Seit der Amtsübernahme von Thomas Tuchel geht es wieder bergauf mit dem FC Chelsea. Einigen überzeugenden nationalen Auftritten gegen mäßige Gegner folgte kürzlich der erste Härtetest – auswärts bei den Defensivkünstlern von Atlético Madrid. Chelseas souveräner 1:0-Erfolg im Wanda Metropolitano ist die Bestätigung dessen, was sich in den vergangenen Wochen schon abgezeichnet hat: Chelsea ist auf Kurs.
In Tuchels acht Pflichtspielen als Coach der Blues stehen sechs Siege und zwei Remis zu Buche – und das bei 10:2 Toren.
Tuchel hat sich taktisch auf eine Grundordnung festgelegt, die sich am besten als 3-4-2-1 bezeichnen lässt. Im Aufbauspiel fächern die drei Innenverteidiger weit auf, stehen dabei aber nicht auf einer Linie. Antonio Rüdiger und César Azpilicueta stehen höher als Mittelmann Andreas Christensen. Der Däne, der den deutschen Fans bestens aus seiner Zeit in Mönchengladbach bekannt sein dürfte, gibt den Ruhepol und verteilt die Bälle auf seine Nebenmänner mit Offensivdrang.
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27/02/2021 AM 19:33
Sowohl Rüdiger als auch Azpilicueta haben Tuchels Anforderungen an einen Innenverteidiger in einer Dreierkette bestens verinnerlicht: Nach Christensens Anspielen nehmen sie sofort Tempo auf und schieben ins Mittelfeld vor. Dabei sieht man ganz klar, wie sehr Tuchel Wert auf die Ballannahme legt: Diese geschieht bei den offensiv ausgerichteten Verteidigern immer so, dass der Ball nicht "totgestoppt", sondern nach vorne mitgenommen wird. Mit dem zweiten Ballkontakt kann also direkt der nächste Pass gespielt werden.
Direkt vor der Dreierkette agieren mit Jorginho und Mateo Kovacic nominell zwei Sechser. Da Kovacic jedoch bei Ballbesitz weiter nach vorne schiebt und sich wie ein Achter oder gar Zehner verhält, bleibt nur Jorginho vor der Abwehr. Zusammen mit den drei Innenverteidigern wird so eine Raute im Aufbau gebildet.

Andreas Christensen agiert beim FC Chelsea als Ballverteiler

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Asymmetrie erinnert an Tuchels BVB

Dribbelt Rüdiger oder Azpilicueta auf der einen Seite an, zeigt sich Jorginho auf der Sechs immer als sichere Anspielstation für den Fall, dass es keine offensive Lösung gibt. Mit seiner guten Übersicht und seiner herausragenden Technik in engen Räumen kann er sich auch unter Druck lösen und das Spiel verlagern.
Auf der linken Seite spielt mit Marcos Alonso ein Außenverteidiger am Flügel, hinter ihm spielt Innenverteidiger Rüdiger links in der Dreierkette. Auf der rechten Seite hingegen übernimmt Außenstürmer Callum Hudson-Odoi den Flügel, dahinter agiert mit Azpilicueta jedoch ein gelernter Außenverteidiger.
Je nach Gegner und Spielsituation kann Tuchel mit einfachen Kommandos dafür sorgen, dass Chelsea mit einer Viererkette spielt, in der jeder auf seiner gelernten Position zum Einsatz kommt – Alonso links, Rüdiger und Christensen innen, Azpilicueta rechts. Schon beim BVB hat Tuchel die Positionen im 3-4-2-1 mit diesen Spielertypen besetzt und so für große Flexibilität gesorgt.
Sowohl Alonso als auch Hudson-Odoi haben die Aufgabe, den jeweiligen Flügel in der Offensive allein zu bearbeiten – und das kommt ihnen entgegen. Alonso ist schon immer ein Außenverteidiger mit großem Offensivdrang gewesen, der jedoch Schwächen im Kombinationsspiel auf engem Raum hat. Nun ist die Seite meistens freigeräumt und er kann mit seiner herausragenden Dynamik und seinem cleveren Timing in die großen Räume vorstoßen.

Kreativität und Flexibilität im offensiven Mittelfeld, Konsequenz in der Absicherung

Hudson-Odoi hat aus dieser Position öfter die Zeit, mit dem Ball loszudribbeln – zuvor war er als Flügelstürmer oft in etwas zentraleren Räumen unterwegs und bekam schon früher Gegnerdruck. Nun kann der Tempodribbler seine Geschwindigkeit besser ausspielen und hat sich prompt zu einem wichtigen Akteur der Blues entwickelt.
Die beiden Flügelspieler bekommen so viel Platz, weil Chelsea es dem Gegner im Zentrum sehr schwer macht: Die hängenden Spitzen Timo Werner und Mason Mount werden vom vorrückenden Kovacic unterstützt, sodass Chelsea mit drei Spielern im offensiven Mittelfeld vor Sechser Jorginho agiert. Außer gegen Mannschaften mit Mittelfeldraute hat Chelsea somit gegen jedes System eine Überzahl im Mittelfeldzentrum.
Um dieses Problem zu lösen, schieben gegnerische Abwehrspieler immer wieder vor – und bieten Chelsea damit interessante Räume an. So ist es beispielsweise oft der gegnerische Rechtsverteidiger, der sich an Werners Position orientiert. Verlässt der Rechtsverteidiger jedoch die Abwehrkette, wird dort ein großer Raum frei, den Alonso beläuft.
Schiebt hingegen ein gegnerischer Innenverteidiger vor, folgen tiefe Laufwege von Kovacic ins Sturmzentrum. Chelsea provoziert so also Situationen, in denen der Gegner mit Gegenbewegungen konfrontiert wird, die sehr schwer zu verteidigen sind.

Timo Werner spielt seit Sommer 2020 für den FC Chelsea

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Tuchel "befreite" die Offensivspieler

Um gegen die individuell stärkeren Teams in der Premier League zu gewinnen, muss Chelsea in puncto Konterabsicherung weiterhin so konsequent und mutig agieren wie gegen Atlético. Schon in Ballbesitz suchten die Spieler der Dreierkette direkt den Gegnerkontakt und konnten nach Ballverlusten sofort zugreifen. Dabei gilt das Prinzip: Lieber zehn Meter nach vorne verteidigen als sechzig Meter nach hinten zu sprinten. Gerade gegen das so konterstarke Manchester United wird dies am Sonntag (17:30 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) ein entscheidender Faktor sein.
Eurosport-Check: Ein andribbelnder Azpilicueta, ein strippenziehender Jorginho oder ein stürmender Alonso: Tuchel hat den verschiedenen Spielertypen in der Defensive passende Rollen zugewiesen und kann sich daher an einem sicheren, aber zielstrebigen Aufbauspiel erfreuen.
Die neue Struktur "befreit" die Offensivspieler, die sich nun sehr frei zwischen den Ketten bewegen können – und immer wieder Möglichkeiten bekommen, ihr Tempo bei den tiefen Laufwegen auszuspielen. Wenn die Konterabsicherung nun konstant so gut organisiert und aggressiv ausgeführt wird wie gegen Atlético, ist Chelsea in dieser Saison noch sehr viel zuzutrauen.
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