Die Volksseele kocht noch immer und führte jetzt tatsächlich dazu, dass ein Spiel im Stadion Old Trafford zwischen Manchester United und dem FC Liverpool verschoben werden musste.
Mehrere Hundert Anhänger von United hatten sich über einen Fan-Shop Zugang in das Stadion verschafft, dort sogar Leuchtraketen gezündet und wie eine Herde wild gewordener Stiere um sich getreten. Bierflaschen flogen, Wut brach sich Bann. Wut und Hilflosigkeit.
Es sollte der Protest sein gegen die Besitzer von Manchester United und überhaupt gegen die komplette Fußballszene, von der sich die getreuen Fans verraten fühlen.
Bundesliga
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04/05/2021 AM 08:31
Die geplante Super League hatte allen vor Augen geführt, wie sehr sie alle nur noch Staffage sind im Spiel der Milliardäre. Joel Glazer aus den USA, der Vorstandsvorsitzende von Manchester United, war einer der treibenden Kräfte für die Super League und dort als Vizepräsident geplant.

Fans von Manchester United protestieren vor dem eigenen Stadion

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Mitgliedervereine werden immer weniger

Eine neue Liga sollte entstehen, getreu dem Vorbild in den USA ohne Abstieg. Ein in sich geschlossener Kreis, der einzig und allein einen Zweck verfolgt: Geld verdienen, noch mehr Geld.
Wie sehr Glazer damit den Nerv der Fans trifft, konnte er schon vor 15 Jahren erfahren, als er nur mit Hilfe einer Polizeieskorte das Stadion verlassen konnte.
Unverhohlen wurde ihm Hass entgegengeschleudert. Geändert hat sich das nicht. Im Gegenteil. Die Situation in ganz Europa ist im Grunde ähnlich geworden. Es gibt immer weniger sogenannte "Mitgliedervereine". Die Fans sind reduziert worden auf die Größe eines Vereinsschals. Ein Accessoire, dass man im Fan-Shop kaufen kann.
Er ist ein notwendiges Übel und jetzt, in den Corona-Zeiten, in denen er nicht ins Stadion gehen darf, wird ihm das an jedem Spieltag immer klarer. Die Welt der reichen Besitzer seines so sehr geliebten Vereins dreht sich einfach weiter. Der Fan hat ausgedient. Er ist nur noch für die Stimmung zuständig. Irgendwann mal wieder. Mehr Einfluss ist nicht mehr gegeben.
Es sind Scheichs von der arabischen Halbinsel, chinesische Unternehmer, russische Oligarchen, Hedgefonds aus den USA und Milliardäre, deren Geschäft schlicht der Sport ist. So gehört Joel Glazer auch ein Team - das Wort Verein verbietet sich in diesem Zusammenhang - der National Football League (NFL). Seine Tampa Bay Buccaneers gewannen gar den Super-Bowl.
Und Manchester City wird mit 4,3 Milliarden Euro gar als wertvollster Fußballclub der Welt gelistet und ist in den Händen von Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, einem Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi. Eine Holding aus China ist auch noch mit ein paar Prozent in der "City-Football-Group" dabei, die Dependancen in den USA und Australien betreibt.

Ole Gunnar Solskjaer mit den Klub-Besitzern Joel Glazer und Avram Glazer

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Ansätze sind auch in Deutschland erkennbar

Globaler Fußball dominiert und wer da glaubt, Deutschland ist dagegen eine Insel der Glückseligkeit, der verschließt die Augen vor dem Ansturm der Stiere in Leipzig. Längst hat der österreichische Milliardär und Brausehersteller Dietrich Mateschitz ein ähnliches Modell installiert.
Der neue Trainer und Nachfolger von Julian Nagelsmann kommt von RB Salzburg zu RB Leipzig. Und auch bei Hertha BSC stehen die Zeichen auf Veränderung, wobei die sogenannte 50+1-Regel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit eleganten Konstrukten umgangen wird. Ohne Regelverletzung.
Das ist sie, die neue Welt im Fußball, die viele Fans nicht mehr verstehen. Mitgliederversammlungen, wie sie der FC Bayern noch immer durchführt, sind auch nur Augenwischerei und dienen zur Beruhigung der Fans. Es wird ihnen suggeriert, dass sie noch immer eine irgendwie geartete Bedeutung haben. Das Blendwerk funktioniert, während in England, Italien oder Frankreich längst darauf verzichtet wird.
Der Ausbruch im Old Trafford ist dennoch unentschuldbar, auch wenn er nicht mehr war als die Frustbewältigung über ein schon Jahre dauerndes Unverständnis und auch über die große Schere zwischen der Arbeiterklasse, den Fans und den Superreichen, die ihnen ihren Sport, ihren Fußball, ihren Verein gestohlen haben.
Für immer. Es bleibt nur noch der Schal und die alte Liebe. Viel ist das nicht.

ZUR PERSON SIGI HEINRICH:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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