FC Liverpool: Kapitän Jordan Henderson der Erfolgsgarant des Meisters

Mohamed Salah, Sadio Mané, Virgil van Dijk - Liverpools erste Meisterschaft seit drei Jahrzehnten hat viele Gesichter. Ein Leistungsträger findet im Starensemble jedoch nur selten Beachtung: Jordan Henderson. Der Reds-Kapitän spielte eine herausragende Saison und trug in vielerlei Hinsicht zum Erfolg seines Teams bei. Dabei hatte er in seiner Anfangszeit in Anfield beileibe keinen leichten Stand.

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Es gab Zeiten, da lachten die Leute auf der Insel über Jordan Henderson. Zu langsam, zu unkreativ, zu medioker - eben einfach nicht gut genug, um ein ganz Großer zu werden. Für Liverpool würde es aber trotzdem - oder gerade deswegen - reichen. Da waren sich die Experten einig.
All das wirkt wie ein Blick in eine ferne Vergangenheit. Es mutet unrealistisch an, dass irgendjemand einmal diese Meinung vertreten haben könnte. Vom Jordan Henderson des Jahres 2020, dem Kapitän des englischen Meisters und amtierenden Champions-League-Siegers, kann hier jedenfalls nicht die Rede sein.

United-Ikone Ferguson lehnte Henderson-Transfer einst ab

Als Henderson 2011 in Liverpool ankam, wurde bereits zum damaligen Zeitpunkt oft vergessen, dass er einer der aufregendsten jungen Spieler in England war, der sich beim FC Sunderland einen Namen als Flügelspieler gemacht hatte.
Der Neuzugang war jedoch nie mit explosivem Tempo gesegnet. Der legendäre Teammanager von Manchester United, Sir Alex Ferguson, hatte zudem eine weitere Erklärung, warum die Red Devils einst auf einen Transfer des Talents verzichteten, ehe er zum großen Rivalen von der Merseyside wechselte.
"Wir haben viel in Jordan Henderson gesehen und Steve Bruce war ausnahmslos begeistert von ihm", schrieb Ferguson in seiner Autobiografie 2013. "Trotzdem haben wir uns letztlich gegen ihn entschieden, da uns aufgefallen ist, dass er zu sehr aus seinen Knien heraus läuft. Der moderne Fußballer hingegen läuft mehr aus seinen Hüften. Wir dachten daher, dass er mit seinem Laufstil später in seiner Karriere einmal große Verletzungsprobleme bekommen wird."
Es kristallisierte sich jedoch schnell heraus, dass Hendersons Zukunft in Liverpool im Zentrum liegen würde, was es für den Hoffnungsträger jedoch alles andere als einfacher machte.

Liverpool: Gerrard-Erbe große Bürde für Henderson

Zu lange machte Henderson den Anschein, als wollte er unbedingt ein Klon von Steven Gerrard sein. Er versuchte über weite Strecken, alles zu kopieren, was seinen damaligen Kapitän auszeichnete: Von den langen Diagonalpässen über die spektakulären Tacklings bis hin zur Torgefahr.
Einfach ausgedrückt: Der junge Mann tat schlichtweg zu viel und versuchte mit allen Mitteln, die massive Lücke zu füllen, die die Klub-Ikone hinterlassen hatte.
Dabei war Liverpool bei Weitem nicht der erste Verein, der anfängliche Probleme damit hatte, einen derartigen Schlüsselspieler zu ersetzen - und sie werden auch nicht der Letzte sein. Es ist daher schlichtweg eine Schande, dass die Bürde des Gerrard-Abgangs fast vollständig auf die Schultern von Henderson geparkt wurde.
Mittlerweile hat sich das Blatt jedoch komplett gewendet: Der englische Nationalspieler hat sein Offensivspiel mit nahezu perfekter Effizienz verfeinert. Unter Jürgen Klopp und Vorgänger Brendan Rodgers fand er zunehmend seine Rolle im Team und versuchte fortan nicht mehr, die komplette Last seines Vorgängers alleine zu schultern.
Klopps teambasiertes System passt derweil perfekt zu ihm, da es nicht zu viel von einem Einzelnen fordert, sondern stattdessen das Kollektiv in den Vordergrund rücken lässt.

Hendersons beispiellose Entwicklung zum Anführer

Es spricht Bände über Hendersons Charakter, dass er trotz der Anfangsschwierigkeiten eine solche Entwicklung genommen hat und sich dabei nahezu komplett in den Dienst der Mannschaft stellte. Auch wenn dies für ihn als Box-to-Box-Spieler manchmal bedeutet, defensiver zu agieren, als es ihm wahrscheinlich lieb ist.
Was den Reds-Kapitän im Vergleich zu seinen Kollegen besonders auszeichnet, ist das Verständnis, das er sowohl mit seinen Angreifer als auch mit seinen Verteidigern (insbesondere mit Eigengewächs Trent Alexander-Arnold) an den Tag legt, gepaart mit seinen traumhaften Zuspielen aus dem Mittelfeldzentrum.
Zudem trat er in der laufenden Saison bereits dreimal als Torschütze in Erscheinung und damit so oft, wie den vergangenen drei Spielzeiten zusammen.
Den Einfluss, den der 30-Jährige darüber hinaus auf mentaler Ebene auf dieses Team hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Obwohl er sich in vielerlei Hinsicht von Gerrard unterscheiden mag, erinnert seine Sturheit und Willenskraft unheimlich an den ehemaligen Kapitän, womit er die gesamte Mannschaft mitreißt.
So überrascht es kaum, dass Henderson bei Liverpools erster und bislang einziger Niederlage in der laufenden Premier-League-Saison (0:3 gegen den FC Watford) schmerzlich vermisst wurde.

Henderson: Bester Spieler der Saison?

Und obwohl sich die Reds als amtierender Titelträger bereits im Achtelfinale der Champions League verabschieden mussten und letztlich auch keine ungeschlagene Premier-League-Saison vorweisen können, sind sie immer noch auf dem besten Weg, als eines der größten Teams der Neuzeit einzugehen.
All dies unter der Führung eines Mannes, der lange als Sinnbild der jahrelangen Durststrecke herhalten musste.
Sicherlich kann man argumentieren, dass Sadio Mané mit seinen zahlreichen spielentscheidenden Toren besonders zahlentechnisch eine bessere Saison hatte und auch Virgil van Dijk als Abwehrchef über die komplette Spielzeit brillierte. Trotzdem war die laufende Saison in vielerlei Hinsicht die Saison von Henderson.
Dies war die Saison, in der er sich wirklich zu einem der weltweit besten Mittelfeldspieler etablierte und seine Bedeutung für die Klopp-Elf, trotz der teuren Transfers von Naby Keïta und Fabinho, nachhaltig unterstrich.
In der jüngeren Vergangenheit gab es mit Sicherheit eindeutigere Kandidaten für die Auszeichnung "Spieler des Jahres" - dies könnte jedoch genau der größte Trumpf von Henderson sein. Schließlich stand in jener Saison kein Einzelkönner im Vordergrund, sondern ein Kollektiv, was wieder einmal beweist, wie wichtig jedes einzelne Zahnrad in einer gut geölten Maschine ist.
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