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Vier Jahre Liverpool: Was "The Normal One" noch fehlt

Vier Jahre Liverpool: Was "The Normal One" noch fehlt

09/10/2019 um 06:36Aktualisiert 09/10/2019 um 08:36

Vor genau vier Jahren stellte der FC Liverpool Jürgen Klopp als neuen Trainer vor. In einer bemerkenswerten Regierungserklärung zeigte der Coach damals seine Visionen auf und lieferte eindrückliche Zitate, die sein Wirken seither stets begleiteten. Was "The Normal One" bisher bewegt hat, welche Versprechen er hielt und was noch fehlt - der Klopp-Check zum Vierjährigen.

Jürgen Klopp wirkte hagerer als heute und ja, auch ein bisschen ausgeruhter. Ob es nur am Bart liegt?

Am 8. Oktober 2015 um 20:58 Uhr Ortszeit setzte der FC Liverpool einen Tweet ab, der es in sich hatte: 67.800 Retweets, 46.600 Likes.

Inhalt: Jürgen Klopp wird neuer Trainer der Reds.

Tags drauf gab der Ex-BVB-Trainer in Liverpool eine Art Regierungserklärung ab. Ein Satz daraus hat ihn lange begleitet, bis vergangenen Sommer, als Liverpool die Champions League gewann.

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in vier Jahren einen Titel gewonnen haben", hatte Klopp damals gesagt - und im Juni in Madrid mit dem 2:0 im Finale gegen Tottenham Hotspur (endlich!) Wort gehalten.

Was er damals sonst noch sagte, welche Versprechen er hielt und was noch offen ist - der Klopp-Check exakt vier Jahre nach Amtsantritt.

Die Sache mit den Titeln

Was Klopp gesagt hat:

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in vier Jahren einen Titel gewonnen haben."

Klopp wird sich in den ersten drei Jahren in Liverpool wohl ein paar Mal gefragt haben, ob er diese Aussage wird bestätigen können.

Was Klopp umgesetzt hat: Drei verlorene Endspiele (League Cup 2016, Europa League 2016, Champions League 2018) musste der Coach über sich ergehen lassen, ehe er im Sommer doch seinen ersten Titelgewinn mit den Reds perfekt machte - und hinterher erleichtert, wenn auch nicht übertrieben euphorisch wirkte.

Was Klopp weiß: Der Gewinn der Meisterschaft wird in Liverpool sogar noch höher eingestuft als ein Champions-League-Triumph. Bereits seit 1990 warten die Reds-Fans auf den Meistertitel, vergangene Saison scheiterte der LFC mit nur einer Niederlage und der besten Saisonbilanz jemals (97 Punkte) denkbar knapp an Manchester City (98).

Nun hat man nach acht Spieltagen bereits ebenso viele Punkte Vorsprung, mit einem weiteren Dreier hätte man den Startrekord des FC Chelsea (2005/06) eingestellt. Doch Klopp bleibt cool, sagt: "Die Situation macht uns nicht nervös. Wir kümmern uns nicht um die Siegesserie. Wir gehen raus auf den Platz und wollen gewinnen. Das sieht man den Jungs auch an."

Fazit: Versprechen eingehalten - aber der Meistertitel fehlt noch zur Krönung.

Klopp - Tottenham-Liverpool

Klopp - Tottenham-LiverpoolGetty Images

Die Sache mit dem Vollgas-Fußball

Was Klopp gesagt hat:

"Die Mannschaft muss Vollgas geben und ans Limit gehen - in jedem Spiel."

Bei seinem Amtsantritt machte der Coach eines klar: Es muss sich einiges auf dem Platz ändern, damit die Fans wieder hinter dem Team stehen. Er wolle "Kampfgeist, viele Sprints, viele Torschüsse" sehen. Gute Ergebnisse seien am Ende nur das Resultat des gesteigerten Aufwands. Denn: "Unsere Aufgabe ist es, die Fans ihre Probleme für 90 Minuten vergessen zu lassen. Dafür lebe ich."

Was Klopp umgesetzt hat: Das, was er versprochen hat. Mit ihm hielt eine neue Liverpool-Mentalität auf dem Platz Einzug, das Mehr an Leidenschaft gegen den Ball ging einher mit einem aggressiven Spielstil mit dem Ball. "Ich will all das sehen, was Fußball interessant macht", hatte Klopp im Oktober 2015 gesagt und das von seinem Team auch immer wieder eingefordert: "Es geht um Emotion, Geschwindigkeit."

