Acht Jahre lang spielte Thiago Alcántara beim FC Bayern, acht Jahre schieden sich am Spanier die Geister.
Für die einen gehörte der Mittelfeld-Regisseur über Jahre hinweg zu den besten Spielern der Bundesliga. Seine spielerische Eleganz, seine technischen Fähigkeiten suchten ligaweit ihresgleichen. Thiago war Publikumsliebling, denn er liebte das Spektakel.
Seine Kritiker machten ihm jedoch genau das zum Vorwurf. Thiago übertreibe es hier und da mit seinen Kabinettstückchen und glänze meist in den unwichtigen Spielen - in der entscheidenden Saisonphase, in der tiefen K.o.-Phase der Champions League, so der Vorwurf, tauche er jedoch zu oft ab.
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Seit diesem Sommer ist die Diskussion um den 29-Jährigen in Deutschland etwas abgeflacht. Thiago ist nun Spieler des FC Liverpool. Sein Transfer wurde von Experten auf der Insel als Coup gefeiert.
Doch nach gerade einmal 331 Spielminuten für seinen neuen Klub werden nun erneut kritische Stimmen laut. Und die ähneln in beängstigend Art und Weise jenen seiner Kritiker in Deutschland.

Deftige Kritik an Thiago: "Der absolut falsche Mann für Liverpool"

Er mache "die Offensive langsam", befand beispielsweise Sportjournalist Adrian Durham bei "Talksport" nach dem 0:0 im Topspiel gegen Manchester United. "Seit Thiago da ist, hat sich das Team von Heavy Metal zu Fahrstuhlmusik entwickelt." Thiago habe eine "großartige Karriere" hingelegt und sei ein "talentierter Fußballer, aber der absolut falsche Mann für Liverpool", urteilte der Premier-League-Experte.
Kritisch äußerte sich zuletzt auch der ehemalige Liverpool-Profi und heutige "Sky"-Experte Dietmar Hamann: "Die Leute haben sehr viel aus der Ankunft von Thiago gemacht, aber einige haben auch gesagt, dass er die Dinge wirklich langsam macht und nicht wirklich nach Liverpool-Art spielt", so der 47-Jährige im Interview mit "Talksport".

Thiago - FC Liverpool

Fotocredit: Getty Images

Der Spanier spiele "einen anderen Stil", führte Hamann aus. "Er will in Ballbesitz sein, aber Liverpool war immer dann gut, wenn sie nicht den Ball hatten. Und dann, wenn sie den Ball hatten und schnell nach vorne gespielt haben. Und Thiago ist nicht dieser Spielertyp."

Wasser auf die Mühlen der Thiago-Kritiker

Liverpools Coach Jürgen Klopp sah das selbstverständlich anders: "Thiago hat großartig gespielt", entgegnete der 53-Jährige den Kritikern seines Schützlings und wies bei dieser Gelegenheit darauf hin, dass der Spanier aufgrund seiner Knieverletzung zum Saisonbeginn eher ein "gefühlter Winterneuzugang" sei.
Durchaus deftige Kritik, die da auf Thiago, der gegen die Red Devils gerade sein erstes Heimspiel für den LFC absolvierte, einprasselte. Wohlgemerkt in einer Phase, in der den Reds ohnehin vieles nicht so einfach fällt wie gewohnt.

Thiago Alcántara im Spiel gegen den FC Burnley

Fotocredit: Getty Images

Seit fünf Spielen ist Liverpool in der Liga aktuell ohne Sieg. Neun Halbzeiten warten die Reds auf einen eigenen Treffer, am Donnerstag riss zu allem Überfluss gegen den FC Burnley (0:1) auch noch die Serie von 68 ungeschlagenen Heimspielen. Thiago stand auch in diesem Spiel die vollen 90 Minuten auf dem Feld - Wasser auf die Mühlen seiner Zweifler.

Thiago: Herr der Ballaktionen

Es ist nicht wegzudiskutieren, dass der Neuzugang vom FC Bayern noch Luft nach oben hat. Alles andere wäre aufgrund einer Corona-Erkrankung zu Saisonbeginn und einer langwierigen Knieverletzung, die ihn zwei Monate und zehn Spiele außer Gefecht setzte, auch verwunderlich.
Natürlich darf Thiagos Einfluss auf das Spiel des LFC diskutiert werden, allerdings muss dies in der richtigen Verhältnismäßigkeit geschehen. Unverhältnismäßig ist es, ihn als Hauptverantwortlichen für die aktuelle Schwächephase der Reds zu machen.
Immerhin: Seine Ballsicherheit und Taktgeber-Qualitäten brachte er schon mal mit ein. 122 Ballaktionen und 96 gespielte Pässe (beides Topwerte), von denen gut 87 Prozent den Mitspieler fanden, steuerte er bei seinem Heimdebüt gegen United bei. Auch gegen den Ball warf der 29-Jährige sich rein, führte 16 Zweikämpfe (ebenfalls Topwert) und gewann 56,3 Prozent.

Thiago Alcantara

Fotocredit: Getty Images

Liverpool-Legende John Barnes erkannte das durchaus an, legte die Werte allerdings etwas anders aus: "Thiago hat das Spiel an sich gerissen und war in der ersten Halbzeit der auffälligste Mann auf dem Platz. Ich denke aber nicht, dass er der Offensiv-Reihe damit zwangsläufig geholfen hat", befand der 57-Jährige und stellte dem FC Liverpool, bei dem Thiago eine Hauptrolle spielen soll, ein schlechtes Zwischenzeugnis aus: "Wir alle müssen uns offenbar an ein neues System gewöhnen. Eines, das im Moment noch nicht funktioniert."
Gegen Burnley hatte Thiago nun etwas weniger Einfluss aufs Spiel. Mit 84 Ballaktionen hatte der Spanier die viertmeisten Kontakte in seiner Mannschaft und war auch im Zweikampf nicht so überzeugend (30 Prozent).

Thiago: Liverpool-Krise ist auch eine Chance

Wenn es um funktionierende oder eben nicht funktionierende Dinge innerhalb einer Fußballmannschaft geht, sollte sich in erster Linie der Trainer angesprochen fühlen. Klopp war es schließlich, der Thiago im Sommer unbedingt an die Anfield Road holen wollte - und ihn auch bekam. Der ehemalige BVB-Coach kennt seinen neuen zentralen Mittelfeldspieler aus diversen Duellen in der Bundesliga mit dem FC Bayern und hat großes Vertrauen in die Stärken des 29-Jährigen.
Klopp weiß aber auch, wie wenig Zeit den absoluten Topstars im Profifußball dieser Tage eingeräumt wird. Thiago ist ein halbes Jahr an der Merseyside - Verletzungen hin oder her, so langsam sollte der Königstransfer zünden.

Klopp über Thiago: "Wie ein Winter-Neuzugang"

Dass Thiago pünktlich zur Krisenzeit in die Stammformation des amtierenden englischen Meisters zurückkehrt, darf dabei durchaus als Chance gesehen werden. Drückt der Spanier dem Spiel der Reds in den kommenden Partien seinen Stempel auf, während die Mannschaft wieder Siege einfährt, könnten die Kritiker schnell verstummen.
Noch jedoch wird Thiago von Selbigen als Luxus wahrgenommen. Ein Spieler, der auf dem Spielberichtsbogen zwar etwas hermacht, die Mannschaft sportlich aber nicht weiterbringt.
Was auch immer in den kommenden Wochen beim FC Liverpool passiert, eines scheint sicher: An Thiago werden sich auch zukünftig die Geister scheiden ...
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