"Ärger!"
Liverpool-Trainer Brendan Rodgers grinste, als er auf eine Journalistenfrage antwortete, was sein Neuzugang Mario Balotelli dem Team denn würde bringen können.
Hätte der heutige Leicester-Coach in die Zukunft sehen können, ihm wäre wohl weniger zum Lachen zu Mute gewesen. Denn sein 20 Millionen Euro teurer neuer Stürmer sollte nie wirklich an der Anfield Road ankommen. Ganz im Gegenteil.
Bundesliga
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Doch davon war im August 2014 noch keine Rede.

Das Experiment geht nach hinten los

Zunächst einmal plante Rodgers die Zukunft seiner Reds. Gerade erst hatte er einen heftigen Einschnitt hinnehmen müssen. Mit Luis Suárez hatte der unumstrittene Offensiv-Star den Abflug gemacht - zu Lionel Messi und dem FC Barcelona.
Liverpool sondierte also den Markt und entschied sich für eine Doppel-Lösung in der Nachfolgefrage. Zusammen mit Rickie Lambert sollte Balotelli die Kohlen aus dem Feuer holen. Und der Italiener vom AC Mailand schien dabei ein echtes Schnäppchen zu sein.
Immerhin 30 Tore in 54 Pflichtspielen hatte der Nationalspieler bei den Rossoneri zu Stande gebracht. Rodgers versprach sich viel vom damals 24-Jährigen. Er sollte bitter enttäuscht werden.
Balotelli konnte nie an seine Top-Form anknüpfen. 28 Mal lief er für Liverpool auf. Nur vier Mal trug er sich in die Torschützenliste ein. Viel schlimmer noch: Der Italiener war so schlecht integriert, ihm gelang kein einziger Assist.
Sein Marktwert fiel in dieser Zeit um 76 Prozent. Bezeichnend.

Mario Balotelli

Fotocredit: Imago

Balotelli erkennt Mitspieler nicht

Die Zeit des Stürmers an der Anfield Road war von vielen kuriosen Anekdoten durchzogen. Dinge, die im Nachhinein lustig klingen, seine Mitspieler aber regelrecht zur Weißglut trieben.
So soll seine Angewohnheit zu rauchen für heftiges Kopfschütteln gesorgt haben. Immer wieder mussten ihn seine Kollegen an einer, nahe dem Trainingsgelände in Mellwood gelegenen, Tankstelle rauslassen, damit er "Kippen" kaufen konnte.
Überhaupt fuhr Balotelli oft bei den anderen Reds-Stars mit - weil er seinen Führerschein verloren hatte. Ohne Auto war der Italiener dermaßen oft zu spät zum Training gekommen, dass man eine Art Abholservice für ihn etablierte.
Bei einer dieser Fahrten saß auch Joe Allen mit im Wagen. Balotelli erkannte seinen Mitspieler aber nicht, obwohl sie schon seit Monaten zusammenspielten.
Er hat das Potential zur Weltklasse, aber die wird er nie erreichen.
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Steven Gerrard soll auch wegen dieser "Ausrutscher" kein großer Fan seines Kollegen gewesen sein. In seiner 2015 erschienenen Biografie "My Story" plauderte die Vereinslegende aus dem Nähkästchen.
"Untrainierbar" sei der junge Italiener. Talentiert, aber eben absolut untrainierbar.
"Seine Einstellung passte einfach nicht", schrieb Gerrard. Und weiter: "Er hat das Potenzial zur Weltklasse, aber wegen seiner Mentalität und den Menschen, mit denen er sich umgibt, wird er sie nie erreichen.
Balotelli sei immer zu spät und müsse immer im Mittelpunkt stehen, klagte der damalige Kapitän.
Harte Worte.

Mario Balotelli und Steven Gerrard

Fotocredit: Eurosport

Einmal Milan und zurück

"Balotelli hatte damals seine beste Zeit schon hinter sich, obwohl er noch so jung war", erinnert sich Davide Bighiani, Experte für italienischen Fußball bei Eurosport in Mailand. "Das war rund um die Europameisterschaft 2012, als er Deutschland im Halbfinale mit zwei Toren fast im Alleingang besiegte."
Auch deshalb, ist sich Bighiani sicher, sei der Deal mit Liverpool für den AC Milan "kein großer Einschnitt" gewesen. Besonders, weil der Stürmer nach einem Jahr ganz in Rot plötzlich wieder bei den Rossoneri auf der Matte stand.
Für die Saison 2015/2016 nahm der italienische Spitzenklub seinen verlorenen Sohn wieder auf. 23 Spiele und drei Tore später schickte man ihn zurück. Auch weil Balotelli auf eine neue Chance in Liverpool pochte.

Klopp übernimmt und lässt Balotelli links liegen

Denn es hatte sich etwas verändert. Mitten in Balotellis Leihe hatten sich die Kräfteverhältnisse im Klub massiv verschoben. Jürgen Klopp hatte die Geschicke als Teammanager von Rodgers übernommen.
Der Italiener bewunderte den Deutschen und wollte ihn unbedingt von sich und seinen Fähigkeiten überzeugen. Balotelli wollte Teil der "neuen Reds" sein, ahnte wohl, dass unter der Leitung des ehemaligen BVB-Coaches etwas Großes entstehen würde. Also stand er pünktlich zum Trainingsbeginn im Sommer 2016 wieder da.
Klopp hatte sich sein Bild allerdings längst gemacht. Er hielt nicht viel von der Arbeitseinstellung des Stürmers, er plante sein Team ohne Balotelli.
Den Plan, ihn zu verkaufen, teilte man dem Enfant Terrible unmissverständlich mit: Während die erste Mannschaft zur Vorbereitung in die USA flog, musste Balotelli in Liverpool mit dem U18-Team trainieren.

Ein Lehrstück für die Nachwuchsteams

In seiner ersten Session mit den Jungstars soll der Italiener daraufhin dermaßen abgeliefert haben, dass ein Jugendspieler im Nachhinein vom "besten Training, dass ich in meinem ganzen Leben gesehen habe", sprach.
Balotelli soll so gut gewesen sein, dass der damalige U21-Trainer Michael Beale daraufhin alle Jugendmannschaften zusammenrief, um sie einzuschwören. Motto der Botschaft: Wenn selbst ein solch brillanter Spieler keine Chance bei den Profis habe, hätten alle Anwesenden viel Arbeit vor sich.

Mario Balotelli

Fotocredit: Eurosport

Es sollte rückblickend wohl seine größte Leistung im Trikot des FC Liverpool gewesen sein. Kurz vor Ende des Sommertransferfensters 2016 wechselte Mario Balotelli nach Nizza. Der missglückte Rodgers-Transfer aus dem Sommer 2014 war nun endgültig behoben.
Mittlerweile spielt er wieder in Italien. Für Brescia Calcio. Talent hat er noch immer. Für den ganz großen Durchbruch hat es aber nie gereicht.
Der Top-Fußball wird von seinen Superstars geprägt. Besonders dann, wenn sie den Verein wechseln, wird der Einfluss der Ausnahmespieler sichtbar. Eurosport.de blickt auf die Transfers, die die Kräfteverhältnisse in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig veränderten, oder eben nicht. Alle bisherigen Teile der Serie(n) kannst Du hier lesen:
Transfers, die grandios scheiterten:
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