Es war ein Ilkay-Gündogan-Moment, wie er typischer nicht hätte sein können.
Manchester City hatte gerade mit 4:1 in Anfield beim FC Liverpool gewonnen - zum ersten Mal seit Mai 2003. Hatte den großen Rivalen im Titelkampf gedemütigt und auf zehn Punkte distanziert.
Gündogan hatte zwei entscheidende Tore erzielt. Überschwängliche Freude, Genugtuung und Stolz wären verständliche Emotionen gewesen, doch Gündogan blieb wie immer bescheiden.
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"Wir versuchen, Hürde für Hürde zu nehmen und sehen das nicht als selbstverständlich an. Wir versuchen demütig zu bleiben und weiter zu kommen", sagte der 30-Jährige im Interview mit "Sky".

Gündogan entdeckt den Torjäger in sich

Es ist ein nobler Charakterzug des deutschen Nationalspielers, der sich jüngst als jemanden bezeichnete, der "vielleicht nicht selbst strahlt", aber "es anderen ermöglicht, zu strahlen".
Doch gegen Liverpool machte er genau das. Schon wieder muss man sagen. Seine wichtigen Treffer zum 1:0 und 2:1 waren bereits die Saisontore Nummer acht und neun für den Mittelfeldspieler, der großen Anteil am aktuellen Siegeszug der Citizens hat. Wettbewerbsübergreifend ist das Team von Pep Guardiola seit mittlerweile 14 Spielen ungeschlagen.
Dass sich Gündogan von einem in der ersten Hälfte verschossenen Elfmeter nicht verunsichern ließ, zeigt zudem, wie groß sein Selbstbewusstsein aktuell ist.
"Er hat einen unglaublichen Riecher dafür, im richtigen Moment und mit dem richtigen Tempo da zu sein, um ein Tor zu machen", erklärte Guardiola die neu entdeckte Stärke seines Schützlings.

Guardiola schwärmt von Gündogan: "Hat einen unglaublichen Riecher"

Guardiola lässt Gündogan mehr Freiheiten

Der Spanier hat daran einen entscheidenden Anteil. Ließ der Ex-Bayern-Trainer den 30-Jährigen in der Vergangenheit oft als alleinigen Sechser oder Teil einer Doppel-Sechs auflaufen, setzt er ihn jetzt vermehrt im 4-3-3 auf einer der beiden Halbpositionen im Mittelfeld ein.
"Einen defensiven Anker hinter sich zu wissen, gibt ihm mehr Freiheiten und ohne David Silva (verließ ManCity im vergangenen Sommer in Richtung San Sebastian) hat er deutlich öfter den Ball", erklärt Fußball-Experte Pete Sharland von Eurosport in London.
War zu Beginn der Saison noch oft der Matchplan, den Ball in wichtigen Momenten Kevin De Bruyne zu überlassen und sich auf die Genialität des Belgiers zu verlassen, ist City mittlerweile als Team viel ausgeglichener. Dass der Mittelfeldchef aktuell mit einer Muskelverletzung im Oberschenkel ausfällt, fiel in den vergangenen drei Wochen kaum auf.
"Ohne De Bruyne sind sie unberechenbarer. Das hilft ihrer Funktionalität als Team - und das hilft wiederum Gündogan", so Sharland.

Machester City: Gündogan tritt ins Rampenlicht

Seit er 2016 von Dortmund ins nassgraue Manchester gewechselt war, gehörte Gündogan immer zu den Stützen des Teams. Zumindest, wenn er denn nicht gerade verletzt war. Zum Ende der Saison 2018/19 zum Beispiel. "Ich glaube, ohne ihn und seine Qualitäten, seine Vision, wären wir nicht Meister geworden", lobte Guardiola einst.
Doch damals standen - wie so oft - andere im Rampenlicht. Jetzt ist es Gündogan, der mit seinen Toren heraussticht.
"Manchmal hat man eine Saison, in der es irgendwie läuft. Ich versuche einfach, den bestmöglichen Fußball zu spielen", sagt Gündogan von sich selbst. Bescheiden wie immer, natürlich. Dabei ist er spätestens seit Dezember der formstärkste und beste Mittelfeldspieler der Premier League, wenn nicht gar Europas.
Das ist noch beeindruckender, wenn man bedenkt, dass der deutsche Nationalspieler zu Saisonbeginn lange mit einer Corona-Infektion ausfiel und noch Wochen später an den Folgen litt. Von den fünf Liga-Spielen, die Gündogan infolgedessen nicht auf dem Platz stand, gewann City übrigens nur eines.
Mittlerweile thronen die Skyblues mit fünf Punkten Vorsprung auf Stadtrivale Manchester United an der Tabellenspitze. Gündogan hat die dritte Meisterschaft in vier Jahren anvisiert - und die EM fest im Blick.

Gündogan macht sich für Löw unverzichtbar

Auch Bundestrainer Joachim Löw wird diese Entwicklung nämlich nicht entgangen sein. In der Nationalmannschaft war Gündogan zuletzt zwar ohnehin gesetzt, die Konkurrenz in der Zentrale ist mit Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Toni Kroos, Kai Havertz und Florian Neuhaus aber extrem groß.
Im Hinblick auf die Europameisterschaft im Sommer sollten Gündogan seine aktuellen Top-Leistungen also helfen, zumal die DFB-Auswahl erst Ende März nach fünfmonatiger Pause wieder zusammentrifft.
"Sie können sich nicht vorstellen, wie wichtig es für uns ist, einen Spieler wie ihn zu haben. Er ist so intelligent und clever, er versteht das Spiel perfekt und weiß in jeder Aktion, was er zu tun hat und was das Beste für das Team ist", schwärmte Guardiola Anfang des Jahres.
Wie könnte Löw auf einen solchen Spieler verzichten? Vor allem, wenn er jetzt auch noch den Torjäger in sich entdeckt hat.
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