Dortmund bekam im Frühjahr 2016 beim irren 4:3-Sieg der Reds nach 1:3-Rückstand in der Europa League schon einen Vorgeschmack, das 4:0 in der vergangenen Saison gegen den FC Barcelona im Halbfinale der Champions League (nach 0:3-Hinspielniederlage) war das Meisterstück der Klopp'schen Tugenden.

Fazit: Versprechen voll erfüllt.

Liverpool-Barcelona: Divock Origi jubelt

Liverpool-Barcelona: Divock Origi jubeltGetty Images

Die Sache mit den Transfers

Was Klopp gesagt hat:

"Ich möchte bei Transfers das erste und das letzte Wort haben - mehr nicht."

Auf dem Transfermarkt hatte Liverpool in den Jahren zuvor schließlich allerhand Unfug angestellt (z.B. Benteke, Balotelli, Aspas, Carroll) und dafür eigens ein zunächst skeptisch betrachtetes "transfer committee" gegründet. Große Ansprüche hatte Klopp zunächst nicht: "Ich brauche keinen Ronaldo oder Messi", sagte er. Nur die "richtigen" Spieler, um seinen Stil umzusetzen.

Was Klopp umgesetzt hat: Natürlich traf nicht jeder Liverpool-Transfer seit 2015 ins Schwarze - die Bundesliga-Importe Loris Karius oder Ragnar Klavan blieben beispielsweise ihre Premier-League-Tauglichkeit schuldig, Naby Keita (2018/60 Mio. Euro/Leipzig) fehlt immer noch die Konstanz, Alex Oxlade-Chamberlain (2017/38 Mio./Arsenal) konnte sein Potenzial auch noch nicht voll entfalten.

Bei anderen Spielern war der Riecher jedoch goldrichtig eingestellt: Joel Matip ablösefrei vom FC Schalke 04 zu verpflichten, bezeichnete Klopp vor kurzem als "wirtschaftlich den vielleicht besten Transfer der letzten Jahre". Auch bei Andrew Robertson (2017/9 Mio./Hull), Xherdan Shaqiri (2018/15 Mio./Stoke) oder Georginio Wijnaldum (2016/28 Mio./Newcastle) stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis.

Größere Summen für Sadio Mané (2016/41,5 Mio./Southampton), Mohamad Salah (2017/42 Mio./Roma), Virgil van Dijk (2018/84,5 Mio./Southampton) und Alisson Becker (2018/62,5 Mio./Roma) auszugeben, zahlte sich zudem ebenfalls voll aus.

Was weiß Gott nicht allein Klopps Verdienst ist: So hatte das "transfer committee" um Sportdirektor Michael Edwards schon im Sommer vor der Klopp-Verpflichtung mit den Transfers von Roberto Firmino (41 Mio./Hoffenheim) und James Milner (ablösefrei/Manchester City) im Sommer 2015 zwei echte Volltreffer gelandet.

Fazit: Das "transfer committee" hat sich in der Klopp-Ära voll rehabilitiert.

Virgil van Dijk - FC Liverpool

Virgil van Dijk - FC LiverpoolImago

Die Sache mit "The Normal One"

Was Klopp gesagt hat:

"Ich bin ein normaler Typ aus dem Schwarzwald. Meine Mutter ist sehr stolz auf mich. Ich bin 'The Normal One'."

Eine Aussage, die ihm spontan gekommen ist, wie Klopp später verriet. Dass seine Replik auf "The Special One", den damaligen Manchester-United-Coach José Mourinho, so gut bei den eigenen Fans ankommt, dass diese davon sogar T-Shirts drucken ließen, damit hatte er nicht gerechnet.

The Normal One - das T-Shirt

The Normal One - das T-ShirtEurosport

Was Klopp umgesetzt hat: Der Deutsche verstand es von Anfang an sehr gut, mit seiner Art und Ausstrahlung die Aufmerksamkeit von der Mannschaft weg auf sich selbst zu lenken - ohne dabei auch nur ansatzweise so großmäulig wie Mourinho rüberzukommen.

"Erwartungen können ein Problem sein, ein echter Rucksack", hatte Klopp schon zu Amtsantritt gesagt. Seine authentische Art und sein von Beginn an charmant-gutes Englisch halfen dabei, sich selbst stets gut in Szene zu setzen und so seinen guten Ruf, den er bereits in Deutschland genoss, auch auf die Insel zu transportieren.

Fazit: Klopp ist Kult - nun auch in England. Und bei den Reds-Fans nur noch eine Stufe unter dem legendären Bill Shankly.

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