Paris Saint-Germain in Sichtweite: Ehemalige Fahrstuhlmannschaft RC Lens mischt die Ligue 1 auf
Der Racing Club de Lens spielte zuletzt vor mehr als 20 Jahren in der Champions League, danach verkam der Klub aus dem Norden Frankreichs zur Fahrstuhlmannschaft, pendelte zwischen erster und zweiter Liga. Aktuell sorgt RCL allerdings für reichlich Furore, die Mannschaft von Trainer Franck Haise lehrt sogar dem Starensemble von Paris Saint-Germain das Fürchten. Wie es zum Höhenflug kam.
PSG in Lens geschlagen: Stadion wird zum Tollhaus
Quelle: Perform
Der letzte Champions-League-Auftritt des RC Lens fand am 13. November 2002, also vor über 20 Jahren, in Deutschland statt.
Im Münchner Olympiastadion ergatterten die Franzosen ein 3:3 gegen den FC Bayern, bei dem Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm zu ihren Profidebüts kamen. Am Ende schieden beide Mannschaften aus. Der deutsche Rekordmeister als Gruppenletzter, Lens durfte im UEFA-Cup weiterspielen.
Nach jenem Aufeinandertreffen hätten die Wege unterschiedlicher nicht verlaufen können. Die Bayern gewannen seither zweimal die Champions League, wurden etliche Male deutscher Meister und Pokalsieger, Lens versank nach und nach in der Versenkung.
Dreimal stiegen die Rot-Gelben zwischen 2009 und 2015 aus der französischen Ligue 1 ab, Lens wurde zum Inbegriff der Fahrstuhlmannschaft. 2020 profitierte der Traditionsverein davon, dass die Saison aufgrund der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen wurde. Lens stieg als Tabellenzweiter der zweiten Liga direkt auf.
Lens watscht PSG ab
Trainer Franck Haise und seine Mannschaft etablierten sich prompt und schlossen die ersten beiden Spielzeiten im Oberhaus jeweils auf Platz sieben ab. In der laufenden Saison sorgt das Team um den ehemaligen Augsburger Kevin Danso jedoch für deutlich mehr Furore, am Neujahrstag machte das Starensemble von Paris Saint-Germain unliebsame Bekanntschaft mit dem Underdog.
Lens brachte PSG mit einem 3:1 die erste Saisonniederlage bei und rückte als Tabellenzweiter auf vier Punkte an den Spitzenreiter aus der Hauptstadt heran. "Natürlich sind wir enttäuscht. Allerdings nicht so sehr aufgrund der Niederlage, sondern wegen der Art und Weise, wie wir die Tore kassiert haben. Wir haben verloren, weil es der Gegner verdient hat und wir nicht gut waren", sagte Paris-Trainer Christophe Galtier im Anschluss an die Partie.
"Lens war einfach besser als wir"
Kapitän Marquinhos, der sich im Vorfeld des zwischenzeitlichen 1:2 von Lois Openda (28.) hatte düpieren lassen, konstatierte nüchtern: "Lens war einfach besser als wir." Vielleicht auch, weil beispielsweise Weltmeister Lionel Messi und Neymar fehlten. Als Ausrede wollte Galtier die Abstinenz der beiden Superstars aber nicht gelten lassen.
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Kylian Mbappé (rechts/Paris Saint-Germain) während der Partie gegen RC Lens
Fotocredit: Getty Images
Immerhin war PSG mit Akteuren wie Gianluigi Donnarumma, Marquinhos, Sergio Ramos, Achraf Hakimi oder Kylian Mbappé nominell immer noch deutlich hochwertiger aufgestellt als der Gegner. Auf große Namen kann Lens nämlich im Gegensatz zu Paris keineswegs zurückgreifen.
Vom Schuhverkäufer zum Torjäger
Angreifer und Leistungsträger Florian Sotoca spielte beispielsweise im Alter von 26 Jahren noch in der vierten französischen Liga für Grenoble, nebenbei verkaufte er mit seinem Onkel Schuhe. Mittlerweile steht er bei sechs Saisontreffern nach 17 Spielen. Auch Trainer Haise wartet nicht unbedingt mit einem dekorierten Lebenslauf auf. Bis zur Übernahme der A-Mannschaft im Februar 2020 war er lediglich als Jugend- und Co-Trainer in Erscheinung getreten.
Laut Ligue-1-Experte Cyril Morin von Eurosport Frankreich ist Haise hauptverantwortlich für den Höhenflug. "Er spielt eine große Rolle. Neben Galtier war er wahrscheinlich schon in der vergangenen Saison der beste Trainer der Ligue 1. Er kam mit der Idee, mit einer Dreierkette und viel Intensität im Mittelfeld zu spielen. Er hat seiner Mannschaft einen klaren Plan an die Hand gegeben und alle Spieler, die in letzter Zeit zu Lens kamen, wurden zunächst detailliert gescoutet, damit sie in Haises taktisches Profil passen", sagt Morin.
Haise auf dem Weg zum Top-Trainer
Doch nicht nur aus sportlicher Sicht, auch auf der menschlichen Ebene verfüge Haise über enorme Qualitäten. Morin erklärt: "Er ist sehr nah an der Mannschaft und sehr beliebt in der Kabine. Er hat es geschafft, eine tolle Atmosphäre zu kreieren, er nimmt einfach jeden mit. Ich glaube, dass er sich in Zukunft zu einem absoluten Top-Trainer entwickelt."
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Franck Haise (M.) mischt die Liga mit seiner Mannschaft auf
Fotocredit: Imago
Neben Haise hebt Morin einige Schlüsselspieler hervor. "Besonders wichtig ist aus meiner Sicht Seko Fofana. Es ist wirklich überraschend, dass dieser Spieler mit seinen 27 Jahren noch nicht bei einem Champions-League-Klub angeheuert hat", sagt er. Morin schiebt nach: "Seit zwei Jahren zählt er zu den besten Mittelfeldspielern der Liga. Er ist das perfekte Beispiel für einen Box-to-Box-Spieler."
Auch Openda, Torhüter Brice Samba und Ex-Schuhverkäufer Sotoca seien laut Morin elementar für den Erfolg. "Openda ist ein sehr guter Stürmer, sehr schnell und kaltschnäuzig. Sein Tor gegen PSG (inklusive Marquinhos-Veräppelung, d. Red.) hat perfekt gezeigt, wie wichtig er für das Team ist."
Lens hofft auf die Champions League
Keeper Samba sei "in Frankreich ein großes Talent" gewesen, jedoch nach seinem Wechsel zu Nottingham Forest 2019 "etwas vom Radar verschwunden." Aktuell schicke er sich an, "der beste Torwart in dieser Saison" zu werden. Sotoca diene indes sinnbildlich für Lens. "Er ist ein absoluter Teamspieler und hat großen Einfluss auf das Spiel." Ebenfalls nicht zu verachten ist die Defensivabteilung. Lens stellt mit lediglich elf Gegentoren die beste Verteidigung der Liga.
Die leidenschaftlichen Anhänger haben längst die Hoffnung geschöpft, erstmals seit 1998 wieder den Meistertitel in der kleinen Industriestadt feiern zu dürfen. Und sollte das nicht funktionieren, dann darf doch wenigstens die erste Champions-League-Teilnahme nach über 20 Jahren eingetütet werden. Und wer weiß? Vielleicht kreuzen sich sogar die Wege mit dem FC Bayern.
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PSG nach erster Pleite schonungslos: "Wir waren nicht gut"
Quelle: Perform
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