Im Jahr 2002 bezahlte Manchester United satte 46 Millionen Euro für Rio Ferdinand, einen 24-jährigen Innenverteidiger von Leeds United. Ein Ablöserekord, der trotz fortlaufender Überhitzung des Transfermarktes ganze achteinhalb Jahre halten sollte. Erst im Januar 2011 wurde in England erstmals die 50-Millionen-Euro-Marke durchbrochen.
Der amtierende Meister FC Chelsea überwies 58,5 Millionen Euro für Liverpools Stürmerstar Fernando Torres. Eine Summe, die in der Liga für Verwunderung sorgte und der "El Niño" in seinen dreieinhalb Jahren als Teil der Blues nie gerecht wurde.
Wir konnten nicht glauben, dass wir 50 Millionen Pfund bekommen.
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"Wir waren in einem Schockzustand", schilderte Jamie Carragher in einer von "SkySports" organisierten Video-Schalte mit dem ehemaligen Chelsea-Verteidiger John Terry den Gemütszustand im Lager der Reds, als der Transfer publik wurde. Verwunderlich ist dabei, dass die Schockstarre nicht Torres' Abgang an sich zugrunde lag, sondern schlicht der Höhe der Ablösesumme.

Fernando Torres im Trikot des FC Liverpool gegen seinen späteren Arbeitgeber FC Chelsea

Fotocredit: Eurosport

Natürlich habe man den Abgang von "El Niño", der laut Carragher über einen Zeitraum von 18 Monaten sogar "der beste Stürmer der Welt" gewesen sei, bedauert. "Aber wir konnten nicht glauben, dass wir 50 Millionen Pfund (58,5 Millionen Euro) bekommen."
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Laut dem damaligen Teamkollegen habe sich Chelsea von Torres' persönlicher Bilanz gegen die Blues blenden lassen. Eine These, die Terry stützte: "Aus Chelsea-Sicht war er einer der Spieler, gegen die ich es hasste, zu spielen. Es schien so, als würde er immer gegen uns treffen.” Zuletzt tat Torres das im November 2011, als er die Londoner mit einem Doppelpack beim 2:0-Sieg im Alleingang erledigte.
Laut Carragher sei Torres dennoch in den vergangenen zwölf Monaten ein "Schatten seiner selbst" gewesen und Liverpool habe Chelsea mit dem Transfer "veralbert".

FC Chelsea wartet auf den "wahren Torres"

Ob die Blues sich nun veralbert fühlten oder nicht, die Millionen in den Spanier muss Öl-Oligarch Roman Abramowitsch als klare Fehlinvestition verbuchen, denn im blauen Trikot des FC Chelsea fand Torres nie wieder zu seiner Form. Nach seinen seltenen Erfolgserlebnissen fragte sich die englische Presse, ob "der wahre Torres zurück" sei. Anfangs durchaus ernst gemeint, entwickelte sich in den kommenden Jahren eine Art Running-Gag aus dieser Frage.
Der heute 36-Jährige, der im vergangenen Jahr seine Karriere bei Sagan Tosu in der japanischen J-League beendete, schoss Spanien im EM-Finale 2008 gegen Deutschland zum Titel und erzielte 65 Tore in 102 Premier-League-Spielen für Liverpool. Für Chelsea traf er in keiner seiner drei vollen Spielzeiten zweistellig, kam in insgesamt 110 Premier-League-Spielen auf nur 20 Tore.

Fernando Torres: Immer wieder Knieprobleme

Die Antwort auf die Frage, wann und wo der "wahre Torres" verschwunden war, konnte nie abschließend geklärt werden. Fakt ist: Der Torres, der Philip Lahm im Finale von Wien im Jahr 2008 mit einem unnachahmlichen Sprint stehen ließ wie einen Schuljungen, um anschließend zum spanischen Volkshelden aufzusteigen, als er den Ball vorbei an Jens Lehmann ins Tor schob, kam in London nie an.
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Ein Erklärungsansatz ist, dass die biologische Uhr nicht bei jeder Mann in gleichem Tempo tickt. Bei Torres schienen Physis und Spritzigkeit schneller zu vergehen als beim Durchschnittsspieler. Schon in seiner letzten Saison in Liverpool plagte sich der Stürmer mit immer wiederkehrenden Knieproblemen herum, worunter sein Tempo litt. Das kann mit mangelnder Trainings-Disziplin zu tun haben, doch von einer solchen berichtete keiner seiner Trainer, zu denen u.a. Größen wie Carlo Ancelotti und José Mourinho zählten.

Fernando Torres beim FC Chelsea

Fotocredit: Getty Images

"The Special One" mutmaßte im Jahr 2013, dass es "mit seinem Selbstvertrauen als Torschütze nicht zum Besten bestellt" sei. Immerhin würden alle Augen auf ihm ruhen, "und wenn er einmal das Tor nicht trifft, erinnert sich jeder dran." Eine Zeit, zu der das Kind (El Niño) jedoch längst in den Brunnen gefallen war.
Im Januar 2015 verließ Torres schließlich die Stamford Bridge. Sein Marktwert war da schon rapide gesunken. Der AC Mailand schlug für sieben Millionen Euro zu, verlieh den Torjäger jedoch direkt weiter an seinen Jugendverein Atlético Madrid. Nach eineinhalb Jahren wechselte der Spanier im Alter von 34 Jahren endgültig ablösefrei zurück in die spanische Hauptstadt - seine letzte Station in Europa.
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