, dass die Defensive Meisterschaften entscheidet, könnte sich in Frankreich einmal mehr bewahrheiten.
Der Zaubersturm aus Paris war zwar kaum zu stoppen, doch ganz oben steht die beste Defensive der Ligue 1 mit bisher nur 22 Gegentoren. Der große Rückhalt dabei ist der inzwischen heiß umworbene Keeper Mike Maignan, der 21 Mal zu null spielte - und als einziger Spieler aus Lille in den französischen EM-Kader berufen wurde. Pikant: Ausgebildet wurde der 25-Jährige einst in Paris...

Mike Maignan - Lille OSC

Fotocredit: Getty Images

Sturm-Duo: Ungleich und eiskalt

Der Mann für die letztlich wohl entscheidenden Meistertore sollte eigentlich nur eine Notlösung: Doch Burak Yilmaz wurde vom Backup-Stürmer zum erfolgreichsten Torschützen des Teams mit bislang 15 Treffern.
In Erinnerungen werden vor allem seine Auftritte an den entscheidenden Spieltagen 34 und 36 bleiben: Gegen Lyon erzielte er nach 0:2-Rückstand mit einem wunderschönen Freistoß kurz vor der Pause den Anschlusstreffer, legte später für Sturmpartner Jonathan David zum Ausgleich auf und traf nach Vollsprint per Lupfer fünf Minuten vor Schluss zum 3:2-Auswärtssieg. Im Nord-Derby gegen RC Lens (3:0) brachte er sein Team per Doppelpack auf die Siegerstraße.

Burak Yilmaz - OSC Lille

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Maxime Dupuis von Eurosport Frankreich stellt daher klar: "Der Star des Teams ist die Mannschaft an sich und Trainer Galtier, aber es gibt auch einen Einzelkönner auf dem Feld, der heraussticht: Burak Yilmaz. Er ist die große Offenbarung der Mannschaft!"
Dabei schien der Oldie seine besten Tage schon hinter sich zu haben, als er von Besiktas Istanbul kam. Eigentlich sollte der 35-Jährige seine Erfahrung vor allem in der Kabine an eine junge Mannschaft weiterzugeben, insbesondere dem 23-jährigen Stürmer und Landsmann Yusuf Yazici.
Zu Saisonbeginn fiel Yilmaz eher mit Unbeweglichkeit und seinem Hang zu Abseitsstellungen auf, bevor er dann am 5. Spieltag erstmals traf und in den folgenden fünf Spielen fünf weitere Tore folgten. Nach kurzer Krankheit blieb er fünf Partien ohne Treffer, um dann wieder drei Spiele in Folge zu knipsen, bis ihn eine Wadenverletzung von Mitte Januar bis Mitte März außer Gefecht setzte: Entweder er hatte einen Lauf, oder er traf wochenlang nicht.
Aber da war ja dann noch Jonathan David, ein 21-jähriger Kanadier: Der schnelle und beidfüßige Stürmer steuerte bislang zwölf Ligatore bei und brach damit den Rekord für die meisten Treffer eines Kanadiers in einer der europäischen Top-Ligen (bisher Tomasz Radzinski für Everton).

Jonathan David

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Transfer-Coups in Serie: Campos zieht die Fäden

Um die Mannschaft noch besser zu machen als in der Corona-Saison 2019/2020 (Platz 4, Europa-League Qualifikation), setzte Sportdirektor Luis Campos im Sommer 2020 erneut seine legendäre Ein- und Verkaufspolitik in Gang. Vor dem Abbruch der Spielzeit war das Team so formstark, dass sie in einer regulären Saison wohl ohnehin auf das Podium gekommen wären.
Dabei gab es abgesehen vom Ex-Bayern-Star Renato Sanches keine großen Namen in der ambitionierten Mannschaft. Das sollte nach Auffassung des Portugiesen auch so bleiben. Er steht für clevere Transfers mit Namen, die erst in Lille oder kurz nach ihrem Abgang zu einem großen Verein international wahrgenommen werden.
So wie der Ex-Wolfsburger Viktor Osimhen, den der 56-Jährige in diesem Sommer für 81,3 Millionen Euro (inklusive Boni) zum SSC Neapel verkaufte, nachdem der Stürmer eine gute, aber eben keine außergewöhnliche Saison für die Lillois geliefert hatte. Als weiterer großer Transfer ging Innenverteidiger Gabriel für 28 Millionen Euro zum FC Arsenal.

Luis Campos, Lille

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Campos glänzte zuvor bereits bei der AS Monaco mit günstigen Käufen und später enorm hohen Ablösesummen wie von Bernardo Silva (2018 für 80 Millionen zu Manchester City) und Thomas Lemar (2017 für 70 Millionen zu Atlético Madrid).
Für Lille gelang ihm 2019 wohl der größte Deal der vergangenen Jahre: Nicolas Pépé verkaufte er für unglaubliche 80 Millionen zum FC Arsenal, nachdem der Ivorer seine erste gute Ligue-1-Saison absolviert hatte. Daher ist und bleibt das Stade Pierre-Mauroy ein Ort, wo Talente für Aufsehen sorgen und dann dank Campos für riesige Summen in die große Fußballwelt katapultiert werden.
Auch im Sommer 2020 sollten wieder die nächsten Pépés und Osmihens für die Doggen für vergleichsweise niedrige Ablösen verpflichtet werden: Sven Botman kam für acht Millionen aus der zweiten Mannschaft von Ajax, Yilmaz gar ablösefrei. Einzig in einen Osimhen-Ersatz wurde etwas mehr investiert: David kam nach 18 Toren und acht Vorlagen in 27 Spielen für den KAA Gent für die Rekordablöse von 27 Millionen Euro zum LOSC.

Der (wohl) Meistermacher: Christophe Galtier

Der Grundbaustein für den Erfolg der Lillois ist aber zweifelsohne ihr Trainer. Einer, der bisweilen grimmig und etwas zu verbissen rüberkommt, zu seiner Mannschaft jedoch ein anderes Gesicht zeigt.
Kurz vor dem Jahreswechsel von 2017/18 wurde der Franzose geholt, Lille befand sich damals mitten im Abstiegskampf. Auch dank Galtier hielten sie die Klasse und bereits in der folgenden Saison wurde deutlich, dass der 54-Jährige große Qualitäten hat: Er formte das Team dank Spieler wie Pépé zu einem Champions-League-Teilnehmer.

Christophe Galtier

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Die Doggen wurden Zweiter hinter PSG und schlugen diese am Saisonende mit 5:1. Schon damals ließ Galtier mit dem Fundament spielen, das jetzt die große Chance hat, zum ersten Mal seit 2011 wieder den Ligue-1-Titel nach Lille zu holen: Maignan im Tor, in der Innenverteidigung der heute 37-jährige José Fonte, der mit Portugal 2016 Europameister in Frankreich wurde, rechts neben ihm Zeki Celik, ein talentierter türkischer Rechtsverteidiger, der nun mit zur EM fährt.
Dazu kam als weiterer wichtiger Eckpfeiler in der Defensive im Sommer Sven Botman, ein 21-jähriger niederländischer Innenverteidiger mit überragenden Statistiken, der die gesamte Saison über sich hinauswächst und bei vielen großen Klubs genau beobachtet wird.
Galtier hat aus seinem Kader über die Saisons eine verschworene Einheit geformt: Im Mittelfeld laufen seit vielen Jahren die in der berühmten Jugendakademie von PSG ausgebildeten Jonathan Ikoné und Jonathan Bamba sowie Boubakary Soumaré auf, die ersten beiden wurden bereits von Nationaltrainer Didier Deschamps nominiert.
Die Stammelf des Lillois in der Saison 2020/21 komplettieren zudem Linksverteidiger Reinildo und Mittelfeldspieler-Routinier Benjamin André, der Sanches verdrängte.

Renato Sanches vom OSC Lille

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Denn Sanches ist fast die tragische Gestalt in der Erfolgstruppe: Lediglich einen Treffer im Oktober 2020 und zwei Vorlagen konnte der Europameister in dieser Saison beisteuern, wochenlang fiel er verletzt aus, stand nur dreizehn Spiele in der Startelf. Immerhin: In den EM-Kader Portugals für den Kampf um die Titelverteidigung wurde der 23-Jährige berufen.
Ob er dann im Gruppenspiel am 19. Juni gegen Deutschland als französischer Meister am Start ist, entscheidet sich am Sonntag - alle Spiele hier im Live-Scoring
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